Harry Stack Sullivan hat in der Theorie und Praxis der Psychotherapie wertvolle Neuerungen eingeführt, die weit über das orthodoxe psychoanalytische Verfahren hinausreichen. So lehnte er es beispielsweise ab, mit seinen Patienten in endlosen Sitzungen Träume zu deuten, Erlebisse aus der Kindheit zu rekonstruieren und „Sexualromane zu dichten“. Sein therapeutisches Hauptanliegen war, zusammen mit dem Patienten dessen Verhaltensmuster zu erforschen, die ihm im Umgang mit sich selbst und mit seinen Beziehungspersonen besondere Schwierigkeiten bereiten. Dabei wollte er nicht die Rolle des kühlen und unbeteiligten Beobachters spielen. Er vertrat die Meinung, dass die wichtigsten Daten für die Einschätzung eines anderen Menschen nur durch teilhabende Beobachtung gewonnen werden können.
Allgemein
Frieda Fromm-Reichmann erforscht die Einsamkeit
In ihrer Schrift „Über die Einsamkeit“ schreibt Frieda Fromm-Reichmann, die Einsamkeit sei sowohl ein Bestandteil des Normalleben als auch der Psychopathologie. Aber für sie steht fest, dass viele psychische Störungen und Geisteskrankheiten mit der Vereinsamung einer Persönlichkeit zusammenhängen. Die Einsamkeit gehört ihrer Meinung nach zu den traumatischsten Situationen, die ein Mensch überhaupt in seinem Leben erleben kann. Es gibt allerdings verschiedene Formen der Einsamkeit. Künstler oder andere kreative Persönlichkeiten suchen beispielsweise oft das Alleinsein, um sich besser auf ihre Werke konzentrieren zu können. Sie sind zwar allein, aber inschaft und der Gesellschaft innerlich verbunden bleiben.
Die Theorie der Depression von Erwin W. Straus
Die Phänomenologie und die Existenzphilosophie haben die Tendenz, in der subjektiven Erfahrung der Zeit des Daseins die innerste Lebenserwartung eines Menschen zu sehen. Der tätige Mensch, der sicher im Leben steht, bemerkt den Zeitstrom in seinem Inneren kaum. Er ist ganz auf seine Ziele und Beziehungen ausgerichtet. Die Zeit wird für den Menschen erst zum Problem, wenn er Langeweile verspürt, auf etwas wartet, sich ängstigt oder keine Beschäftigung hat. Dann kann der Zeitfluss ins Stocken geraten. Dann verändern sich die Innen- und die Außenwelt des Menschen. Er muss sich dann mit seinem eigenen Selbst auseinandersetzen.
Alexander Mitscherlich untersucht die Arten der Trauer
In ihrem Buch „Die Unfähigkeit zu trauern“ (1967) beschreiben Alexander und Margarete Mitscherlich kollektivpsychologische Probleme, die sie nach den Regeln der Psychoanalyse zu klären versuchen. In der neurotischen Trauer und in der psychotischen Melancholie scheint das zentrale Geschehen ein Verlust des Ichs zu sein, den der Patient durch seine Wahnvorstellungen und Verhaltensweisen zu bearbeiten sucht. Dadurch kommt es zu keiner kulturell wertvollen Trauerarbeit, sondern es bilden sich Tendenzen zur Selbstzerstörung heraus, in denen auch Feindseligkeit gegen die Umwelt mitschwingt. Alexander Mitscherlich übertrug diese Erkenntnisse auf die Kollektivpsyche. In Adolf Hitler hatte seiner Meinung nach die deutsche Nation ein geliebtes Führungsobjekt besessen und danach verloren.
Erwin W. Straus analysiert die Suggestion
Die erste bedeutende Publikation von Erwin W. Straus trägt den Titel „Wesen und Vorgang der Suggestion“ (1925). Bei der Suggestion kommt es laut Erwin W. Straus darauf an, dass der Suggestor vom Suggestionsobjekt anerkannt, bewundert oder gefürchtet wird. Sigmund Freud hat die Suggestion mit der Verliebtheit verglichen, die ja auch eine Gemeinschaft zu zweit herstellt. Wenn Erwin W. Straus über die Einflussnahme zwischen Ich und Du schreibt, dann meint er zwei Personen, die ganzheitlich aufeinander einwirken, und zwar so, das ihr Welterleben ineinander verschmilzt. Erwin W. Straus schreibt: „In dem Wir-Erleben wird die fremde Person bejaht, wird ihre Welt zur unseren.“
Das Verhältnis zwischen dem Selbst und den Anderen
Für Ronald D. Laing ist die Interaktion zwischen zwei Menschen, also einem Ich und einem Du, immer lückenhaft. Jeder Mensch kann nur vermuten, was sein Gegenüber meint. In der Regel sind die Folgen dabei überschaubar. Schlimm wird es nur, wenn eine Person soviel Autorität und Macht hat, der anderen Person zuzuschreiben, was diese bewusst oder unbewusst empfinden soll. Von hier aus ist der Weg zu einer seelischen Vergewaltigung nicht weit.
Das positive Religionsverständnis von C. G. Jung
In seiner positiven Einstellung zur Religion unterscheidet sich C. G. Jung deutlich von Sigmund Freud und Alfred Adler, die beide Atheisten waren und sich als Erben und Fortsetzer der Epoche der Aufklärung betrachteten. C. G. Jung dagegen wendete sich in einer eigentümlichen Weise zur Alchemie, der christlichen Gnosis, der Mystik und traditioneller Religiosität sowie dem Aberglauben und der Parapsychologie zu. Schon die Doktorarbeit aus dem Jahre 1902 „Zur Psychologie und Pathologie so genannter okkulter Phänomene“ lässt C. G. Jungs Hinwendung zum Aberglauben und Supranaturalismus erkennen. Er erforschte damals jahrelang ein spiritistisches Medium, das angeblich Botschaften aus dem Jenseits mitteilte, zuletzt aber betrügerischer Machenschaften entlarvt wurde.
Melanie Klein entwickelt die Psychoanalyse des Kindes
Laut Melanie Klein ist die erste Objektbeziehung des Kindes die Mutterbrust, die den Mittelpunkt sämtlicher Emotionen des Babys bildet. Die Säuglinge idealisieren die Brust als Quelle von Liebe und Nahrung und fühlen sich von ihr bestraft, wenn ihr Verlangen danach nicht direkt befriedigt wird. Diese zwiespältigen Gefühle lösen zum ersten Mal im Leben Angst aus. Diesen Zwiespalt bezeichnet Klein als paranoid-schizoide Position.
Ein gesunder Mensch kommuniziert mit seiner Umwelt
Ein Mensch mit einer intakten Seele fühlt sich in der Welt, in sich selbst und seinem Leib sicher. So erklärt sich laut Ronald David Laing der Hass auf den Körper in fast allen Religionen und die Askese und Selbstquälerei bei Heiligen und frommen Menschen. Die Sexualität stellt für Ronald David Laing eine der eindrücklichsten Inkarnationsformen des Selbst dar. Das unverkörperte Selbst ist laut Ronald David Laing besonders für die Pathologie anfällig.
Viktor Frankl spekuliert über das Unterbewusstsein
Für Viktor Frankl ist der Geist gerade in seinem Ursprung ein unbewusster Geist. Denn der Geist ist genau dort, wo er seinen Ursprung hat, aller Selbstbeobachtung und Selbstspiegelung gegenüber blind. Das heißt, wo er ganz ursprünglich, ganz er selbst ist, ist er sich selbst unbewusst. Viktor Frankl zitiert, um seine Behauptung zu unterstützen, die alten indischen Veden, in denen es heißt: „Das, was sieht, kann nicht gesehen werden; das, was hört, kann nicht gehört werden; und das, was denkt, kann nicht gedacht werden.“ Aber nicht nur im Ursprung ist der Geist unbewusst, sondern auch in der obersten Instanz, die über Bewusstsein beziehungsweise Unterbewusstsein zu entscheiden hat. Aber um Entscheidungen treffen zu können, muss der Mensch doch irgendwie zwischen beiden Bewusstseinszuständen unterscheiden.