Die wenigsten Menschen können ihre Erwartungen fallen lassen. Reinhard K. Sprenger nennt ein Beispiel: „Viele Ehepaare halten oft jahrzehntelang wechselseitig an Erwartungen fest, die der andere beim besten Willen gar nicht erfüllen kann. Der eine macht permanent Druck und wundert sich, dass der andere verhärtet.“ Mehr noch: Die meisten Menschen kommen überhaupt nicht auf die Idee, dass man Erwartungen auch loslassen kann. Diese Menschen haben keine Erwartungen, sie sind ihre Erwartungen. Dabei kann niemand eine Person zwingen, an Erwartungen festzuhalten. Wer das erkennt, ist nicht frei von Problemen, aber frei von der daraus entstehenden Lähmung. Es ist nämlich unglaublich befreiend, über diese Denkmöglichkeit zu verfügen. Jedenfalls war es für Reinhard K. Sprenger eine wertvolle Erkenntnis, dass er Erwartungen loslassen kann – an seine Kinder, an seine Frau, an seine Freunde. Reinhard K. Sprenger, promovierter Philosoph, ist einer der profiliertesten Führungsexperten Deutschlands.
Hans Klumbies
Ein Gefühl und eine Emotion unterscheiden sich
Viele Menschen wissen zwar, wie sehr Gefühlsäußerungen zum menschlichen Dasein dazugehören, aber trotzdem bestimmte Verhaltensmuster zeigen, um sie tunlichst zu vermeiden. Maren Urner stellt fest: „Diese Differenz zwischen „wissen“ und „handeln“ zeigt, dass es uns schwerfällt, auf die grundlegende Ebene der Gefühle und Emotionen zuzugreifen, die uns als Spezies ausmacht.“ An dieser Stelle bietet sich für Maren Urner eine kurze Einordnung der beiden Begriffe Gefühle und Emotionen an. Denn es lohnt sich ein kurzer Blick auf eine interessante Entwicklung in der psychologischen und neurowissenschaftlichen Forschung zu diesem Thema. Vorab sei gesagt, dass auch nach über einem Jahrhundert Emotionsforschung noch unklar ist, was genau eine Emotion eigentlich ist. Dr. Maren Urner ist Professorin für Medienpsychologie an der Hochschule für Medien, Kommunikation und Wirtschaft (HMKW) in Köln.
Jeder Mensch besitzt ein mentales Immunsystem
Gute Freunde im Leben machen Menschen stark. Sie stehen hinter ihnen, um sie aufzufangen, wenn sie den Halt verlieren und kippen. Volker Busch ergänzt: „Sie stehen vor uns, um Bedrohungen abzuwehren und für uns zu kämpfen, wenn wir es nicht allein schaffen. Und sie stehen neben uns, um unser Leid zu teilen oder Tipps zu geben, wenn wir ratlos sind.“ Einen solchen Freund hat jeder Mensch, nämlich das mentale Immunsystem. Bei diesem Konzept handelt es sich um ein Sprachbild, das die psychische Abwehr einer Belastung, die Heilung nach einer Verletzung sowie die Reifung an einer Herausforderung vorstellbar machen soll. Seit vielen Jahren wird es von Psychiatern und Psychologen in diesem Zusammenhang als anschaulicher Modell benutzt. Prof. Dr. Volker Busch ist seit circa zwanzig Jahren als Arzt, Wissenschaftler, Autor und mehrfach ausgezeichneter Vortragsredner tätig.
Draußen scheint die Hölle auf Erden zu toben
Brände, Fluten, Lawinen, Katastrophen, Familientragödien, ausgewählte Kriege und Terrorattacken, Flugzeugabstürze, Armut, Flüchtlingskrisen – alles Mögliche findet sich, weitgehend ungefiltert, unsortiert, unreflektiert, regelmäßig so breit getreten auf allen Kanälen, dass der arglose Mensch daraus den Schluss ziehen muss, dass da draußen ständig die Hölle auf Erden tobt – aus tausenderlei unbeherrschbaren Gründen. Ullrich Fichtner weiß: „Das bleibt nicht ohne Folgen, und falsche Weltbilder sind nur eine davon. Es entstehen auch, wenn nicht alles täuscht, neue Psychosen – und man weiß nicht, welche man dem heute geborenen Kind weniger wünschen soll.“ Die eine trifft Menschen, die gewissermaßen süchtig werden nach schlechten Nachrichten und die das Netz krankhaft nach immer neuen Belegen für die nahende Apokalypse durchsuchen. Ullrich Fichtner ist Reporter des „Spiegel“ und gehört zu den renommiertesten Journalisten Deutschlands.
Erziehung ist ein Phänomen der Generationen
Der Wandel des Erziehungsstils ist notwendigerweise in den Verarbeitungschancen begründet, die jeder Generation zur Verfügung stehen sowie ihren gemeinsamen Erlebnissen und den daraus entstehenden Sichtweisen auf die Welt. Rüdiger Maas fügt hinzu: „Aber nicht nur: Wichtig ist auch, dass man auf den Spuren des Erziehungsstils sogenannte Interaktionseffekte berücksichtigt: Unter einem Interaktionseffekt versteht man in der Generationenforschung die Beeinflussung einer Generation durch eine andere.“ Was also für Eltern wichtig ist, kommt wiederum von ihren eigenen Eltern und wird sich über die Erziehung auch auf ihre Kinder übertragen und auswirken. Erziehung ist also ein Phänomen der Generationen. Die meisten Kinder, die in den 1940er-Jahren groß wurden, hatten in ihrer Kindheit nicht viel. Rüdiger Maas studierte in Deutschland und Japan Psychologie. Er ist Gründer und Leiter eines Instituts für Generationenforschung.
Die Erinnerung kann oftmals täuschen
Die vielleicht wichtigste Gedächtnisverzerrung, die sich Wahrsager zunutze machen, ist der Bestätigungsfehler, dem die Mehrheit ihrer Klienten unterliegt – nämlich diejenigen, die wirklich an übersinnliche Kräfte glauben wollen. Kit Yates erklärt: „Diese Menschen neigen dazu, sich vor allem an die Äußerungen des Mediums zu erinnern, die zu ihrer positiven Erwartung passen – die korrekte, auf Wissen basierende Rekonstruktion von Informationen über die Person, die das Medium ihrer Meinung nach nicht hätte kennen können –, wobei sie häufig die Fälle ignorieren, in denen sich das Medium irrt.“ Diese Art von selektiven Gedächtnis funktioniert in komplementärer Weise, wenn es um Aussagen des Mediums geht, welche die Zukunft betreffen. Kit Yates lehrt an der Fakultät für mathematische Wissenschaften und is Co-Direktor des Zentrums für mathematische Biologie der University of Bath.
Erschöpfung erzeugt zornige Abgrenzung
Der sogenannte „Überlebensmechanismus“ wird als eigene Phase in der Burnout-Spirale beschrieben, denn Distanzierung, Depersonalisation, Desillusionierung und Zynismus sind die Folge. Helga Kernstock-Redl erklärt: „Diese Lösungen setzen allerdings selbstverständlich nicht am sinnvollen Ende des Kreislaufs „Erschöpfung erzeugt zornige Abgrenzung – zornige Abgrenzung erzeugt noch mehr Erschöpfung“ an.“ Nützlicher wäre: eigene Rechte aufbauen, innere Gesetze verändern, den Futterkreislauf grenzenloser Basis-Empathie stoppen, Mentalisieren in vier Schritten lernen, Hilflosigkeit aushalten durch Abgrenzung – und sich auf jenen winzigen Teil der inneren oder äußeren Welt konzentrieren, den man verändern kann. Es gibt leider noch keinen psychologischen Zusatzbonus, wenn man Notleidende beschuldigt, der auch als Selbstberuhigungsmechanismus der Angst bekannt ist. Helga Kernstock-Redl ist Psychologin und Psychotherapeutin. Sie beschäftigt sich vor allem mit der Psychologie der Gefühlswelt.
Unflexibilität führt zu einem doppelten Fehler
Menschen können sich hinsichtlich dessen, was sie glücklich macht, irren. Eine Begegnung hat beispielsweise tatsächlich das Vermögen, die eigenen Erwartungen und Wünsche, ja sogar die eigenen Vorstellungen von den Dingen und vom Leben umzukrempeln. Charles Pépin fügt hinzu: „Das ist eine schöne Einladung zur Bereitschaft: Zu wissen, dass wir uns hinsichtlich unserer Erwartungen irren können, kann überzeugend sein, um uns für das zu öffnen, was wir nicht erwarten.“ Wer sich unflexibel zeigt und nur in Erwägung zieht, was den eigenen präzisen Wünschen entspricht, macht einen doppelten Fehler. Erstens einen strategischen: Diese Person lässt sich höchstwahrscheinlich so mache Gelegenheit entgehen. Zweitens einen psychologischen: Vielleicht irrt man sich hinsichtlich seiner Wünsche, aber verschließt die Tür für die Begegnung mit jenem Anderen, der es einem ermöglich hätte, sich darüber im Klaren zu werden. Charles Pépin ist Schriftsteller und unterrichtet Philosophie. Seine Bücher wurden in mehr als zwanzig Sprachen übersetzt.
Der Charakter bleibt auch im Alter formbar
Ende des 19. Jahrhunderts stellte William James, der Gründervater der Psychologie in den USA, eine kühne Behauptung auf: „Im Alter von dreißig Jahren erstarrt der Charakter wie Gips und wird nie wieder weich.“ Kinder können demnach ihren Charakter noch entwickeln, Erwachsene haben Pech gehabt. Vor Kurzem hat ein Team von Sozialwissenschaftlern ein Experiment gestartet, um diese Hypothese zu überprüfen. Adam Grant erklärt: „Die Gruppe, bei der es um die Förderung des Charakters ging, nahm an einem von Psychologen konzipieren Kurs teil, der zum Ziel hatte, die Eigeninitiative zu steigern.“ Die Probanden beschäftigten sich mit den Themen Proaktivität, Disziplin und Entschlossenheit und übten, diese Eigenschaften in die Tat umzusetzen. Adam Grant ist Professor für Organisationspsychologie an der renommierten Wharton Business School. Seine Forschungsbeiträge im Bereich Motivation und Produktivität wurden vielfach ausgezeichnet.
Angst ist ein subjektives Geschehen
Nicht immer gelingt es einem Menschen, sich selbst gut zu beobachten und sich bewusst zu machen, ob er nun irritiert, bereits verunsichert oder schon völlig hilflos ist. Gerald Hüther erläutert: „Die Übergänge sind fließend, oft handelt es sich auch um nur schwer zu beschreibende Empfindungen. Meist sind diese Empfindungen auch schon von Versuchen zur Wiederherstellung der verloren gegangenen Kohärenz begleitet und werden davon überlagert.“ Deshalb ist das Gefühl der Angst immer und grundsätzlich Ausdruck eines inneren, subjektiven Geschehens. Objektiv messbar sind nur die mit dieser subjektiv empfundenen Angst einhergehenden körperlichen Reaktionen und Verhaltensweisen. Die Angst wird in Form dieser automatisch ablaufenden Reaktionen als Irritation, Verunsicherung und Ohnmacht erlebt. Eine Person kann dieses Erleben beschreiben, aber nicht durch kognitive Überlegungen steuern. Gerald Hüther ist Neurobiologe und Verfasser zahlreicher Sachbücher und Fachpublikationen.