Das Leben ist voller Widersprüche

Schon Johann Wolfgang von Goethe fragte zu seiner Zeit, „was die Welt im Innersten zusammenhält“. „Widersprüche!“, möchte Reinhard K. Sprenger ihm zurufen, und er hätte wohl nicht protestiert. In der täglichen Kommunikation der meisten Menschen sieht das etwas anders aus: „Da widersprechen Sie sich aber!“ Lastend hängt der Vorwurf im Raum, Triumphgefühl herrscht auf der einen Seite, Rechtfertigungsdruck auf der anderen. „Und!“, möchte Reinhard K. Sprenger fragen, „das Leben ist doch voller Widersprüche!“ Widersprüche, die jeder Mensch in sich vereint, die alle in sich spüren. „Der Mensch ist immer Mensch in seinem Widerspruch“, wusste schon Platon. Später Conrad Ferdinand Meyer, einer der bedeutendsten Schweizer Dichter des 19. Jahrhunderts: „Ich bin kein ausgeklügelt Buch, ich bin ein Mensch mit seinem Widerspruch.“ Reinhard K. Sprenger ist promovierter Philosoph und gilt als einer der profiliertesten Managementberater und Führungsexperte Deutschlands.

Die meisten Menschen streben nach Eindeutigkeit

Reinhard K. Sprenger drück es etwas salopper aus: „Nur wer nicht spricht, widerspricht sich nicht.“ Um die Mehrdeutigkeit steht es schlecht im öffentlichen Ansehen. Das Digitale prägt nicht nur die Technik, sondern auch das Denken. Es ist das „Gesetz vom ausgeschlossenen Widerspruch“, das sich unter so wohlklingenden Wünschbarkeiten wie „Klarheit“ und „Eindeutigkeit“ verbirgt. Als Kind der Aufklärung ist der moderne Mensch diese Eindeutigkeit gewohnt.

Etwas ist oder ist nicht. Richtig oder falsch. Es kann nicht beides sein. Oder mit einem Satz aus der klassischen Logik: Tertium non datur – es gibt kein Drittes. Reinhard K. Sprenger fügt hinzu: „Deshalb ist Entweder-oder in allen westlichen Gesellschaften kulturbildend geworden. In der Praxis klingt das so: Entweder man vertraut mir oder man vertraut mir nicht!“ Ein bisschen schwanger geht nicht! Alles-oder-nichts! Ganz-oder-gar-nicht! Sekt oder Selters! Nicht erst durch das Auftauchen der Populisten gibt es eine starke gesellschaftliche Tendenz, Ambivalenz zu verneinen.

Die Welt lässt sich nicht in Gut und Böse einteilen

Man versucht, alles Ambivalente zu beseitigen, vor allem jene Seiten, die das eilige Meinen als „negativ“ etikettiert. Man könne nur in die eine Richtung gehen, die überhaupt gewollt werden kann. Das kommt vielen Menschen entgegen, die es kaum aushalten, dass die Welt nicht kindlich-klar in Gut und Böse geteilt ist. Natürlich, vordergründig und verbal wehrt man sich gegen das „Schwarz-Weiß-Denken“. Insgeheim aber sehnt man sich nach Eindeutigkeit. Reinhard K. Sprenger stellt fest: „Es liegt offenbar in der Natur des Menschen, widersprüchliche Situationen zu meiden.“

Die Psychologie nennt das „ambiguitätsintolerant“. Im Unternehmen kann man diese Neigung am Ruf vieler Mitarbeiter ablesen: „Wo sind die Richtlinien?“ – „Wir brauchen eine klare Strategie!“ Führungskräfte greifen das gerne auf: „Wir müssen den Leuten Orientierung geben!“ – „Glasklare Antworten!“ Und schon bald sieht man nicht mehr das Besondere, sondern nur mehr das Allgemeine, nicht mehr die Nuance, sondern das grobe Korn. Da verfällt die Intelligenz in vorbeugende Duldungsstarre. Quelle: „Magie des Konflikts“ von Reinhard K. Sprenger

Von Hans Klumbies

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