In der Philosophie behandelt man die Frage „Welche Eigenschaft darf ich nicht verlieren, um weiterhin als Person zu existieren?“ unter dem Thema „personale Identität. Dabei geht es nicht um die Gruppenzugehörigkeit wie bei der Identitätspolitik. Sondern es geht darum, was einen Menschen über einen längeren Zeitraum zu derselben Person macht. Wenn sein moralischer Charakter einen Menschen als Person ausmacht, dürfte er ihn nicht verlieren, denn das käme dem Sterben gleich. Selbst wenn der Körper beispielsweise im Koma weiterexistierte. Philipp Hübl ergänzt: „Meine Arme und Beine hingegen könnte ich verlieren und wäre immer noch dieselbe Person. Nur eben mit einem veränderten Körper.“ Was also macht die Identität eines Menschen aus? Philipp Hübl ist Philosoph und Autor des Bestsellers „Folge dem weißen Kaninchen … in die Welt der Philosophie“ (2012).
Hans Klumbies
Stress führt in die psychische Regression
Übermäßiger Stress macht krank. Hans-Otto Thomashoff weiß: „Er ist in unserer Gesellschaft zu einer zentralen Gefahr für unsere Gesundheit und damit zum entscheidenden Kostenfaktor in unserem Gesundheitssystem geworden. Die Mehrheit aller Erkrankungen – rund 80 Prozent – geht wesentlich auf ein Übermaß an Stress und auf unseren Lebensstil zurück.“ Sie wären somit vermeidbar. Damit nicht genug, hat Dauerstress auch massive Auswirkungen auf das gesellschaftliche Klima. Das Niveau der Aggressivität steigt im Stress, wie jeder aus eigener Erfahrung weiß. Zugleich führt Stress in die psychische Regression. Wenn einem Menschen alles zu viel wird, dann strebt er nach Vereinfachung und will am liebsten die Verantwortung abgeben. Heutzutage ist man mit einer Paradoxie konfrontiert: Trotz wirtschaftlichen Wohlstands nimmt die Anfälligkeit für Stress in der Gesellschaft deutlich zu. Hans-Otto Thomashoff ist Facharzt für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychoanalyse in eigener Praxis in Wien.
Toleranz ist eine vorübergehende Gesinnung
Reinhard K. Springer erklärt: „Der Begriff „Ambiguitätstoleranz“ wurde nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelt. Man versuchte wissenschaftlich herauszufinden, wieso sich bei Nazi-Größen der extreme Antisemitismus als Persönlichkeitsmerkmal entwickelt hatte.“ Seinen publizistischen Niederschlag fand dieses Konzept in Theodor W. Adornos berühmten Buch „Studien zum autoritären Charakter“. Es ist ein schwieriger Begriff. Nicht nur wegen seiner Länge, nicht nur wegen des ungebräuchlichen Fremdwortes „Ambiguität“. Sondern auch wegen der „Toleranz“. Johann Wolfgang von Goethe hielt Toleranz für minderwertig: „Toleranz sollte eigentlich nur eine vorübergehende Gesinnung sein: Sie muss zur Anerkennung führen.“ Das ist, mit Verlaub, zu viel verlangt. Reinhard K. Sprenger will unterscheiden dürfen zwischen dem, was er tatsächlich befürwortet, und dem, was er erträgt und toleriert. Reinhard K. Sprenger ist promovierter Philosoph und gilt als einer der profiliertesten Managementberater und Führungsexperte Deutschlands.
Intelligenz ist mehr als erlerntes Wissen
Kaum jemand würde es sich wohl nicht zutrauen zu beurteilen, was intelligentes Handeln ausmacht oder welche Verhaltensweisen als intelligent einzustufen sind. Jakob Pietschnig ergänzt: „Auf die Frage, was Intelligenz denn eigentlich wirklich sei, hätten jedoch nur wenige eine passende Antwort.“ Viele Menschen würden zögern, Intelligenz als die Fähigkeit zu bezeichnen, richtige Antworten auf Wissensfragen geben zu können. Intelligenz ist mehr als das. Faktenwissen hat dennoch allem Anschein nach mit Intelligenz zu tun. Letztere lässt sich allerdings nicht auf ein bloßes Reproduzieren von Gelerntem beschränken. Man tastet sich mit Synonymen an den Begriff „Intelligenz“ heran. Zu einer gültigen Definition kommt man mit ihr ihnen jedoch auch nicht. So stellt „Begabung“ eine Voraussetzung für den Erwerb von bestimmten Fähigkeiten dar. Jakob Pietschnig lehrt Differentielle Psychologie und Psychologische Diagnostik an der Universität Wien.
Der Code des Bösen ist unbekannt
Da das Böse nur schwer beschrieben und nicht wirklich erfasst werden kann, wäre es vermessen, den Code des Bösen gleichsam entschlüsseln zu wollen. Reinhard Haller stellt fest: „Dennoch können vonseiten der Kriminalpsychologie und -psychiatrie Verhaltensweisen, Bilder und Szenarien beschrieben werden, die dem Bösen weitgehend entsprechen.“ Es muss sich dabei um Täterpersönlichkeiten und Taten handeln, die weit aus dem Normalen herausfallen, die Hemmschwelle für destruktives Verhalten auf einer sonst nicht gekannten Stufe überspringen und einen hohen Planungsgrad aufweisen. Dies setzt aufseiten der Täter einen psychopatischen Charakter mit fehlendem Einfühlungsvermögen und hochgradigem Sadismus sowie den Willen zur Beherrschung und Entmenschlichung anderer voraus. Es dürfen aber keine so schweren psychischen Störungen oder Erkrankungen vorliegen, als das eine freie Willensbildung nicht mehr möglich wäre. Der Psychiater und Psychotherapeut Reinhard Haller arbeitet vornehmlich als Therapeut, Sachverständiger und Vortragender.
Schuldzuweisungen sind massiv verletzend
Hinter verzweifelten oder zornigen Schuldzuweisungen steckt in manchen Fällen das Bedürfnis nach einem Sicherheitsgefühl. Helga Kernstock Redl erläutert: „Unterschiede und schuldhafte Fehler werden sogar extra konstruiert, um einem Pechvogel, möge dieser in Wahrheit noch so unschuldig an einer Situation sein, Mitschuld an seinem Unglück zuzuweisen.“ Für Angehörige von Verstorbenen, Kranken oder Verunfallten ist das naturgemäß kränkend, für Betroffene selbst sind solche Reaktionen regelrecht katastrophal und seelisch massiv verletzend. Werden sie dann noch durch eine mediale Form der Informationsaufbereitung, die den Opfern Schuld zuweist, gezielt in der Denkrichtung beeinflusst und emotionalisiert, lässt sich noch sicherer auf diejenigen schimpfen, die schließlich „an ihrem Unglück selbst schuld“ sind. Helga Kernstock-Redl ist Psychologin und Psychotherapeutin. Sie beschäftigt sich vor allem mit der Psychologie der Gefühlswelt.
Negative Beziehungen funktionieren nicht
Manchmal stellt man fest, dass man ein Objekt oder ein Subjekt begehrt, welches man jedoch nie als solches ergreifen oder besitzen kann. Man wird dann zwangsläufig mit der Nichtigkeit und Leere konfrontiert, die mit einer Aneignung des Ersehnten einherginge. Eine derartige Negativität ist für Eva Illouz eine positive Bewegung des Selbst. Und zwar in dem Sinne, dass es sich durch eine Projektion auf das Begehren eines anderen entfaltet, den es absorbieren oder mit dem es kämpfen will, und insofern bringt diese Negativität sowohl Identität als auch soziale Bindungen hervor. Mit „negativen Bindungen“ meint Eva Illouz hier allerdings und contra Hegel etwas anderes. Eva Illouz ist Professorin für Soziologie an der Hebräischen Universität von Jerusalem. Außerdem ist sie Studiendirektorin am Centre européen de sociologie et de science politique de la Sorbonne.
Sigmund Freud definiert den Eros
Herbert Marcuses repressionsfreie libidinöse Revolution kann nicht ganz ohne Arbeit zustande kommen. Immerhin hat Sigmund Freud Eros als das Streben definiert, „die Substanz zu immer größeren Einheiten zu formen, auf das das Leben verlängert und auf eine höhere Entwicklungsstufe gebracht werden kann“. Das hört sich nach Arbeit an, und Herbert Marcuse erkennt das auch durchaus an. Stuart Jeffries erklärt: „Die Freisetzung des Lustprinzips, die er vorschlägt, würde zwar die Art der Arbeit verändern, aber es ist und bleibt doch Arbeit.“ Herbert Marcuse schreibt: „Das erotische Ziel, den gesamten Körper als Subjekt / Objekt der Lust zu erhalten, verlangt eine kontinuierliche Revolution des Organismus.“ Was Herbert Marcuse als kontinuierliche Revolution bezeichnet, klingt stark nach Sisyphusarbeit. Stuart Jeffries arbeitete zwanzig Jahre für den „Guardian“, die „Financial Times“ und „Psychologies“.
Der Führer sät Hass gegen Minderheiten
Führer und Masse haben nüchtern betrachtet, außer ihren zueinanderpassenden Phantasmen, eigentlich keine gemeinsamen Interessen. Daher bedarf es eines gemeinsamen Feindes, um die ungleiche Ehe zwischen Masse und Führer zusammenzuhalten. Joachim Bauer weiß: „Der Führer sagt den Abhängigen, die Schuldigen für ihre Benachteiligungen zu kennen, und sät Hass gegen Minderheiten: Gebildete, Migranten, Homosexuelle und andere.“ Der Hass dient dem Narzissten als Mittel, um seine Abhängigen bei der Stange zu halten. Auch Deutschland war und ist eine Bühne für das Wechselspiel zwischen abhängigen Massen einerseits und narzisstischen Möchtegern-Führungsfiguren andererseits. Die von der ostdeutschen Bevölkerung der ehemaligen DDR erkämpfte Wiedervereinigung war ein Glück. Allerdings kam es nach 1989 zu einer Entwicklung, die von vielen, die in der ehemaligen DDR gelebt haben, als Demütigung erlebt wurde. Prof. Dr. Med. Joachim Bauer ist Neurowissenschaftler, Psychotherapeut und Arzt.
Sogar mit der Wahrheit lässt sich lügen
Durch Manipulation sorgt ein Mensch dafür, dass die Wirklichkeit des anderen sich für ihn so darstellt, wie er es möchte. Thorsten Havener weiß: „Eine sehr bewährte Methode ist diesbezüglich die Darstellung der Wirklichkeit über Statistiken.“ Hier wird, wie Gerd Bosbach und Jens Jürgen Korff, Autoren des Buches „Lügen mit Zahlen“, es so trefflich ausdrücken, „mit der Wahrheit gelogen“. Die folgenden Tricks sind nur ein Teil der unzähligen Täuschungen, die in dem Buch vorgestellt werden. Zum Beispiel: Lange Zeiträume – wie Mücken zu Elefanten werden. Wenn man sagt, der Bund einigt sich auf ein Bildungspaket von 18 Milliarden Euro, dann klingt das erst mal toll. Aber wenn die 18 Milliarden auf die nächsten zehn Jahre verteilt werden, dann ist das wenig. Thorsten Havener ist Deutschlands bekanntester Mentalist.