Zwanghafte Destruktivität mündet in Krieg

Sigmund Freud ging es in seiner Schrift „Das Unbehagen in der Kultur“ unter anderem um die Frage, wie der furchtbaren Destruktivität, wie er sie im Ersten Weltkrieg beobachten konnte und wie er sie für die 1930er Jahre in noch größerem Ausmaß befürchtete, etwas entgegensetzt werden kann. Für Sigmund Freud sind die von Gruppen gegenüber sich selbst angeführten bewussten Gründe für ihr Handeln nicht identisch mit ihren handlungsleitenden Beweggründen. Judith Butler erläutert: „Daher muss das Nachdenken über die mögliche Vermeidung von Zerstörungen anderes bieten als bloß für das rationale Denken annehmbare Argumente. Es muss in irgendeiner Weise den Trieb berücksichtigen oder einen Weg finden, mit – und gegen – diese zwanghafte Destruktivität zu arbeiten, die in Krieg münden kann.“ Judith Butler ist Maxine Elliot Professor für Komparatistik und kritische Theorie an der University of California, Berkeley.

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Die Dunkelziffer beim Narzissmus ist hoch

Fest steht: Narzissmus gab es immer schon. Zur Häufigkeit narzisstischer Störungen gibt es unterschiedliche Untersuchungsergebnisse. Die Zahlen schwanken zwischen circa unter 1 und 8 Prozent; manche Schätzungen liegen sogar weit höher. Turid Müller stellt fest: „Doch wie häufig Narzissmus tatsächlich ist, lässt sich nur schwer ermitteln – auch wegen der Unklarheit in der Begriffsbestimmung und der fehleranfälligen diagnostischen Tools.“ Es ist möglich, dass die Häufigkeit unterschätzt wird. Wenn diagnostische Fehlerquellen ausgeschlossen würden, könnten die Zahlen deutlich höher liegen. Schwierig ist außerdem die hohe Dunkelziffer. Menschen mit narzisstischen Persönlichkeitsstörungen sind – mit wenigen Ausnahmen – nicht in der Lage, eigene Schwächen und die Auswirkungen ihres Verhaltens auf andere zu reflektieren. Dementsprechend halten sie sich auch nicht für krank. Turid Müller ist Diplom-Psychologin und ausgebildete Schauspielerin.

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Die Aggression ist eine Urkraft

Der wichtigste Antrieb des Hasses, gleichsam sein Motor, ist die Aggression. Reinhard Haller weiß: „Diese dem Angriff oder der Verteidigung dienende Verhaltensweise ist ein in Mensch und Tier biologisch tief verankertes Verhaltensmuster.“ Aggressives Verhalten ist abhängig von genetischen und zerebralen Faktoren, von der Wirkung der Hormone und Neurotransmitter, von psychischen Zuständen und kognitiven, also verstandesmäßigen Motiven. Aber auch stammes- und kulturgeschichtliche oder gruppensoziologische Aspekte sowie persönliche Erfahrungen und Einstellungen sind bedeutend. Aggression entsteht als Reaktion auf Frustrationen und physikalische oder psychosoziale Unterdrückung und wird durch entsprechende Reize und Situationen ausgelöst. Die Aggression ist eine Urkraft aller tierischen Lebewesen, ohne sie wären weder Überleben noch Entwicklung oder Fortschritt möglich. Prof. Dr. med. Reinhard Haller war als Psychiater, Psychotherapeut und Neurologe über viele Jahre Chefarzt einer psychiatrisch-psychotherapeutischen Klinik. Heute führt er eine fachärztliche Praxis in Feldkirch (Österreich).

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Kinder entwickeln eine intuitive Psychologie

Gerd Gigerenzer erklärt: „Die Neugier auf Ursachen statt auf bloße Assoziationen ist charakteristisch für menschliche Intelligenz und das Kennzeichen von Wissenschaft.“ Kausales Denken ist sowohl eine Stärke als auch der Ursprung von Aberglauben. Etwa, wenn man glaubt, dass das Drücken von Daumen Glück bringt. In den ersten Jahren entwickeln Kinder eine intuitive Psychologie. Sie „wissen“, dass Menschen Gefühle und Absichten haben, und sie können die Perspektive anderer Menschen einnehmen. Spezielle Schaltkreise im Gehirn haben offenbar die Aufgabe zu beobachten, was andere wissen, denken und glauben. Ein Mangel an intuitiver Psychologie ist ein Zeichen für Autismus. Ganz ähnlich entwickeln Kinder auch eine intuitive Physik. Gerd Gigerenzer ist ein weltweit renommierter Psychologe. Das Gottlieb Duttweiler Institut hat Gigerenzer als einen der hundert einflussreichsten Denker der Welt bezeichnet.

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Es gibt einen Sinn für das Gemeinwohl

Neben dem Sinn für „Selbstverwirklicher“ muss es doch wohl noch einen „Sinn fürs Gemeinwohl“ geben. Im Sinne von: „Wir arbeiten gemeinsam für etwas Gutes!“ Gibt es das in der heutigen Zeit noch? Viele Unternehmen reklamieren diesen Anspruch tatsächlich für sich. Ingo Hamm weiß: „Doch nicht, wie wir annehmen würden, um die Welt zu retten. Sondern um mit diesem hehren Versprechen die Mitarbeiter stärker ans Unternehmen zu binden.“ Jenseits der 40 fängt jeder normale Mensch an, häufiger über den Sinn des Lebens nachzudenken. Vor allem, wenn er nachts um halb drei aufwacht und nicht wieder einschlafen kann. Die beiden Urväter des „Warum“, Simon Sinek und Daniel Pink zum Beispiel setzten anfänglich den Sinn für das Individuum und den Sinn für das größere Ganze synonym. Dr. Ingo Hamm ist Professor für Wirtschaftspsychologie an der Hochschule Darmstadt.

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Das Glück ist keine Insel

Erstens ist Geld ist am Ende des Tages nicht nur ein leeres Glücksversprechen, sondern scheint sogar das Gegenteil zu bewirken. Maren Urner weiß: „Wir kennen sie alle, die Vorstellung, dass Geld dafür sorgt, dass wir die kleinen Freuden des Lebens weniger genießen.“ Und hier ist vielleicht am ehesten der Ausdruck des „Verlernens“ angebracht. Zum ersten Mal wissenschaftlich belegt hat die Idee, dass Geld den Zugang zu den kleinen Freuden im Leben erschwert oder gar verwehrt, ein internationales Forscherteam im Jahr 2010. Je wohlhabender ihre Probanden, desto geringer ihre Fähigkeit, alltägliche positive Erfahrungen zu würdigen. Mit anderen Worten: Ein Zugang zu den vermeintlich besten Dingen im Leben wie der Spritztour im Privatjet zur Pariser Weinprobe verschlechtert die Fähigkeit, die kleinen Freuden des Lebens zu genießen. Dr. Maren Urner ist Professorin für Medienpsychologie an der Hochschule für Medien, Kommunikation und Wirtschaft (HMKW) in Köln.

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Angst und Lust sind gleichstarke Emotionen

Wenn man auf jemanden wütend ist, urteilt die Wut, dass einem diese Person Unrecht getan hat. Die Wut zeigt dann eine propositionale Einstellung, also eine bestimmte innere Haltung zu einem Sachverhalt. Vor allem aber können Emotionen Wünsche auslösen und zum Tun bewegen. In jedem Menschenleben wechseln sich Phasen der Angst und der Lust ab. Rebekka Reinhard weiß: „Wo sich Angst und Lust treffen, entsteht ein vibrierender Schwebezustand; ein kitzliges Gefühl voller schillernder Widersprüchlichkeit.“ Angstlust ist die Bassline, die überall im Hintergrund wabert. Sie ist der emotionale Soundtrack einer Zeit, die versucht, sich aus sich selbst zu befreien. Als Hybrid aus zwei gleich starken Emotionen, die in entgegengesetzte Richtungen auseinanderstreben, ist die Angstlust wesentlich raffinierter als die primitive Wut und der platte Hass. Die Philosophin Rebekka Reinhard war, bis zur Einstellung der Zeitschrift, stellvertretende Chefredakteurin des Magazins „Hohe Luft“.

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Es gibt eine Art der „kluger Dummheit“

Heidi Kastner weiß: „Es gibt auch eine Dummheit im Handeln, die sich relativ häufig im zwischenmenschlichen Bereich abspielt und nicht zwingend mit der Entscheidung zur Ignoranz von Fakten in Zusammenhang steht.“ Schon David Wechsler hatte, als er sich mit der Vermessung der Intelligenz abmühte, erkannt, dass rein faktisches Wissen, verbunden mit logischem Denken, nicht alles sein konnte. Manche hatten wenig davon und kamen erstaunlich gut zurecht im Leben, manche, auch die gab es, hatten sehr viel davon und waren weitgehend unbrauchbar, scheiterten im Beruf, scheiterten in Beziehungen und hatten kaum Freunde. Doris Lessing, wie immer Denkverbotsresistent und unbesorgt über mögliche Anfeindungen als Folge ihrer Meinungsäußerung, argumentierte, dass kaum einer so dumm sein könne wie ein Intellektueller. Heidi Kastner ist Fachärztin für Psychiatrie und Neurologie. Seit 2005 ist sie Chefärztin der forensischen Abteilung der Landesnervenklink Linz.

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Viele Menschen achten auf äußere Signale

Michael Lehofer erklärt: „Wir sind psychosexuell gesehen Fetischisten. Daher fahren wir alle in gewisser Weise auf äußere Signale ab. Wenn Menschen einen Partner suchen, kann es passieren, dass sie auf einen wunderbaren Menschen treffen.“ Wenn dieser jedoch nicht die Erfüllung der psychosexuellen Bedürfnisse verheißt, wird der wunderbare Mensch lediglich ein guter Freund bleiben und nicht ganzheitlich – damit ist gemeint: auch als geschlechtliches Wesen – angesprochen werden. Eine Frau will, dass ein Mann will, um selbst wollen zu können. Männer, die quasi Frauen fragen, was sie wollen dürfen, werden von den wenigsten als attraktiv wahrgenommen, obwohl das paradoxerweise auch irgendwie viele Frauen einfordern. Univ.-Prof. Dr. med. Dr. phil. Michael Lehofer ist ärztlicher Direktor und Leiter der einer Abteilung für Psychiatrie und Psychotherapie am Landeskrankenhaus Graz II.

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Zur Liebe gehören Streit und Versöhnung

Man sollte die Liebe von Anfang an als Streit und Versöhnung betrachten. Demnach wäre es bedenklich, wenn in der Liebe nicht gestritten würde. Allerdings – es gibt keinen Souverän der Liebe. Peter Trawny stellt fest: „Auch die Haltung, die von vornherein Liebe als Versöhnung, und das heißt Streit, versteht, bleibt machtlos, wenn unerwartete Spannungen auftreten. Es gibt Zerwürfnisse, die Liebende an ihre Grenzen treiben; Auseinandersetzungen, die kaum noch Gemeinsamkeiten ermöglichen.“ Des sind gerade diese Situationen eines wahrhaftigen Liebeskriegs, in denen sich Liebe prüft und bewährt: Zeit der Treue. Liebe ist hart, man ist der oder dem Anderen in seiner Andersheit ausgesetzt. Diese Andersheit wird das eigene Begehren nicht bestätigen, sie wird es kränken, verletzen. Peter Trawny gründete 2012 das Matin-Heidegger-Institut an der Bergischen Universität in Wuppertal, dessen Leitung er seitdem innehat.

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