Herbert Marcuse scheibt: „Gerade der Fortschritt der Kultur und Zivilisation unter dem Leistungsprinzip hat einen Stand der Produktivität mit sich gebracht, angesichts dessen die Ansprüche der Gesellschaft auf Verausgabung von Triebenergie in entfremdeter Arbeit um ein Beträchtliches vermindert werden könnten.“ Sigmund Freuds Argument der Knappheit mag für vergangene Zeiten Gültigkeit besessen haben, doch heutzutage dient scheinbare Knappheit ideologisch dazu, die Menschen weiterarbeiten zu lassen, auch wenn ein Teil dieser Arbeit nicht mehr notwendig ist, um die Bedürfnisse zu erfüllen. Stuart Jeffries ergänzt: „Dieser Teil bildet mithin einen Überschuss, der die Herrschaft der Kapitalisten über die Arbeiter stützt.“ Die ideologische Funktion harter Arbeit gibt es wohl nach wie vor. Stuart Jeffries arbeitete zwanzig Jahre für den „Guardian“, die „Financial Times“ und „Psychologies“.
Hans Klumbies
Eltern müssen den Kindern die Welt zeigen
Im öffentlichen Schulsystem wird in der Regel sehr nachlässig mit den Talenten der Kinder umgegangen. Deshalb versuchen viele Eltern, selbst Verantwortung zu übernehmen. Andreas Salcher betont: „Das kann durchaus etwas Positives und sogar Notwendiges sein.“ Nun, hoffentlich mit der nötigen Vorsicht gegenüber zu viel Ehrgeiz der Frühförderung den eigenen Kindern gegenüber gewappnet, möchte Andreas Salcher auch die Gegenposition von Alice Mille darstellen. „Um uns in der Welt schrittweise einzuquartieren, sind wir darauf angewiesen, dass man sie uns zeigt,“ schreibt Donata Elschenbroich in ihrem Bestseller „Weltwissen der Siebenjährigen“. Die Autorin stellt die Frage: Was sollen Eltern ihren Kindern in den ersten Lebensjahren vermitteln, womit sollen sie in Berührung kommen? Dr. Andreas Salcher ist Unternehmensberater, Bestseller-Autor und kritischer Vordenker in Bildungsthemen.
Viele Menschen kennen keine Grautöne
Ein immer neues Schlichtungsverfahren ist der Basiskonsens der Bürgermehrheit. Sonst funktioniert die Demokratie nicht. Reinhard K. Sprenger erklärt: „Was die Gegensatzpaare zusammenhält, nennt man dialektische Spannung. Anders formuliert: Konflikt.“ Der Konflikt besteht darin, dass die Dinge erst von ihrem Gegenteil belebt werden, erst durch das Gegenteil verständlich sind. Aber dieses Gegenteil trägt auch das „Andere“ ins Leben. Das heißt, jeder Mensch hat es mit Gegensätzen zu tun, die ohne einander nicht existieren, und gleichzeitig sich wechselseitig verneinen. Das ist paradox und dennoch die Quelle vieler Konflikte. Der Grund liegt darin, dass viele Menschen nur Weiß können. Oder nur Schwarz. Lust auf Grau? Das können nur wenige. Reinhard K. Sprenger zählt zu den profiliertesten Managementberatern und wichtigsten Vordenkern der Wirtschaft in Deutschland.
Die meisten Ideen entstehen aus Bekanntem
Schöpferisches Denken entspringt dem kollektiven Gehirn. Stefan Klein erklärt: „Ein Mensch, der ein Problem zu lösen versucht, […] wird scheitern, wenn er nach dem Idealbild des Originalgenies meint, alle Einfälle aus sich selbst schöpfen zu können.“ Aussicht auf Erfolg hat nur, wer die in einer Kultur geronnenen Erfahrungen anderer kennt und zur Grundlage seiner Überlegungen macht. Das im kollektiven Gehirn gespeicherte Wissen ist das Material, aus dem sich Ideen formen. Denn die meisten Ideen entstehen aus der Kombination von Bekanntem. Seit ihren Anfängen ist Kultur ein Baukasten, der sich selbst zu erweitern vermag: Menschen verbinden Konzepte zu neuen Konzepten. Stefan Klein zählt zu den erfolgreichsten Wissenschaftsautoren der deutschen Sprache. Er studierte Physik und analytische Philosophie in München, Grenoble und Freiburg.
Intelligenz findet im Gehirn statt
Zunächst hält Jakob Pietschnig fest, dass Intelligenz ein Prozess ist, der grundsätzlich im Gehirn stattfindet. Das erscheint heute als selbstverständlich, und keine seriöse wissenschaftliche Quelle würde diese Annahme in Abrede stellen. Historisch gesehen ist dieser Konsens allerdings nicht so alt, wie man das möglicherweise vermuten würde. Jakob Pietschnig blickt zurück: „Schon die alten Ägypter wussten um die 3.000 Jahre vor Christus, dass Kopfverletzungen mit Sprachverlust einhergehen können.“ Zu dieser Zeit herrschten zahlreiche bewaffnete Konflikte. Kriegsverletzungen wiesen darauf hin, dass Schädeltraumata der kognitiven Fähigkeiten von Menschen beeinflussen können. Trotzdem wurde in dieser Zeit das Gehirn als Sitz der geistigen Fähigkeiten nicht erkannt. Jakob Pietschnig lehrt Differenzielle Psychologie und psychologische Diagnostik am Institut für Psychologie der Entwicklung und Bildung in Wien.
Lucy F. Jones stellt die Biophilie vor
Edward Osborne Wilson studierte das Sozialleben der Ameisen nahezu obsessiv und veröffentlichte schließlich diverse preisgekrönte Bücher und biologische Studien. Zweimal gewann er für seine Bücher den Pulitzer-Preis, für „On Human Nature (1979) und „The Ants“ (mit Bert Hölldobler, 1990) sowie 1976 die National Medal of Science. Lucy F. Jones ergänzt: „1984 löste sein Buch „Biophilia“ einen Boom in der Naturtherapie aus, ebenso in biophilem Design, biophiler und dem Forschungsfeld von Natur und Gesundheit im weiteren Sinne.“ Der Text behandelt verschiedene Themen: Er ist ein Manifest für eine neue Ethik der Bewahrung angesichts der beginnenden Biodiversitätskrise, die bereits 1984 spürbar war. Lucy F. Jones ist Journalistin und schreibt regelmäßig zu wissenschaftlichen Themen, Gesundheit, Umwelt und Natur für die BBC, The Guardian und The Sunday Times.
Leiden und Glück lässt sich nicht trennen
Die Auffassung, dass das Glück der Menschen vor allem etwas mit ihrer Sterblichkeit und der Vergänglichkeit zu tun hat, war in der Antike weit verbreitet. Im praktischen Leben kann diese Einsicht helfen, besser mit Schmerz, Trauer und Verlust umzugehen. Denn dann versteht man, dass diese Aspekte des Lebens notwendig mit Glück und Freude verbunden sind. Albert Kitzler stellt fest: „Wir können das eine nicht ohne das andere haben. Sie sind wie mit einem Strick zusammengeknotet, bemerkte Sokrates einmal.“ Das Verstehen dieser Lebenstatsache macht die Menschen duldsamer und stärker. So können sie unvermeidbares Leiden leichter ertragen. Man kann dann damit umgehen, die emotionale Erschütterung, die von solchen Leiden ausgeht, abzufedern und in seiner Mitte zu bleiben. Der Philosoph und Jurist Dr. Albert Kitzler ist Gründer und Leiter von „MASS UND MITTE“ – Schule für antike Lebensweisheit.
Menschen fürchten die soziale Ausgrenzung
Die zuständigen Hirnbereiche für Schmerz bei körperlicher Verletzung und jene für Schmerz bei sozialer Ausgrenzung sind nahezu identisch, wie funktionelle MRT-Untersuchungen sichtbar machen. Menschen waren von Natur aus niemals als Einzelwesen gedacht, sondern konnten nur in der Gemeinschaft in sicherer Verbindung mit anderen überleben, beweisen Bindungsforscher wie Henri Julius. Helga Kernstock-Redl stellt fest: „Die Beachtung sozialer Spielregeln und die Angst vor sozialer Ausgrenzung haben wir also in den Genen, auch wenn wir es als Erwachsene durchaus allein gut aushalten können.“ Um Schuldgefühle zu verstehen, ist es besonders spannend zu wissen, dass in der „Gehirn-Hardware“ Spiegelneuronen für den Sozialkontakt fix einprogrammiert sind. Diese wurden erstmals bei Primaten entdeckt. Helga Kernstock-Redl ist Psychologin und Psychotherapeutin. Sie beschäftigt sich vor allem mit der Psychologie der Gefühlswelt.
Zivilcourage kann jeder lernen
Kann man Zivilcourage lernen? Ja, sagt der Pädagoge Kurt Singer. Man muss hinschauen statt wegschauen, die Angst annehmen und sich mit seinen Wertvorstellungen kenntlich machen. Zudem sollte man sich Sachverständnis aneignen, persönliche Gefühle einbeziehen und sich Rückhalt und Solidarität in einer Gruppe suchen. Es ist ratsam, kleine Schritte zu wagen, sozialen Mut zu üben, sich gewaltfrei auseinandersetzen sowie haltgebende Ideen, emotionale und moralische Kräfte zu stärken. Wo kann man das lernen? Klaus-Peter Hufer weiß: „Fest steht und empirisch bestätigt ist, dass frühe Erfahrungen in Familie und Erziehung eine wesentliche Rolle spielen.“ Das trifft vor allem dann zu, wenn Jugendliche als Kinder und junge Erwachsene ernst genommen und als Personen – „so wie du bist“- angenommen wurden. Klaus-Peter Hufer promovierte 1984 in Politikwissenschaften, 2001 folgte die Habilitation in Erziehungswissenschaften. Danach lehrte er als außerplanmäßiger Professor an der Uni Duisburg-Essen.
Selbst-Lust erzeugt Glücksgefühle
Mit sich im Frieden zu leben, mit dem eigenen Selbst halbwegs versöhnt zu sein und in Momenten der Muße immer wieder Gelegenheiten zu finden, bei sich selbst zu sein: Solche „Selbst-Lust“ ist die Quelle tiefer, oft spontan, wie aus dem Nichts auftauchender Glücksgefühle. Joachim Bauer weiß aber auch: „Andererseits bringen Begegnungen mit dem eigenen Selbst viele Menschen in erhebliche Not, was, um dieser Not zu entgehen, ein Bedürfnis nach ständiger Ablenkung hervorrufen kann.“ Wer sucht, der findet: Die modernen Kommunikationsmittel bieten jedem Bedürftigen grenzenlose Möglichkeiten, sich durch ständig eintreffende Signale oder Nachrichten, auf die selbstverständlich sogleich reagiert werden muss, ablenken zu lassen. Das Ergebnis ist ein gehetzter Lebensstil, bei dem die Bremse fehlt und jeder Zwischenraum zwischen Reiz und Reaktion verloren geht. Joachim Bauer ist Arzt, Neurowissenschaftler, Psychotherapeut und Bestsellerautor von Sachbüchern.