Sicherheit ist ein essenzielles Bedürfnis

Der Umgang mit der Angst in den Medien zeigt eindrücklich, wie stark Sicherheit ein essenzielles menschliches Bedürfnis ist. Hans-Otto Thomashoff betont: „Und so besteht eine zentrale Aufgabe des Staates darin, für die Sicherheit seiner Bürger zu sorgen, im Inneren wie im Äußeren. Fehlende Sicherheit ist neben Ungerechtigkeit die entscheidende Ursache für übermäßigen Stress in einer Gesellschaft. Denn dort, wo die Sicherheit bedroht ist, entsteht Angst.“ Für Angst ist das menschliche Gehirn besonders anfällig, weil es eben für das Überleben hilfreich war und ist, drohende Gefahren rechtzeitig zu erkennen. Abhängig von früheren Erfahrungen ist die Angstneigung allerdings individuell verschieden. Hans-Otto Thomashoff weist darauf hin, dass Gefühle aufgrund der Resonanz der Spiegelneuronen ansteckend sind. Hans-Otto Thomashoff ist Facharzt für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychoanalyse in eigener Praxis in Wien.

Gegen irrationale Ängste helfen direkte Bindungen

Für eine Gesellschaft kann es zum Problem werden, wenn bestimmte Gruppen besonders anfällig sind für Ängste, weil durch die Resonanz die Ängste leicht auf andere übergreifen können. Extrembeispiel dafür sind Massenpaniken, bei denen sich die Angst wie ein Lauffeuer verbreitet. Selbst Ängste, für die es gar keinen realen Grund gibt, können aufgrund der Resonanz ansteckend sein und eine Gesellschaft regelrecht infizieren. Unterminieren beispielsweise rechtsfreie Zonen in Großstädten das Grundsicherheitsgefühl, wirken die daraus erwachsenen Ängste über die eigentlichen Problemzonen hinaus.

Das stärkste Mittel gegen Stress und Angst ist auch auf gesellschaftlicher Ebene das Bindungshormon Oxytocin. Hans-Otto Thomashoff erklärt: „Das bedeutet: Gegen irrationale Ängste helfen neben dem Vertrauen in die Entscheidungsträger vor allem direkte Bindungen, gelebte Gemeinschaft mit Zusammengehörigkeit und Identität. Wir fühlen uns sicher, wenn wir uns einer Gemeinschaft zugehörig fühlen, in der wir uns auskennen.“ Zwar können heftige Gefühle selbst in einer anonymen Masse temporär eine gemeinsame Identität stiften, weil die Gefühle aller miteinander in Resonanz treten, doch ist eine solche Zugehhörigkeit flüchtig.

Entscheidende Zukunftsfragen bleiben unbeantwortet

Damit ein Zusammenhalt dauerhaft hält, bedarf es identitätsstiftender Beziehungen in überschaubaren Einheiten, die durch gemeinsam geteilte Werte und Ziele Verbundenheit schaffen. In einer parlamentarischen Demokratie sind es die Parteien, die dem interessierten Bürger eine Plattform für seine politische Identität bieten, doch ist die Bindung an sie in einer von permanenter Medienpräsenz geprägten Gesellschaft zunehmend instabil. Die Politiker richten sich nach aktuellen Umfragewerten, langfristige Perspektiven gehen verlustig, die Inszenierung überlagert die Inhalte.

Hans-Otto Thomashoff stellt fest: „Entscheidende Zukunftsfragen bleiben unbeantwortet und die Bürger verlieren das Vertrauen in die politischen Entscheidungsträger.“ Auch diese Entwicklung ist keineswegs auf Deutschland und Österreich beschränkt. So gaben im Jahr 2019 in den USA nur noch 17 Prozent der Bevölkerung an, ihren Politikern in Washington zu vertrauen. Wo die Politik das Bedürfnis nach Identität und Bindung nicht mehr befriedigt, steigt die Angstanfälligkeit der Bürger, erst recht, wenn die Politiker ohne klare Perspektive handeln. Quelle: „Mehr Hirn in die Politik“ von Hans-Otto Thomashoff

Von Hans Klumbies

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