Zufall und Pech befreien von Schuldgefühlen

Etwas als Zufall, als Pech akzeptieren zu müssen, hat Menschen früher wie heute zwar frei von Schuldgefühlen gemacht. Gleichzeitig wurden sie jedoch hilflos und ängstlich. Immerhin könnte es dann einem selbst jederzeit auch passieren und man kann nichts dagegen tun. Helga Kernstock-Redl erläutert: „Inzwischen wurden in Gesundheitsfragen viele, echte Kausalzusammenhänge erforscht, manche Risikofaktoren gefunden, die Wahrscheinlichkeiten erhöhen. Doch noch immer ist manches unerklärbar und vieles unbeeinflussbar.“ „Glücklicherweise“ werden alle Menschen einmal krank und entwickeln hoffentlich mehr Verständnis, auch mit uns selbst. Denn es hat mit Sicherheit noch niemanden gesünder gemacht, in der Enttäuschung darüber unterzugehen: „Aber ich habe doch alles richtig gemacht“, oder sich selbst mit aggressiven Schuldzuweisungen zu überhäufen. Helga Kernstock-Redl ist Psychologin und Psychotherapeutin. Sie beschäftigt sich vor allem mit der Psychologie der Gefühlswelt.

Jedes Lebewesen will in Sicherheit leben

Besser ist es wohl, den Zufall als Teil des Lebens zu akzeptieren, sich echte Fehler, falls vorhanden, zu verzeihen und, wenn möglich, daraus für die Zukunft zu lernen. Manchmal bleibt nur die radikale Akzeptanz einer Erkrankung: vielleicht traurig, dafür aber wahr. Helga Kernstock-Redl weiß: „In Sicherheit zu leben, ist ein weiteres, zentrales Bedürfnis aller Lebewesen. Nur angstfrei können wir genießen, lachen, spielen, uns erholen und optimal lernen.“

Falls man sich hin und wieder ein wenig Aufregung und Gefahr ins Leben holt, dann nur etwas „Thrill“, also vermeintlich absolut kontrollierbares Risiko wie bei einem Fallschirmsprung oder Computerspiel. Kinder beginnen nur in sicherer Umgebung neugierig und autonom ihre kleine Welt zu erforschen – im Wissen um den Hafen bei ihren wichtigen Personen, in den sie jederzeit zurückkehren können. Die Schuldsuche leistet laut Helga Kernstock-Redl einen wichtigen Beitrag dazu.

Jeder kann aus eigenen Fehlern und denjenigen anderer lernen

Denn wer die Ursachen eines Unglücks kennt, der kann prüfen, ob er selbst in Gefahr ist, oder kann aus den Fehlern anderer lernen. Man verhilft sich selbst und vielleicht auch anderen zu mehr realer Sicherheit, indem man sich bewusst fragt: „Was kann ich aus diesem Stück Vergangenheit für die Zukunft lernen?“ Es müssen glücklicherweise nicht immer eigene Erfahrungen sein. Das wird nicht nur spannende Ergebnisse liefern, sondern kann die eine oder andere Geschichte erst wirklich zum Abschluss bringen.

Auch deshalb ist für Helga Kernstock-Redl das „Daraus-lernen“ einer der hilfreichsten Wege zur „Ent-Schuldung“. Eine fragwürdige Strategie, die sich trotzdem großer Beliebtheit erfreut, ist die Schuldzuweisung an die ohnehin Leidenden. Sie verhindert nicht nur eigene Hilflosigkeit, sondern ist auch eine Strategie gegen die Angst. Jeder Unterschied, jede Schuld des anderen suggeriert einem Menschen Sicherheit, während Zufälle und Ähnlichkeiten beunruhigen. Schließlich könnte einem selbst ja dann das Gleiche passieren. Quelle: „Schuldgefühle“ von Helga Kernstock-Redl

Von Hans Klumbies

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