Angst und Lust sind gleichstarke Emotionen

Wenn man auf jemanden wütend ist, urteilt die Wut, dass einem diese Person Unrecht getan hat. Die Wut zeigt dann eine propositionale Einstellung, also eine bestimmte innere Haltung zu einem Sachverhalt. Vor allem aber können Emotionen Wünsche auslösen und zum Tun bewegen. In jedem Menschenleben wechseln sich Phasen der Angst und der Lust ab. Rebekka Reinhard weiß: „Wo sich Angst und Lust treffen, entsteht ein vibrierender Schwebezustand; ein kitzliges Gefühl voller schillernder Widersprüchlichkeit.“ Angstlust ist die Bassline, die überall im Hintergrund wabert. Sie ist der emotionale Soundtrack einer Zeit, die versucht, sich aus sich selbst zu befreien. Als Hybrid aus zwei gleich starken Emotionen, die in entgegengesetzte Richtungen auseinanderstreben, ist die Angstlust wesentlich raffinierter als die primitive Wut und der platte Hass. Die Philosophin Rebekka Reinhard war, bis zur Einstellung der Zeitschrift, stellvertretende Chefredakteurin des Magazins „Hohe Luft“.

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Reinhard Haller kennt die Mythen des Hasses

Der Schriftsteller Graham Green schreibt: „Hass ist ein unwillkürliches Echo der Angst, denn Angst erniedrigt.“ Sucht man in den psychologischen Wissenschaften Rat, ist es ein bewährtes Mittel, bei den alten Mythen, den Märchen und Sagen, den uralten Überlieferungen einzukehren. Reinhard Haller weiß: „Darin sind die Erfahrungen und Weisheiten ganzer Völker und Generationen zu finden, in verdichteter, oft symbolischer und rätselhafter Weise. Tatsächlich werden wir im so reichen Schatz der griechischen Mythologie auf beim Hassthema fündig.“ Am eindrücklichsten wird Hass dort in der Erzählung von „Atreus und Thyestes“ geschildert. Hier werden die wesentlichen Wurzeln des Hasses beschrieben, von genetischen Anlagen und der Hasspersönlichkeit, über die Bedeutung der Eifersucht und des Machtstrebens bis zu seinem unaufhörlichen Zerstörungsdrang und seiner Fortdauer über Generationen. Der Psychiater und Psychotherapeut Reinhard Haller arbeitet vornehmlich als Therapeut, Sachverständiger und Vortragender.

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Man sollte die Angstlust sehr ernst nehmen

Im zwiespältigen Gefühl der Angstlust zeigt sich, wie sehr moderne Menschen um die Bedeutung ihrer Existenz ringen. Rebekka Reinhard erklärt: „Einerseits haben sie große Lust auf Sinn. Sie wollen das echte, pralle, intensive Leben jenseits austauschbarer Botschaften, jenseits der immer gleichen Binaritäten des Entweder-Oder-Regimes.“ Andererseits haben sie große Angst vor Veränderung – und damit vor der vielgestaltigen, vieldeutigen Realität selbst. Eben deshalb sollte man die Angstlust sehr ernst nehmen. Die Vibrationen, die von ihr ausgehen, können Menschen lähmen und zu Voyeuren machen – sie aber ebenso gut auch inspirieren, den Ausbruch aus der Erstarrung zu wagen. Angstlust ist schlauer als dumpfes Denken, das alles kontrollieren und optimieren will. Die Philosophin Rebekka Reinhard war bis zur Einstellung des Magazins stellvertretende Chefredakteurin des Magazins „Hohe Luft“.

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Das Leben findet immer im Jetzt statt

Wenn man in die Köpfe der Menschen hineinschauen könnte, würde man ihre Selbstgespräche kennenlernen, die sie permanent mit sich führen. Das wäre manchmal lustig, manchmal traurig. Heinz-Peter Röhr weiß: „Was man auf jeden Fall feststellen würde, wäre die Tatsache, dass sie sich vorwiegend mit ihrer Vergangenheit oder mit Sorgen bezüglich ihrer Zukunft beschäftigen. Nur selten richten sie die Aufmerksamkeit auf das Jetzt.“ Viele Menschen verbringen Jahre mit der Hoffnung, dass die Dinge sich von selbst zum Besseren wenden, immer im Glauben, dass das Gute noch kommt. Auf diese Weise wird das Leben vertan, es rauscht vorbei. Man ist nicht in sich selbst zu Hause. Heinz-Peter Röhr ist Pädagoge und war über dreißig Jahre lang in der Fachklinik Fredeburg/Sauerland für Suchtmittelabhängige psychotherapeutisch tätig.

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Angst und Mut brauchen das richtige Maß

Markus Hengstschläger weiß: „Zu wenig Angst durch möglicherweise zu viel Sicherheit hemmt die Anwendung der Kreativität genauso, wie zu viel Angst die Initiation des kreativen Prozesses blockiert.“ Nur das richtige Maß an Sicherheit, gemeinsam mit einer entsprechenden Fehlerkultur, beflügelt die Flexibilität und stabilisiert den notwendigen Mut, um auch immer wieder kreativ zu sein und neue Wege zu beschreiten. Das richtige Maß an Mut ist außerdem dabei deshalb so entscheidend, weil zu viel Mut gar nicht so selten in Dummheit überschlägt und dann zu vielleicht tollkühnem oder sogar unverantwortbarem Verhalten führen kann. Auch wenn sie vieles dabei erst im Nachhinein herausstellt, kann Risikoeinschätzung und laufende Abwägung etwas mehr Sicherheit schaffen. Professor Markus Hengstschläger ist Vorstand des Instituts für Medizinische Genetik an der MedUni Wien.

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Grübler plagen immer neue Ängste

Sorgen erzeugen Sorgen. Wer in Grübelzwänge gerät, kommt auf immer neue Befürchtungen und Ängste. Aus ursprünglich einer Angst können sich viele Ängste entwickeln. Heinz-Peter Röhr erklärt: „Da ist ein Umstand, mit dem man sich nicht abfinden kann, ein seelischer Schmerz, der unerträglich scheint und den man glaubt, nicht ertragen zu können.“ Man möchte immer nur „Nein“ schreien. Nein, das darf nicht sein. Hirnforscher haben nachgewiesen, dass seelischer Schmerz dieselben Hirnareale aktiviert wie körperlicher Schmerz, nämlich das Schmerzzentrum. Der Glaube ist die stärkste Energie im Menschen, solange sich dieser nicht ändert, ist eine Korrektur unmöglich. Der typische Grübler verteidigt sein Grübeln wie ein Süchtiger sein Suchtmittel. Heinz-Peter Röhr ist Pädagoge und war über dreißig Jahre lang in der Fachklinik Fredeburg/Sauerland für Suchtmittelabhängige psychotherapeutisch tätig.

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Angst kann auch ansteckend sein

Die Ängste des Menschen basieren auch auf genetischen Komponenten. Die Entstehung und Ausprägung von Ängsten werden aber sehr stark von der Umwelt mitbestimmt, und daher kann man darauf auch Einfluss nehmen. Markus Hengstschläger weiß: „So nützlich viele dieser instinktiven, intuitiven Ängste über Jahrtausende waren, so sehr haben sie in unserer Zeit oft ihren Nutzen verloren beziehungsweise stehen uns sogar im Weg.“ Das ist von besonderer Bedeutung, weil Angst auch ansteckend ist und sich auf einen ganzen Freundeskreis, ein Netzwerk, eine Social-Media-Community oder auf eine ganze Belegschaft ausbreiten kann. So könnte es am Ende des Tages dazu kommen, dass ein Einzelner, obwohl der vielleicht gar keine Angst davor entwickeln würde, deshalb keine neuen Wege einschlägt, weil viele in seinem Umfeld davor Angst haben. Professor Markus Hengstschläger ist Vorstand des Instituts für Medizinische Genetik an der MedUni Wien.

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Grübeln hängt stark mit Angst zusammen

Der Kern des Grübelns ist Angst! Dies ist meist wenig bewusst. Das zu wissen spielt aber für die Bewältigung des Problems eine wichtige Rolle. Da ist eine mehr oder weniger starke Angst, die man auflösen möchte. Heinz-Peter Röhr nennt Beispiele: „Beispielsweise die Angst, etwas Falsches gesagt zu haben oder dass man sich blamiert haben könnte oder bestimmte Schwächen habe oder sonst wie nicht genügen könnte.“ Die Themen, über die Menschen grübeln, sind unerschöpflich. Manchmal reichen bestimmte Ereignisse, die in den Teufelskreis des Grübelns führen: „Der Vorgesetzte hatte heute einen mürrischen Gesichtsausdruck, hat das was mit mir zu tun? Habe ich etwas falsch gemacht?“ Heinz-Peter Röhr ist Pädagoge und war über dreißig Jahre lang in der Fachklinik Fredeburg/Sauerland für Suchtmittelabhängige psychotherapeutisch tätig.

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Angst hat einen enorm positiven Nutzen

Angst und Furcht haben letztendlich einen enorm positiven Nutzen. Markus Hengstschläger erläutert: „Ängste wurden im Zuge der Evolution verankert, sichern das Überleben und sind ohne Zweifel von so großer Bedeutung, dass der Homo sapiens heute ohne sie nicht wäre, was er ist.“ Im Angstzustand werden Prozesse im Gehirn ausgelöst, die schließlich zur Ausschüttung von entsprechenden Hormonen im Körper führen. So kommt es neben so manchen anderen Reaktionen zu den wichtigsten Konsequenzen dieser biochemischen Prozesse – der Steigerung der Aufmerksamkeit, der Konzentration und der Leistungsfähigkeit. Unter Angst läuft der Mensch schneller, und mit Angst denkt der Mensch anders. Der Physiologe Walter Cannon hat den Begriff „Kampf-oder-Flucht-Reaktion“ geprägt, um damit entsprechend schnelle, intuitive Entscheidungen und Anpassungen in einer Angst- beziehungsweise Stressreaktion zu beschreiben. Professor Markus Hengstschläger ist Vorstand des Instituts für Medizinische Genetik an der MedUni Wien.

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Sicherheit ist ein essenzielles Bedürfnis

Der Umgang mit der Angst in den Medien zeigt eindrücklich, wie stark Sicherheit ein essenzielles menschliches Bedürfnis ist. Hans-Otto Thomashoff betont: „Und so besteht eine zentrale Aufgabe des Staates darin, für die Sicherheit seiner Bürger zu sorgen, im Inneren wie im Äußeren. Fehlende Sicherheit ist neben Ungerechtigkeit die entscheidende Ursache für übermäßigen Stress in einer Gesellschaft. Denn dort, wo die Sicherheit bedroht ist, entsteht Angst.“ Für Angst ist das menschliche Gehirn besonders anfällig, weil es eben für das Überleben hilfreich war und ist, drohende Gefahren rechtzeitig zu erkennen. Abhängig von früheren Erfahrungen ist die Angstneigung allerdings individuell verschieden. Hans-Otto Thomashoff weist darauf hin, dass Gefühle aufgrund der Resonanz der Spiegelneuronen ansteckend sind. Hans-Otto Thomashoff ist Facharzt für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychoanalyse in eigener Praxis in Wien.

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