Manche Menschen haben das Ziel, möglichst alle Potenziale, die in ihnen schlummern, zu mobilisieren und ihnen zur Entfaltung zu verhelfen. Der Maßstab dieses Lebensstils ist die größtmögliche Fülle des Lebens. Andreas Reckwitz warnt: „Die Kehrseite der Selbstentgrenzung ist die Selbstüberforderung. Die Chance zum Neuen und Anderen kann sich in den Selbstzwang zum Neuen und Anderen verkehren, in eine Selbstransformation um ihrer selbst willen, aus der sich keine zusätzliche Befriedigung mehr ergibt.“ Idealerweise soll hier immer alles Wünschbare zugleich verwirklicht sein: Karriere und Familie, lokale Verankerung und globale Weite, Abenteuer und Verlässlichkeit und so weiter. Der Verzicht auf einzelne dieser Möglichkeiten erscheint dann als grundsätzlich negativ konnotiert. Andreas Reckwitz ist Professor für Kultursoziologie an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt / Oder.
Überforderung
Viele Menschen sind überfordert
Klimakatastrophe, Corona-Pandemie und Vermüllung der Ozeane. Täglich prasseln neue Hiobsbotschaften auf die Menschen ein, denen sie sich häufig hilflos ausgeliefert fühlen. Maren Urner ergänzt: „Die Menschheit bringt den Planeten Erde im wahrsten Sinne des Wortes an seine Grenzen.“ Im Jahr 2009 stellten Wissenschaftler neun „planetare Grenzen“ auf. Von diesen Belastungsgrenzen der Erde waren schon damals drei überschritten. Im Jahr 2015 waren es bereits vier. Gleichzeitig stehen Menschen vor zahllosen, alltäglichen, persönlichen Herausforderungen an sich und ihr Leben. Dazu kommen Zehntausende Entscheidungen, die von ihnen täglich getroffen werden wollen. Viele Menschen sind also „im Großen“ wie „im Kleinen“ kontinuierlich überfordert. Denn längst ist aus der persönlichen Generalentschuldigung „Du, ich hab´s nicht geschafft, es war einfach zu stressig!“ ein Mantra geworden. Dr. Maren Urner ist Professorin für Medienpsychologie an der Hochschule für Medien, Kommunikation und Wirtschaft (HMKW) in Köln.
Das Burn-out-Syndrom umfasst drei Komponenten
Um zu klären, dass ein Mensch nicht ausgebrannt, sondern vor allem selbstverloren ist, muss man zunächst das Burn-out-Syndrom klären. Die Psychologin Christina Maslach hat viel dazu beigetragen, dem Burn-out-Syndrom auf die Spur zu kommen. Ihren Studien zufolge sind daran maßgelblich drei Komponenten beteiligt. Georg Milzner kennt sie: „Zum einen muss die Person eine ungewöhnliche, ja dramatische Erschöpfung erleben. Ihre Ressourcen scheinen aufgebraucht, Müdigkeit und Konzentrationsmangel sind häufig, der Schlaf bietet kaum ausreichend Erholung und ist oft zudem gestört.“ Es ist diese Komponente, bei der die Metapher des Ausgebranntseins am häufigsten andockt. Die zweite Komponente betrifft die Arbeit. Sie wird eigentümlich distanziert wahrgenommen, oft kommen kalte Ironie und Zynismus dazu. Georg Milzner ist Diplompsychologe und arbeitet in eigener Praxis als Psychotherapeut.