Konfuzius fragt: „Wer nicht sein Inneres pflegt, sondern sein Äußeres, macht der es nicht verkehrt?“ Damit drückt er aus, worauf es im Leben ankommt. Nämlich dass es bei der Selbstsorge darum geht, das Innere zu pflegen, mithin im eigenen Seelenleben für Ordnung zu sorgen. Man soll das Innere stets wichtiger nehmen als das Äußere. Albert Kitzler blickt zurück: „Diese Achtsamkeit, Sorgfalt und Pflege sich selbst gegenüber war das Hauptanliegen aller antiken Weisheitslehren. Damit war kein selbstsüchtiger Egoismus gemeint. Der innere Friede ist die beste Voraussetzung für gelingende Beziehungen zu anderen Menschen.“ Wie aber sieht es heute mit der Pflege aus? Jeder weiß, wie er sein Äußeres zu fördern, zu hüten, zu vermehren und zu verschönern hat. Der Philosoph und Jurist Dr. Albert Kitzler ist Gründer und Leiter von „MASS UND MITTE“ – Schule für antike Lebensweisheit.
Selbst
Selbstverwirklichung ist ein verbreitetes Ziel
Der Lebensstil des spätmodernen Subjekts in der neuen Mittelklasse ist vom Ideal der Selbstverwirklichung in möglichst allen seinen alltäglichen Praktiken geprägt. Andreas Reckwitz weiß: „Dabei geht es jedoch nicht um eine Selbstverwirklichung, die sich in Opposition zur modernen Welt vollzieht. Sie soll vielmehr sozial erfolgreich und anerkannt in dieser Welt stattfinden.“ Der Lebensstil folgt damit dem widersprüchlichen Muster der „erfolgreichen Selbstverwirklichung“. Das klassische Subjekt des Bürgertums, das auf sozialen Status und Erfolg aus war, musste dagegen häufig seine eigentlichen Wünsche zugunsten von Pflichten und Konventionen hintanstellen. Das romantische Subjekt probierte sich zwar experimentell aus, jedoch geschah das um den Preis eines Lebens am Rand der Gesellschaft. Andreas Reckwitz ist Professor für Kultursoziologie an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt / Oder.
Durch die Arbeit wächst das Selbst
Die Arbeit ist dem menschlichen Selbst in ganz besonderer Weise verbunden. Joachim Bauer konkretisiert: „Sie bietet ihm Möglichkeiten des Selbst-Wachstums und der Selbst-Erweiterung.“ Das Selbst lebt davon und kann sich nur erhalten, wenn es interpersonelle oder soziale Resonanz erfährt. Daher ist es verständlich, dass Menschen nicht nur für die eigene Person per se nach Akzeptanz suchen, sondern ihrer auch für das bedürfen, was sie im Rahmen ihrer Arbeit tun. Denn der Mensch erlebt das, was er in der Arbeit tut, als einen Teil seines Selbst. Er erwartet deshalb, dass seine Arbeit sowohl bei denjenigen, für die er tätig ist, als auch denen, mit denen er arbeitet, Resonanz auslöst. Er möchte von seinem sozialen Umfeld gesehen und mit Wertschätzung bedacht werden. Joachim Bauer ist Arzt, Neurowissenschaftler, Psychotherapeut und Bestsellerautor von Sachbüchern.
Selbsterfahrung ist generell erstrebenswert
Von einem Therapeuten erwartet man, dass er über Selbsterfahrung verfügt. Denn man geht davon aus, dass jemand, der eine solche Tätigkeit ausübt, sich selbst kennen sollte. Man könnte nun die Frage stellen, ob Selbsterfahrung nicht generell erstrebenswert ist. Nicht im organisierten, klinischen Ausbildungssinn. Aber doch so, dass erfülltes Leben etwas damit zu tun hat, die Zonen der eigenen Person immer weiter auszuloten. Georg Milzner erklärt: „Denn Selbsterfahrung zu sammeln ist etwas anderes, als bloß Erfahrungen zu machen. Selbsterfahrung meint jene Kategorie von Erlebnissen, in denen ich etwas über mich erfahre, weil ich mein Verhalten und meine Erlebnisweisen auslote.“ Sogar manches Ehrenamt, dem vielleicht ein Hauch von Gutmenschentum anhaftet, bekäme neuen Glanz, wenn man es als Selbsterfahrung beschreiben würde. Georg Milzner ist Diplompsychologe und arbeitet in eigener Praxis als Psychotherapeut.
Die Authentizität besitzt einen hohen Wert
Die Anfänge des neuzeitlichen Begriffs der Identität bildeten sich erst heraus, als sich Gesellschaften vor ein paar Jahrhunderten zu modernisieren begannen. Er entstand in Europa, griff in der Folge jedoch auf praktisch alle Gesellschaften der Erde über und schlug in ihnen Wurzeln. Francis Fukuyama erklärt: „Die Fundamente der Identität wurden durch die Wahrnehmung gelegt, dass eine Trennung zwischen dem Inneren und dem Äußeren des Menschen besteht.“ Menschen gelangten zu der Überzeugung, dass sich in ihnen eine wahre oder authentische Identität verbirgt, die von der Rolle abweicht, welche die Gesellschaft ihnen zuweist. Der moderne Begriff der Identität räumt der Authentizität, das heißt der Bestätigung jenes inneren Wesens, das unterdrückt wird, einen hohen Wert ein. Francis Fukuyama ist einer der bedeutendsten politischen Theoretiker der Gegenwart. Sein Bestseller „Das Ende der Geschichte“ machte ihn international bekannt.
Das Selbst ist ein lebendiger Akteur
Kurz nach der Geburt ist das Selbst eines Menschen noch nicht vorhanden. Es ist noch im Körpergefühl des Kindes verborgen. Joachim Bauer erklärt: „Erst mit der postnatal voranschreitenden biologischen Reifung des Stirnhirns kommt es zur Abspeicherung erster Eindrücke eines Selbst.“ Das menschliche Selbst ist nicht auf seine rezeptiven Eigenschaften beschränkt. Es entwickelt sich – im wahrsten Sinne des Wortes von Kindesbeinen an – auch zu einem lebendigen Akteur. Kaum ist es in seinen Grundstrukturen etabliert, beginnt es, seine Wahrnehmung und an die eigene Person herangetragene Angebote zu bewerten. Es geht auf die Welt zu, entwickelt Vorlieben, erprobt Möglichkeiten, es selektiert und verwirft. Das menschliche Selbst kann sich und die Welt jedoch nicht neu erfinden. Prof. Dr. Med. Joachim Bauer ist Neurowissenschaftler, Psychotherapeut und Arzt.
Jeder Augenblick ist unwiederbringlich
Ein Mensch sollte ein Bewusstsein davon haben, dass jeder Augenblick unwiederbringlich ist. Und auch die Person selbst ist in diesem Augenblick ganz und gar unwiederbringlich. Das Selbst ist als Ereignis zu betrachten, welches das Erleben von Identität aus dem geschichtlichen Leben herauslöst. Alles, was ein Mensch ist, ist jetzt. „Alles Bewusstsein“, hat Johann Gottlieb Fichte geschrieben, sei „bedingt durch das unmittelbare Bewusstsein unserer selbst“. Johann Gottlieb Fichte war von der Vorstellung bestimmt, dass sich ein Mensch jederzeit unmittelbar durch Präsenz zu erfahren vermag. Georg Milzner ergänzt: „Und zwar auch und gerade da, wo sich unser Bewusstsein auf etwas anscheinend Banales, Leeres richtet.“ Noch bevor er denkt, spielt der Mensch. Georg Milzner ist Diplompsychologe und arbeitet in eigener Praxis als Psychotherapeut.
Der Mensch ist ein Werk von unbestimmter Gestalt
Wie findet der Mensch zu Freiheit und Würde, zu Individualität und Identität? Joachim Bauer antwortet wie folgt: „Dass wir den Rahmen verlassen dürfen, der uns durch unsere Herkunft gesetzt war, verdanken wir der Renaissance, der Reformation und der Aufklärung.“ Der florentinische Philosoph Giovanni Pico della Mirandola betrachtete den Menschen als „ein Werk von unbestimmter Gestalt“, dem das Recht und die Würde zusteht, selbst zu wählen, wie er sich verwirklichen will. Das war Ende des 15. Jahrhunderts eine Provokation und brachte ihm bei der mächtigen katholischen Kirche erheblichen Ärger ein. Die kostbare Freiheit, sich individuell entwickeln zu dürfen, ist ein Kind Europas. Ihre Vorgeschichte reicht ins klassische Altertum, nach Athen zurück. Prof. Dr. Med. Joachim Bauer ist Neurowissenschaftler, Psychotherapeut und Arzt.
Georg Milzner sucht nach einem neuen Selbst
Die Vorstellungen vom Selbst eines Menschen sind historisch gewachsen. Und genauso verändern sich auch in der Zukunft historisch. Georg Milzner beschäftigt sich mit der Frage, wie sich ein Selbst konstituieren könnte, das den Herausforderungen der Gegenwart entspricht. Die Entwicklung des Selbst hängt vor allem von den Verteilungen der Aufmerksamkeit ab. Georg Milzner weiß: „Wer von sich selbst nichts wissen will, der wird mit sich selbst auch nicht weit kommen.“ Deshalb wird es darauf ankommen, eine neue Vorstellung vom Selbst zu entwickeln. Es geht dabei um die Vorstellung von einem Selbst, das weder narzisstisch blendet noch sich funktional begrenzt. Noch darf es in Regeln ersticken oder sich in Schwärmen auflösen. Georg Milzner ist Diplompsychologe und arbeitet in eigener Praxis als Psychotherapeut.
Den Menschen geht ihr Selbst verloren
Es ist viel, was den Menschen gegenwärtig verloren geht. Georg Milzner nennt Beispiele: „Das Gefühl, dass wir Tiefe besitzen. Das Verhältnis zum Unbewussten. Die Aufmerksamkeit für unsere Träume.“ Und in immer stärkerem Ausmaß das, was die Psychologie als die Urgestalt der Persönlichkeit ansieht: das Selbst. Man erreicht Menschen erstaunlicherweise leicht, wenn man ihnen dies bescheinigt. Dass die Gegenwart oberflächlich ist, viel zu schnell, um Tiefe zu entwickeln. Sie lässt die Menschen dazu tendieren, Beziehungen zu vernachlässigen und einem Optimierungswahn zu unterliegen. Nun ist das etwas eigentümlich. Denn entfremdete, sich nicht mehr richtig fühlende Menschen wissen meist nicht, was mit ihnen los ist. Sie sind im Gegenteil mit dem identifiziert, was sie kaputt macht. Georg Milzner ist Diplompsychologe und arbeitet in eigener Praxis als Psychotherapeut.