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Alexander Mitscherlich untersucht die Arten der Trauer

In ihrem Buch „Die Unfähigkeit zu trauern“ (1967) beschreiben Alexander und Margarete Mitscherlich kollektivpsychologische Probleme, die sie nach den Regeln der Psychoanalyse zu klären versuchen. In der neurotischen Trauer und in der psychotischen Melancholie scheint das zentrale Geschehen ein Verlust des Ichs zu sein, den der Patient durch seine Wahnvorstellungen und Verhaltensweisen zu bearbeiten sucht. Dadurch kommt es zu keiner kulturell wertvollen Trauerarbeit, sondern es bilden sich Tendenzen zur Selbstzerstörung heraus, in denen auch Feindseligkeit gegen die Umwelt mitschwingt. Alexander Mitscherlich übertrug diese Erkenntnisse auf die Kollektivpsyche. In Adolf Hitler hatte seiner Meinung nach die deutsche Nation ein geliebtes Führungsobjekt besessen und danach verloren.

Der Nationalsozialismus wurde verdrängt

Der Führer war das Ich-Ideal von Millionen gläubigen Deutschen, das Über-Ich der gesamten Nation. Alexander Mitscherlich vertrat die Meinung, dass der Tod Adolf Hitlers im Jahre 1945 normalerweise eine nationale Trauer auslösen hätte müssen. Stattdessen zeigten sich die Bürger eher entlastet, wurden durch die Anstrengungen des Wideraufbaus in Anspruch genommen und schufen in relativ kurzer Zeit das Wirtschaftswunder.

Der Nationalsozialismus und seine Gräueltaten wurden vergessen und verdrängt. Der Faschismus wurde nicht aufgearbeitet und ging im Großen und Ganzen in die politische Struktur der jungen Bundesrepublik ein. Man lebte weiter, als ob es Adolf Hitler und seine Helfershelfer gar nicht gegeben hätte. Alexander Mitscherlich spricht von dem unglaublichen Gehorsam der Deutschen in den zwölf Jahren von 1933 bis 1945 und stellt die Frage, ob noch ein anderes Volk bereit wäre, sich langsam als wahnhaft herausstellende Ziele seiner Führung, mit solcher Ausdauer und Geduld in die Selbstzerstörung zu folgen.

Von Hans Klumbies

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