Die Psychotherapiemethode des Harry Stack Sullivan

Harry Stack Sullivan hat in der Theorie und Praxis der Psychotherapie wertvolle Neuerungen eingeführt, die weit über das orthodoxe psychoanalytische Verfahren hinausreichen. So lehnte er es beispielsweise ab, mit seinen Patienten in endlosen Sitzungen Träume zu deuten, Erlebisse aus der Kindheit zu rekonstruieren und „Sexualromane zu dichten“. Sein therapeutisches Hauptanliegen war, zusammen mit dem Patienten dessen Verhaltensmuster zu erforschen, die ihm im Umgang mit sich selbst und mit seinen Beziehungspersonen besondere Schwierigkeiten bereiten. Dabei wollte er nicht die Rolle des kühlen und unbeteiligten Beobachters spielen. Er vertrat die Meinung, dass die wichtigsten Daten für die Einschätzung eines anderen Menschen nur durch teilhabende Beobachtung gewonnen werden können.

Harry Stack Sullivan will ein Gesprächspartner sein

Laut Harry Stack Sullivan muss der Therapeut mit dem Analysanden in eine emotionale Beziehung treten, wenn er erfahren will, wie dieser Mensch wirklich ist. Sigmund Freuds Theorie, dass sich der Psychotherapeut wie ein Spiegel des Patienten verhalten müsse, konnte Harry Stack Sullivan nicht nachvollziehen. Er vertrat die Überzeugung, nur als lebendiger, engagierter Gesprächspartner könne der psychologische Berater auf sein gegenüber die Persönlichkeit fördernd einwirken.

Die Lebensschwierigkeiten und Verhaltensmuster eines Patienten treten mit dem Therapeuten auf. Sigmund Freud nannte diesen Vorgang „Übertragung“. Der Arzt erlebt sozusagen am eigenen Leib, welche Verzerrungen der Wahrnehmung, Störungen der Einstellungen sowie unnormale Verhaltensmuster bei seinem Gesprächspartner vorliegen.

Die Aufgaben des Therapeuten

Harry Stack Sullivan schreibt über die Aufgaben eines Therapeuten: „Der Therapeut muss entdecken, wer der Analysand ist – das heißt, er muss noch einmal aufrollen, welcher Gang der Ereignisse dazu geführt hat, dass der Analysand derjenige ist, der er ist, was für einen Hintergrund er hat und was für Erfahrungen er gemacht hat. Und während er sich vor Augen hält, wer der Betreffende ist, muss der Therapeut erfahren, was dieser Mensch an seinem Leben für problematisch hält und was er als schwierig empfindet.“

Kurzbiographie: Harry Stack Sullivan

Harry Stack Sullivan wird am 21. Februar 1892 in Norwich im Staate New York geboren. Er studierte Medizin mit dem Schwerpunkt Psychiatrie. Gegen Ende des Ersten Weltkriegs arbeitete er als Arzt im St.-Elisabeth-Hospital in Washington. Dort arbeitet sich der junge Psychiater voller Enthusiasmus in die Methoden der Psychoanalyse ein. Er begann hier schizophrene Patienten psychotherapeutisch zu behandeln.

1923 wurde für Harry Stack Sullivan im Sheppard-and-Enoch-Pratt-Hospital in Towson, Maryland, eine spezielle Abteilung für Schizophrene eingerichtet. Dort behandelte er ausschließlich jugendliche Schizophrene männlichen Geschlechts, bei denen er aufsehenerregende Heilungserfolge erzielte. Um 1930 zieht Harry Stack Sullivan nach New York um und eröffnet dort eine psychotherapeutische Privatpraxis.

Zusammen mit Erich Fromm und Karen Horney entwickelte er in den 30er Jahren eine neoanalytische Gedankenrichtung, die unter dem Namen Washington School of Psychiatry bekannt wurde. Da Harry Stack Sullivan nicht gerne Bücher schrieb, wurde zu seinen Lebzeiten nur ein einziges Werk publiziert: die Vorlesungsreihe „Conceptions of Modern Psychiatry“  Harry Stack Sullivan starb am 14. Januar 1949 in Paris, wo er an einer Konferenz für Psychohygiene teilnahm.

Von Hans Klumbies

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