Virtuelle Welten verursachen Stress

Wer sich vom Strudel von ständigem Konsum und andauernder Action verfängt, sucht oft nach einem Ausgleich in virtuellen Beziehungen. Hans-Otto Thomashoff warnt: „Doch im Vergleich mit den Reichen und Schönen nimmt der Stress nur zu. Und Likes können ein echtes Lächeln nicht ersetzen. Dasselbe gilt für die Ersatzbeziehungswelten in Videospielen, Internetpornos und Fernsehserien.“ Die Stressbelastung steigt weiter an. Unzufriedenheit entsteht. Man sucht Gleichgesinnte, mit denen man die Gründe für das eigene Unbehagen ausmacht, die jedoch oft an den wahren Ursachen vorbeigehen. Wut und Resignation verstärken den Druck. Im Dauerstress werden Entzündungsparameter im Blut hochgefahren und die Bildung von Antiköpern gehemmt. Das Krankheitsrisiko steigt, die Lebenserwartung sinkt. Hans-Otto Thomashoff ist Facharzt für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychoanalyse in eigener Praxis in Wien.

Erfüllte Beziehungen steigern die Zufriedenheit

Das wirksamste Mittel gegen Stress sind gute Beziehungen. Sie setzen im menschlichen Körper das Bindungshormon Oxytocin frei, eines der stärksten Gegenspieler des Stresshormons Cortisol. Ein gesellschaftlicher Rahmen für ein erfülltes Beziehungsleben steigert daher die Zufriedenheit und die Gesundheit der Bevölkerung. In der Politik ist dieses Thema leider bislang nicht angekommen. Nicht dass sie sich in die Beziehungen der Menschen einmischen sollte, doch sollte sie die Lebensbedingungen an ihren sozialen Grundbedürfnissen ausrichten.

Hans-Otto Thomashoff fordert: „Eine echte Sozialpolitik müsste gezielte Rahmenbedingungen für das soziale Beziehungsnetz der Menschen gestalten, anstatt sich auf das Verteilen von Geld reduzieren zu lassen.“ Doch entsteht ein solcher Fokus erst gar nicht, weil die Politiker im Sog des kurzlebigen Aktionismus stehen und deshalb keinen Blick für das eigentlich Wesentliche haben. Sie wollen wiedergewählt werden und benötigen dazu Aufmerksamkeit. Das sind die Regeln des aktuellen politischen Systems.

Das Gefühl lässt sich leichter bedienen als der Verstand

Beziehung ist kein Wert im politischen Aktionismus, der sich in Geld beziffern lässt. Und doch kommt paradoxerweise die Macht der Beziehung in der politischen Werbung permanent zum Einsatz. Denn die Wahlkampfmanager haben längst begriffen, wie wahlentscheidend das Thema ist. Kaum ein Wahlkampf wird noch wesentlich um Inhalte geführt. Im Zentrum der Wahlwerbung stehen stattdessen glückliche oder – je nach politischer Ausrichtung – wütende Menschen.

Es wird an das Gefühl der Wähler appelliert, weil das Gefühl stärker über Wahlen entscheidet, wenn es angeheizt ist und dadurch den Verstand in den Hintergrund drängt. Hans-Otto Thomashoff ergänzt: „Und weil es leichter ist, das Gefühl zu bedienen als den Verstand.“ Vielfach wird den Bürgern auch der Verstand abgesprochen, wenn allein das Vertrauen in die Politiker beworben wird. Der Wähler wird hierdurch regressiv in die Position eines behüteten Kindes gedrängt, das sich vertrauensvoll von einem Vormund leiten lassen soll. Quelle: „Mehr Hirn in die Politik“ von Hans-Otto Thomashoff

Von Hans Klumbies

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