Die Dummheit kennt viele Varianten

Die Dummheit kommt in vielen Formen vor. Deshalb ist sie manchmal schwer zu erkennen. So unsicher wie die Definition ist schon die Herkunft des Worts, das man in der deutschen Sprache seit dem 9. Jahrhundert verwendet. Es dient dazu, um sowohl Törichte als auch Taube zu beschreiben. Heidi Kastner stellt fest: „In unserer Zeit, die sich die Vermessung der Welt zwecks besserer Beherrschung derselben auf die Fahnen geschrieben hat, hat das Bedürfnis, möglichst alles in klare, vergleichbare und vermeintlich untrügliche Zahlen zu fassen, auch vor der Dummheit nicht haltgemacht.“ Das hat der Menschheit allerlei Methodik zur Bezifferung der Intelligenz beschert, um zwischen dummen und intelligenten Menschen fundiert unterscheiden zu können. Heidi Kastner ist Fachärztin für Psychiatrie und Neurologie. Seit 2005 ist sie Chefärztin der forensischen Abteilung der Landesnervenklink Linz.

Alfred Binet und Théodore Simon entwickeln erste Intelligenztests

Die ersten, die auf die Idee kamen, spezielle Fähigkeiten, die man als Intelligenz bezeichnete, zu vermessen, waren 1905 der Psychologe Alfred Binet und der Arzt Théodore Simon. Die beiden entwickelten erste Verfahren, die sie an Schulkindern anwandten, um deren Intelligenzalter zu bestimmen. Das Unterfangen beruhte au der seit der Einführung der allgemeinen Schulpflicht in Frankreich 1882 offensichtlichen Tatsache, dass sich manche Kinder schwerer taten als andere, den Lehrstoff zu erfassen.

Im Unterricht waren also die erforderlichen Fähigkeiten sehr heterogen verteilt. Das Ziel war durchaus menschenfreundlich. Die weniger intelligenten Kinder sollten herausgesucht, gezielt gefördert und später wieder in den normalen Schulbetrieb überstellt werden. Was heute als selbstverständlich erscheint, war damals noch keineswegs allgemeiner Konsens. Heidi Kastner erklärt: „Weder über die vermeintliche Tatsache, dass Intelligenz überhaupt einen klar definierbaren Sachverhalt bezeichnet, noch über die Gewissheit, dass sich Menschen in Bezug auf dieses konstruierte Merkmal unterscheiden, bestand Einigkeit in der damaligen wissenschaftlichen Welt.“

Die Definition von Intelligenz war umstritten

Das Konstrukt „Intelligenz“ war ein relativ neues und in seiner Definition umstrittenes. Der Naturforscher Francis Galton, ein Cousin Charles Darwins, verstand darunter einfache Hirnleistungen wie die Fähigkeit, rasch zu reagieren oder unterschiedliche Sinneseindrücke zu unterscheiden. Alfred Binets Konzept war deutlich ambitionierter und umfasste höhere kognitive Funktionen wie Aufmerksamkeit, logisches Ableiten und Urteilsvermögen, also die Fähigkeit, alltägliche Situationen bestmöglich zu bewältigen.

Die Frage war nun, wie man diese Parameter vermessen sollte. In seinen Tests bezog sich Alfred Binet auf lebensnahe Aufgaben – „Wie heißen die Monate? Wozu verwendet man einen Löffel?“ – und staffelte die Fragen nach Schwierigkeiten. Heidi Kastner fügt hinzu: „Alle Fragen, die von 70 Prozent der Kinder eines Alters gelöst werden konnten, fasste er zu Reihen zusammen. Wenn ein Kind nun alle diese altersentsprechenden Fragen richtig beantworten konnte, waren Lebensalter und Intelligenzalter ident.“ Quelle: „Dummheit“ von Heidi Kastner

Von Hans Klumbies

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