Von wenigen Ausnahmen abgesehen nimmt das sexuelle Begehren in einer Partnerschaft spätestens nach drei Jahren rapide ab. Andreas Salcher fügt hinzu: „Kommen Kinder dazu, besteht die Gefahr, dass die Lust auf Sex mit dem Partner völlig erlischt. Obwohl man einander nach wie vor liebt, spielt Sex nur mehr eine untergeordnete Rolle in der Beziehung.“ Dabei geht es nicht darum, wie oft man im Monat Sex miteinander hat, sondern um das Begehren an sich. Sexualtherpeuten beschäftigen sich schon seit Langem mit der scheinbar unlösbaren Frage, wie sich lustvolle Sexualität mit einem harmonischen Zusammenleben vereinbaren lässt. Wie kommt es, dass der Übergang zur Elternschaft so häufig mit einem erotischen Desaster einhergeht? Dr. Andreas Salcher ist Unternehmensberater, Bestseller-Autor und kritischer Vordenker in Bildungsthemen.
Liebe
Die Verfeinerung der Liebe erfordert viel Zeit
In einem von Herzen kommenden Brief teilt der deutsche Dichter Reiner Maria Rilke seinem Freund Friedrich seine jüngste Schlussfolgerung über die Funktionsweise der Liebe mit: „Da habe ich immer und immer wieder erfahren, dass es kaum etwas Schwereres gibt, als sich lieb haben. Dass das Arbeit ist, Tagelohn, Friedrich, Tagelohn. Weiß Gott, es gibt kein anderes Wort dafür.“ Der Hirnforscher und Neurowissenschaftler Giovanni Frazzetto ergänzt: „Vertraulichkeit ist kein unabänderliches Talent, sondern eher eine Reise. Wie andere Fertigkeiten vervollkommnet sie sich durch Versuch und Irrtum. Intimität und Nähe bedeuten das Aufführen, Proben und Verfeinern verschiedener Arten der Verbindung.“ Jedes Mal, wenn man anfängt, eine Beziehung aufzubauen, hat man eine Chance, zu lernen, wie Intimität funktioniert. Das gilt sowohl kurz- als auch langfristig. Ob die Verbindung ein paar Monate, Jahrzehnte oder ein Leben lang hält, die Verfeinerung erfordert Zeit.
Die romantische Liebe gibt es nicht mehr
Eva Illouz erwähnt in ihrem Buch „Warum Liebe endet“, wie schwer es für Partner gegenwärtig ist, zwei im Konflikt liegende „Logiken“ miteinander zu vereinbaren. Martin Hartmann erläutert: „Einerseits erfordert die Aufnahme einer Liebesbeziehung Nähe und Emotionalität. Andererseits fürchten sich vielen vor genau einer solchen Nähe und Emotionalität, weil sie mit Verletzlichkeit einhergeht.“ Vor allem Partner, die sich auf Online-Plattformen kennenlernen, trennen sich offenbar schnell. Vor allem dann, wenn eine Beziehung zu eng wird, zu viel Dichte entfaltet oder in geschützte Persönlichkeitsbereiche eindringt. Man will souverän, autonom und kontrolliert sein, gleichzeitig ist die Sehnsucht nach romantischer Liebe immer noch weit verbreitet. Mehrfach spricht Eva Illouz von einem Mangel an Vertrauen, der vor allem mit der kaum noch vorhandenen zeitlichen Tiefe moderner Liebesbeziehungen einhergeht. Martin Hartmann ist Professor für Praktische Philosophie an der Universität Luzern.
Liebe kann in Hass umschlagen
Der Hass ist ein nicht sehr weit erkundetes Gebiet. Prinzipiell steht er laut Peter Trawny auf der Seite des Bösen. Er scheint das reine Gegenteil der Liebe zu sein. Wenn man einem geliebten Menschen nur Gutes wünscht und tut, wünscht und tut man einem gehassten Menschen nur Schlechtes. Doch die Psychologie der Liebesbeziehungen weiß, dass es so einfach nicht ist. Zunächst wendet Peter Trawny gegen alle philosophischen und sonstigen Idealisierungen der Leibe folgendes ein: „In ihrer Praxis gibt es sehr häufig die Gelegenheit zu erleben, wie sich der Hass durchsetzt und Aggressionen gegen den Anderen auslöst.“ Das sind nicht nur Streitsituationen, in denen es um für die Liebenden Wesentliches geht. Peter Trawny gründete 2012 das Martin-Heidegger-Institut an der Bergischen Universität in Wuppertal, das er seitdem leitet.
Liebesentzug führt zu Kränkungen
Blickt man auf den psychologischen Hintergrund des destruktiven Charakters von Kränkungen, handelt es sich immer um Liebesentzug oder Liebeszurückweisung. Leidet ein Kind unter Liebesmangel, unter fehlender Zuwendung, Zärtlichkeit und Zeit seiner Bezugspersonen, reagiert es irritiert und letztlich gekränkt. Reinhard Haller fügt hinzu: „Die menschliche Urangst, zu wenig geliebt zu sein, führt zu erhöhtem Verlangen nach positiver Reaktion und zu anhaltender Verunsicherung in diesem Bereich. Auch nach der Kindheit, während des ganzen Lebens.“ Umgekehrt können sich Kränkungen auch aus zurückgewiesener Liebe entwickeln. Findet das Bedürfnis nach positiver Zuwendung keinen Abnehmer, ist dies genauso kränkend. Davon ist das Leben voll, so bei nicht erwiderter Liebe, bei abschlägiger Beantwortung einer Stellenbewerbung, bei ausbleibendem Verkaufserfolg oder negativer Kritik. Reinhard Haller ist Chefarzt einer psychiatrisch-psychotherapeutischen Klinik mit dem Schwerpunkt Abhängigkeitserkrankungen.
Philipp Hübl stellt Metaphern der Liebe vor
Liebe ist als Gefühl mysteriös, unsichtbar und daher schwer zu fassen. Neben der Metapher „Liebe ist Krieg“ gibt es auch die andere „Liebe ist Kraft“. Verliebte spüren ein Knistern in der Luft, eine Elektrizität der Anziehung, vielleicht sogar eine Magie. Dann gibt es noch eine dritte Metapher: „Liebe ist eine Reise“: man kommt zusammen und geht dann miteinander. Philipp Hübl ergänzt: „Manche Paare bestreiten schwere Strecken gemeinsam, bis sich die Wege trennen.“ Besonders Hochzeitssprüche sprudeln aus diesem nie versiegenden Quell der Bildhaftigkeit: erste Schritte Seite an Seite, dann lange gemeinsame Reise, natürlich am besten ohne Abstecher. Bei der Kriegs-Metapher der Liebe geht es um das merkwürdige Verhalten geschlechtsreifer Großstädter zur Paarungszeit, was Biologen Balz nennen. Philipp Hübl ist Juniorprofessor für Theoretische Philosophie an der Universität Stuttgart.
Liebesbindungen zählen zur menschlichen Natur
Der britische Psychiater und Psychologe John Bowlby (1907 – 1990) untersuchte in den 60er Jahren die fundamentale Art und Weise, wie Menschen ihre Liebesbindungen gestalten. „Die Attachment-Theorie“, schrieb John Bowlby 1988, „betrachtet die Neigung, intime emotionale Bindungen einzugehen, als eine Basiskomponente der menschlichen Natur, die bereits in Keimform im Neugeborenen vorhanden ist und über die Erwachsenenzeit bis ins hohe Alter reicht.“ Matthias Horx erläutert: „Bowlbys systemisches Modell beruht auf zwei Grundaspekten, die für Bindungsstile ausschlaggebend sind: Angst und Vermeidung.“ Frühkindlichen Erfahrungen steuern dieses Bindungssystem, vor allem Traumata, die durch unsichere oder gewalttätige Bindungen entstanden sind. Zwischen 20 und 40 Prozent aller Menschen in den westlichen Ländern haben in ihrer Kindheit irgendeine Art von emotionalen Desaster erlebt. Matthias Horx ist der profilierteste Zukunftsdenker im deutschsprachigen Raum.
Das größte Gefühl ist die Liebe
Dass Liebe etwas mit Gefühlen zu tun hat, wird so schnell niemand bestreiten. Vermutlich würden die allermeisten Menschen die Liebe schlechthin als Gefühl charakterisieren, als das Gefühl aller Gefühle. Peter Trawny fügt hinzu: „Daher ist Liebe nicht nur Gefühl, sondern das größte und schönste und intensivste aller Gefühle.“ Nun ist unbezweifelbar, dass schon die ersten kulturhistorischen Dokumente großer Liebesgeschichten vor allem das Unausweichliche dieses Gefühls beschreiben. Dabei wird vor allem seine zwingende Kraft und Gewalt hervorgehoben. Der Liebesgott Eros sei ein Tyrann. Das jedenfalls behauptet der Tragiker Euripides in einem seiner Stücke. Wer von Eros berührt wird, ist unrettbar verloren. Er muss seinem Gefühl folgen. Peter Trawny gründete 2012 das Martin-Heidegger-Institut an der Bergischen Universität in Wuppertal, das er seitdem leitet.
Matthias Horx stellt das Love Lab vor
Das produktivste Liebeslabor ist nur ein karger Raum in einem Büroblock in Seattle, Nordamerika. Es handelt sich dabei um das „Love Lab“ des Relationship Research Institute, in dem John Gottman und seine Frau Julie Schwartz-Gottman, die berühmtesten Paartherapeuten Amerikas, viele Jahre die psychologischen Gesetze von Liebe und Ehe studiert haben. Was wäre, wenn man eine verlässliche Voraussage über die Zukunft seiner Beziehung oder Ehe bekommen könnte? Alles, was dazu nötig ist, ist ein 15-münigiges Gespräch zwischen Mann und Frau im Love Lab. Die Themenauswahl soll sich entlang von Problem- oder Wunschbereichen des Paares bewegen. Matthias Horx erläutert: „Danach sich das Gottman-Team die Video- und Tonaufzeichnungen des Gesprächs auf einer Monitorwand an. Und analysiert Sekunde für Sekunde die emotionalen Übertragungsmuster.“ Matthias Horx ist der profilierteste Zukunftsdenker im deutschsprachigen Raum.
Der Mensch ist ein Beziehungswesen
Wer verliebt ist, der spürt und sieht etwas im anderen. Da ist etwas, was ihn permanent anzieht und die Nähe des anderen suchen lässt. Werner Bartens erklärt: „Es muss nicht unbedingt die komplette Ähnlichkeit der Charaktere sein, man muss sich vom anderen auch nicht in allen Lebenslagen verstanden fühlen und die gleichen Interessen haben. Und trotzdem ist da dieser Wunsch, sich permanent zu sehen, sich zu berühren und dem anderen nahe zu sein.“ Die Bindung ist da, sie ist innig – und sie funktioniert oftmals auch ohne Worte. Immer wieder entstehen Liebesverhältnisse zwischen Menschen, die kaum die Sprache des anderen sprechen. Das funktioniert auch deshalb, weil sich Verliebte in kurzer Zeit körperlich stark angleichen. Werner Bartens ist Autor von Bestsellern wie „Das Ärztehasser-Buch“, „Körperglück“ und „Was Paare zusammenhält“.