Hass ist die dunkelste Leidenschaft

Reinhard Haller weiß: „Nur wenn es gelingt, dem Hass in psychologischem Sinne eine fassbare Gestalt zu verleihen, frei von blickverfälschenden emotionalen Verzerrungen, wird es einigermaßen möglich sein, ihn zu durchschauen.“ Es gilt, dem Hass durch Transparenz seinen Schrecken, aber auch seine Faszination zu nehmen und ihn durch radikale Entblätterung angreifbar zu machen. Mit emotionalen Methoden wie Nachfühlen, Nachempfinden oder psychologischem Verstehen stößt man bei dieser dunklen Leidenschaft zunächst nämlich an Grenzen. Um den Hass allerdings zu überwinden, sind dann doch wieder positive emotionale Kräfte erforderlich, ja unverzichtbar. Denn nur wenn es gelingt, dieser durch und durch destruktiven Emotion möglichst viele positive Gefühle, deren stärkstes jenes der Liebe ist, entgegenzusetzen, gibt es gegen ihn eine Chance. Der Psychiater und Psychotherapeut Reinhard Haller arbeitet vornehmlich als Therapeut, Sachverständiger und Vortragender.

Hass ist ein machtvolles und destruktives Phänomen

Was ist denn Hass überhaupt? Wie kann man Hass am besten beschreiben, wer kann ihn verstehen und einigermaßen erklären? Hat Hass nur schlechte Seiten, oder lassen sich an ihm auch konstruktive Eigenschaften entdecken? Reinhard Haller stellt fest: „Schon beim Versuch, Hass zu charakterisieren und von anderen Emotionen abzugrenzen, stellt sich die Frage, ob Hass überhaupt als Emotion definiert werden kann.“ Wissenschaftler und Forscher sind sich darüber einig, dass Hass ein machtvolles und destruktives Phänomen ist, welches Emotionen wie Wut, Abscheu oder Verachtung teilt.

Weil Hass oft von solchen negativen Gefühlen begleitet wird oder diese während seiner Entwicklung auftreten können, ist die Abgrenzung schwierig. Hass ist also eher ein nicht leicht zu beschreibender Gefühlskomplex und gleichzeitig eine soziale Interaktion, denn er richtet sich gegen andere Menschen. Und er wird von verschiedenen Wissenschaftlern und Denkern ganz unterschiedlich bewertet. Während manche seine Existenz sogar bestreiten, sehen andere in ihm ein wichtiges Wesensmerkmal des menschlichen Daseins.

Der Widerpart des Hasses ist die Liebe

Reinhard Haller erklärt: „Betrachtet man die sich bei der Analyse und Beschreibung des Hasses ergebende Komplexität, erscheint es nahezu logisch, dass sich besonders die Elite der Denker, die Philosophen, mehr mit dem Thema Hass beschäftigt haben als Vertreter aller anderen Wissenschaftsdisziplinen, selbst als Psychologen und Soziologen.“ Meist stellen sie ihm seinem Widerpart, der Liebe, gegenüber und fragen, ob Hass ein Affekt, ein Trieb oder eine Leidenschaft sei.

Der griechische Universalgelehrte Aristoteles (384 – 322 v. Chr.) analysiert Hassgefühle durch Abgrenzung von anderen Emotionen, besonders von der Wut, die nur eine kurzlebige heftige Gemütsbewegung, ein Affekt sei. Als abstraktes Phänomen richte sich der Hass gegen Menschen oder Menschengruppen und sei – das ist die bedrückendste Erkenntnis des Aristoteles – immer auf Zerstörung ausgerichtet: „Wenn wir jemanden hassen, wollen wir, dass er nicht mehr existiert.“ Quelle: „Die dunkle Leidenschaft“ von Reinhard Haller

Von Hans Klumbies

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