Das moderne Selbst will sich frei entfalten

Das spätmoderne Subjekt spricht sich selbst einen Wert als Individuum zu. Vor diesem Hintergrund steht die Legitimität der freien Entfaltung dieses Selbst überhaupt nicht in Frage. Sie scheint sozusagen natürlich zu sein. Andreas Reckwitz weiß: „Gesellschaftlich realisieren lässt sich das sich selbst verwirklichende Subjekt prinzipiell auf zwei Wegen.“ Der eine wurde von der Counter Culture der 1970er Jahre gegangen, wohingegen der andere mit der neuen Mittelklasse dominant wird. Die weltabgewandte Selbstverwirklichung der Gegenkulturen bewegte sich in subkulturellen Nischen. Es war gegen das System der Mehrheitsgesellschaft und deren entfremdete, spießige Praktiken gerichtet. Zugleich wurde das Selbst hier als ein Gegenstand extensiver Selbstexploration verstanden, in deren Verlauf die wahren, authentischen Wünsche zu entdecken waren. Andreas Reckwitz ist Professor für Kultursoziologie an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt / Oder.

Die weltzugewandte Selbstverwirklichung dominiert seit den 1980 Jahren

Die weltabgewandte Selbstverwirklichung war gewissermaßen in einem doppelten Sinn eine „Reise nach innen.“ Ganz anders verhält es sich mit der weltzugewandten Selbstverwirklichung, wie sie seit den 1980er Jahren dominiert. Die Suche nach Erlebnissen und Erfahrungen sieht sich hier nicht mehr auf eine Subkultur zurückgeworfen. Sondern sie richtet sich auf die reichhaltigen, heterogenen Kultur- und Erlebnisofferten der globalen Welt. Es steht dabei außer Frage, dass sich dieses Selbst erst im Umgang mit der Welt verwirklicht.

Andreas Reckwitz erklärt: „Was ich eigentlich bin und wirklich will, erweist sich erst in meinen alltäglichen Praktiken, in dem, was ich für mich ausprobiere und gerne oder mit Leidenschaft tue.“ Diese weltzugewandte Selbstverwirklichung muss voraussetzen, dass die Welt für eine solche Haltung eingerichtet ist. Tatsächlich kommt die Spätmoderne mit ihren reichhaltigen Offerten der globalen und digitalen Ökonomie der Singularitäten einem solchen subjektiven Selbstverwirklichungsstreben entgegen und stärkt es.

Der Alltag soll wertvoll aussehen

Die weltzugewandte Selbstverwirklichung der Spätmoderne ist also zugleich eine selbstorientierte Weltverwirklichung. Andreas Reckwitz stellt fest: „Sie ist mit alltägliche Prozessen und der Singularisierung der Welt verknüpft.“ Was macht den spätmodernen Lebensstil nun genau zu einem singularistischen? Die Antwort lautet: Kulturalisierung und Singularisierung sind nicht nur systemische Makroprozesse des Kulturkapitalismus und der digitalen Medien.

Sondern die Subjekte der neuen Mittelklasse betreiben selbst eine ständige Mikropraxis der Kulturalisierung und der Singularisierung, in der sie sich zu verwirklichen meinen. Die Ästhetisierung des Lebens, in der die alltäglichen Dinge und Praktiken zu Gegenständen sinnlichen Wohlgefallens werden – vom Design über Kultur-Events bis zum Umgang mit den Kindern –, ist dabei besonders hervorzuheben. Das Subjekt, das nach Selbstverwirklichung strebt, versucht möglichst viele Bestandteile seines Alltags einer Kulturalisierung zu unterziehen und damit zu etwas im starken Sinne Wertvollen zu machen. Quelle: „Die Gesellschaft der Singularitäten“ von Andreas Reckwitz

Von Hans Klumbies

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