Der Hype um das eigene Kind ist gewaltig

Ein gebetsmühlenartiger Satz werdender Großeltern lautet: „Eine Geburt ist das Natürlichste der Welt.“ Viele werdende Mütter verlieren in ihrer Orientierungslosigkeit jedoch das Vertrauen in ihre Eltern und orientieren sich noch stärker an dem, was sie im Internet recherchieren. Manche Eltern entscheiden sich schließlich für eine private Klinik, in der das Kind das Licht der Welt erblicken soll. Rüdiger Maas erklärt: „Es muss einfach alles perfekt sein, schließlich soll die Geburt das schönste Ereignis in ihrem Leben werden. Schöner als der erste Kuss, die Abiturfeier oder der 1000. Follower auf Instagram.“ Die Atmosphäre und die Ausstattung der privaten Klinik sind einfach freundlicher. In seiner Studie berichte Rüdiger Maas einige Paare, dass sie die Geburtsstätte danach auswählen, ob sie Instagram tauglich ist. Rüdiger Maas studierte in Deutschland und Japan Psychologie. Er ist Gründer und Leiter eines Instituts für Generationenforschung.

Orte müssen Instagram tauglich sein

Rüdiger Maas zitiert: „Die Geburt soll dort stattfinden, wo sich keine kargen Wände, kein hässlicher Kreißsaal, keine unschönen Einrichtungsgegenstände befinden, die man auf den geposteten Bildern sehen könnte.“ Mittlerweile hat sich sogar ein medialer Hype um Orte entwickelt, die Instagram tauglich sind. Influencer aus der ganzen Welt suchen die beliebtesten Orte für Fotos auf, um gepostete Bilder mit vielen Likes zu bekommen. Sicherlich mag sich niemand in einer unangenehmen Umgebung aufhalten.

Gerade bei der Geburt der eigenen Kinder möchte man sich wohlfühlen. Rüdiger Maas kritisiert: „Allerdings resultiert die Entscheidung für den Ort in diesen Extremfällen nicht aus der Verantwortung für sich selbst oder das Kind, sondern aus der Verantwortung für die Cybercommunity, aus dem Wunsch, viele Likes zu bekommen.“ Im Netz tummeln sich angehende Eltern und Ratgeber-Websites mit Tipps, welches Produkt wann, in welcher Farbe und mit welchen Gadgets gekauft werden sollte.

Der Begriff Avatar bedeutet wörtlich „Abstieg“

Viele werdende Eltern werden von der Informationsflut völlig überrannt. Sie befinden sich mitten in einem Konkurrenzkampf darum, wer sich besser und intensiver auf sein Kind vorbereitet. Endlich, der Tag der Geburt ist da und alles läuft gut. Im Silicon Valley freut man sich, dass man den digitalen Avatar des Babys nun weiter mit Daten füttern kann. Rüdiger Maas erläutert: „Der digitale Avatar ist eigentlich nur eine Metapher für die Datenspuren, die im Netz hinterlassen werden.“

Der Begriff „Avatar“ leitet sich aus dem Sanskrit ab und bedeutet wörtlich „Abstieg“. So ein „digitaler Abstieg“ ist die Datenspur im Netz, die auf eine Person zu rückverfolgbar ist. In anderen Worten: Ein Avatar ist eine virtuelle Person, die einer realen Person zugeordnet werden kann. Einen digitalen Avatar, also einen künstlichen Menschen zu schaffen, der das Abbild eines wirklichen Menschen ist, ist derzeit noch nicht möglich. Es ist aber möglich, einzelne Datenspuren zu einem Datenpaket zu schnüren, das über die Eigenschaften und Präferenzen eines Menschen Auskunft gibt. Quelle: „Generation lebensunfähig“ von Rüdiger Maas

Von Hans Klumbies

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