Menschen meiden schlechte Gefühle

Es treiben bissige Wörter im endlosen Informationsstrom, der die vielen sogenannten Kanäle täglich überspült. Sebastian Herrmann stellt fest: „Taucht so ein Beißwort auf, springen sehr viele, vielleicht sogar eine wachsende Zahl von Menschen hastig aus dem Informationsstrom, klinken sich aus und gehen in Deckung. Unerwünschte Informationen vermeiden fast alle Menschen so gut es nur geht.“ Die Faustregel lautet, je hitziger ein Thema diskutiert wird, desto mehr Anlässe gibt es, in Deckung zu gehen. Menschen konsumieren am liebsten Informationen, die ihre Weltsicht – scheinbar – bestätigen, und meiden solchen, die diese infrage stellen. Das ist lange bekannt und liegt auf der Hand. Auf die Frage nach dem Warum, geben Psychologen bisher allerdings nur eine grobkörnige Antwort: Es löst Aversionen aus, sich mit Gegenpositionen zu beschäftigen, und schlechte Gefühle meide der Mensch.

Weiterlesen …

Alle Menschen sind Sammler

In gewissem Maße sind alle Menschen Sammler. Kevin Dutton erklärt: „Die Einstellung „Man weiß nie“ in uns angelegt. Sie haben vielleicht keine große Anzahl von Dingen aus den 1980er Jahren in Ihrem Wohnzimmer oder auf der Treppe herumliegen. Aber was soll dieser kleine Papierstapel da drüben neben dem Computer auf Ihrem Schreibtisch?“ Aller Wahrscheinlichkeit nach wird er dort länger bleiben, als er willkommen ist, weil man sich nicht entscheiden kann, was man damit tun soll. Wenn man normalerweise an Sammler denkt, dann haben die meisten Menschen langfingrige, schielende Einsiedler im Sinn. Doch wenn alle Menschen auf einem Spektrum angesiedelt sind, was genau trennt sie dann von ihnen? Kevin Dutton ist Forschungspsychologe an der University of Oxford und Mitglied der British Psychological Society.

Weiterlesen …

Das Selbst will frei und selbstbestimmt sein

Es ist eine Zeit gekommen für die Rückbesinnung auf das allgemein Menschliche, eine Rückbesinnung auf sich selbst – ein selbstbestimmtes, freies Selbst. Michaela Brohm-Badry ergänzt: „Es ist Zeit für eine Eindämmung des inneren Drucks un der Beeinflussung durch äußere Ansprüche. Viele wollen nicht mehr so überhitzte Ansprüche an sich selbst stellen.“ Sie wollen nicht mehr den übersteigerten Erwartungen bei der Arbeit entsprechen, sich nicht mehr dem Termindruck oder der ständigen Erreichbarkeit aussetzen. Denn all das entspricht nicht dem menschlichen Sein. Viele Menschen haben einen deutlichen Schrei vernommen. Es ist der Schrei der finalen Erschöpfung von Mensch, Kultur und Natur. Prof. Dr. Michaela Brohm-Badry ist Professorin für Lernforschung. Sie war langjährige Dekanin des Fachbereichs Erziehungs- und Bildungswissenschaften, Philosophie und Psychologie an der Universität Trier.

Weiterlesen …

Das Leben ist eine ständige Bewegung

Der Pragmatiker weiß: Es geht im Leben weniger um die gerade Linie, sondern um Berichtigungen, um fortwährende Kurskorrekturen. Reinhard K. Sprenger weiß: „Ein Plan mag noch so gut sein, die Entscheidung noch so durchdacht, die Startbedingungen noch so günstig: Wir müssen fortwährend anpassen, ausgleichen, und neuen Umständen stellen. Das ist mehr als nur Elastizität – das bedeutet auch Dauerreparatur.“ Man muss sich lösen von dem Trugbild, man könnte den Weg geradeaus gehen, Pläne seien ohne Korrekturen zu verwirklichen. Denn das Leben ist kein Zustand, sondern eine Bewegung. Und die richtet sich nicht nach lebensfeindlichen Festlegungen. Wie jede Ehe und jede Freundschaft, wie jedes Aktienportfolio und auch der Job: Es ist das Korrigieren, die ständige Anpassung an veränderte Umstände, die das Leben gelingen lässt. Reinhard K. Sprenger zählt zu den profiliertesten Managementberatern und wichtigsten Vordenkern der Wirtschaft in Deutschland.

Weiterlesen …

Erotische Liebe entfaltet eine extreme Lust

Auffällig an Sigmund Freuds Psychoanalyse ist für Peter Trawny ein offenbar fehlendes Verständnis der Liebe diesseits oder jenseits des Eros als „Triebbefriedigung“. Gibt es eine Psychoanalyse der Liebe, die sich nicht in genitaler Sexualität verdichtet? Anders gesagt: Sigmund Freuds Kulturtheorie wirft die Frage auf, ob und inwiefern es sinnvoll ist, Liebe von genitaler Sexualität zu unterscheiden. Denn dass etwas wie Liebe von Sexualität unterschieden werden kann, mag möglich sein. Doch müsste sie dann auf die Sexualität zurückgeführt werden, als eine ihrer Sublimierungen? Sigmund Freud kommt im „Unbehagen in der Kultur“ auch auf die Nächstenliebe zu sprechen. Sie wird ausdrücklich zurückgewiesen: „Wenn ich einen anderen liebe, muss er es auf irgendeine Art verdienen.“ Peter Trawny gründete 2012 das Matin-Heidegger-Institut an der Bergischen Universität in Wuppertal, dessen Leitung er seitdem innehat.

Weiterlesen …

In der Liebe herrscht oft ziemliches Chaos

Für Ulrich Beck und Elisabeth Beck-Gernsheim was das „ganz normale Chaos der Liebe“ eine Quelle positiver Sozialität. Das heißt, eine Quelle der Improvisation und der produktiven Relationalität. Eva Illouz dagegen sieht das Chaos als eine Quelle negativer Sozialität, eine Neuordnung und Bildung der Handhabung von Beziehungen durch Ungewissheit. Vor dem Hintergrund dieser Diagnose muss man auch das persönliche Verständnis von Kultur überdenken. Eva Illouz stellt fest: „In der traditionellen Anthropologie und Soziologie formt die Kultur soziale Bindungen durch Rollen, Normen, Rituale und soziale Drehbücher. Mithin durch positive Gebote der Zugehörigkeit, Identifikation, regulären Durchführung oder sogar der Improvisation. Eva Illouz ist Professorin für Soziologie an der Hebräischen Universität von Jerusalem. Außerdem ist sie Studiendirektorin am Centre européen de sociologie et de science politique de la Sorbonne.

Weiterlesen …

Viktor Frankl entwickelt die Logotherapie

Die Logotherapie – Philosophie oder eine Methode der Psychologie? Beides? Die Klärung ist müßig und letzten Endes ohne Bedeutung. Vielleicht ist Logotherapie angewandte Philosophie, die aus der Praxis entwickelt ist. Jedenfalls ist sie wirkungsvoll und hat zahllosen Menschen geholfen, ein entglittenes Leben wieder in den Griff zu bekommen. Viktor Frankl, geboren am 26. März 1905 in Wien, hat ein Medizinstudium absolviert und regen Gedankenaustausch mit Sigmund Freud und Alfred Adler gehabt. Sein Spezialgebiet war von Anfang an die Suizidprävention. Im Jahr 1928 gründete er in Wien die Jugendberatungsstellen mit dem Zweck, Schülersuiziden zuvorzukommen. Die hatten sich nämlich gehäuft, zumal wenn die Matura – Abitur – nicht bestanden wurde. Friedrich Torbergs Roman „Der Schüler Gerber“ ist die literarische Aufarbeitung dieser Zustände. Weltweit bekannt ist Viktor Frankl für seine Entwicklung der Logotherapie.

Weiterlesen …

MeToo wäre ohne Sensibilität undenkbar

Der abwertende Begriff „Snowflake“ wendet die psychische Sensibilität – als vermeintliche Hypersensibilität – ins Polemische. Svenja Flaßpöhler erläutert: „Als „Snowflakes“ werden auf abwertende Weise Menschen bezeichnet, die sich einzigartig wähnen, keine gegenteiligen Meinungen aushalten und extrem empfindlich gegen Reize und Zugriffe von außen sind.“ Unter anderem die Debatte über Trigger-Warnings und Sprachsensibilität, aber auch die Tendenz gesellschaftlicher Singularisierung sind hier angesiedelt. Die ethische Sensibilität findet im 18. Jahrhundert ihre philosophische wie literarische Entfaltung und meint, allgemein gesprochen, die Fähigkeit, mit anderen mitzufühlen. Aus Sicht der Historikerin Lynn Hunt ist es alles andere als ein Zufall, dass just in jenem Jahrhundert, in dem die Empathie zum systematischen Gegenstand der Philosophie wurde und die Briefromane Jean-Jacques Rousseaus und Samuel Richardsons tiefe Identifikation mit leidenden Frauenfiguren zu stiften vermochten, auch die Menschenrechte erklärt wurden. Svenja Flaßpöhler ist promovierte Philosophin und Chefredakteurin des „Philosophie Magazin“.

Weiterlesen …

Emotionale Intelligenz ist keine Intelligenz

Wenn man darüber spricht, was Intelligenz denn eigentlich sei, ist es für Jakob Pietschnig auch wichtig festzuhalten, was sie auf keinen Fall ist. Er erklärt: „Auch wenn der Begriff von der „Emotionalen Intelligenz“ seit den 1960er-Jahren immer wieder auftaucht – und von Howard Gardner in die Liste seiner „multiplen Intelligenzen“ aufgenommen worden ist, zählen emotionale Intelligenz und auch soziale Kompetenzen nicht zur Intelligenz.“ Bei ihnen handelt es sich vielmehr um Persönlichkeitseigenschaften als um Fähigkeiten. In aller Munde ist die „Emotionale Intelligenz“ sei der Publikation „EQ. Emotionale Intelligenz“ des Psychologen und Wissenschaftsjournalisten Daniel Goleman (*1946) aus dem Jahr 1995, die international zum Bestseller avancierte. Er stellt darin einer breiten Öffentlichkeit sein Konzept von der „emotionalen Intelligenz“ vor und preist die Vorzüge zwischenmenschlicher Kompetenzen gegenüber den, wie er sagt, „herkömmlichen“ Fähigkeiten. Jakob Pietschnig lehrt Differentielle Psychologie und Psychologische Diagnostik an der Universität Wien.

Weiterlesen …

Die Demütigung ist die bösartigste Kränkung

Die Demütigung ist die tiefste, bösartigste und folgenschwerste Form der Kränkung. Sie ist Entwertung, Verletzung, Beschämung und Diffamierung in einem. Reinhard Haller fügt hinzu: „Sie ruft Gefühle der Scham und Hilflosigkeit, der ohnmächtigen Wut und Verzweiflung, ja der totalen Erniedrigung hervor.“ Im Gegensatz zum sonstigen Kränken, welches dem Kränkenden unbeabsichtigt passieren kann, ist sie Ausdruck einer gezielten Aggression, einer bewussten Bloßstellung, einer geplanten Entwürdigung anderer. Dahinter steckt immer eine böse Absicht, nicht nur eine Nachlässigkeit oder Unbedachtheit. Demütigungen sind offen und auf die äußere Person gerichtet, Kränkungen sind versteckter und entwickeln sich eher nach innen. Demütigungen haben aggressiv-sadistischen Charakter, Kränkungen sind subtiler und verhaltener. Der Psychiater und Psychotherapeut Reinhard Haller arbeitet vornehmlich als Therapeut, Sachverständiger und Vortragender.

Weiterlesen …