Liebesbindungen zählen zur menschlichen Natur

Der britische Psychiater und Psychologe John Bowlby (1907 – 1990) untersuchte in den 60er Jahren die fundamentale Art und Weise, wie Menschen ihre Liebesbindungen gestalten. „Die Attachment-Theorie“, schrieb John Bowlby 1988, „betrachtet die Neigung, intime emotionale Bindungen einzugehen, als eine Basiskomponente der menschlichen Natur, die bereits in Keimform im Neugeborenen vorhanden ist und über die Erwachsenenzeit bis ins hohe Alter reicht.“ Matthias Horx erläutert: „Bowlbys systemisches Modell beruht auf zwei Grundaspekten, die für Bindungsstile ausschlaggebend sind: Angst und Vermeidung.“ Frühkindlichen Erfahrungen steuern dieses Bindungssystem, vor allem Traumata, die durch unsichere oder gewalttätige Bindungen entstanden sind. Zwischen 20 und 40 Prozent aller Menschen in den westlichen Ländern haben in ihrer Kindheit irgendeine Art von emotionalen Desaster erlebt. Matthias Horx ist der profilierteste Zukunftsdenker im deutschsprachigen Raum.

Missbrauch kennt viele Varianten

Dabei handelt es sich um vernachlässigte, abgelehnte oder mit erstickender, egoistischer Scheinzuwendung überhäufte Kinder. Es sind missbrauchte Kinder – in den vielen Varianten, die dieses Wort zulässt, vom sexuellen Missbrauch bis zu psychologischen Missbrauch. Etwa wenn ein Elternteil ein Kind für sein inneres Elend schuldhaft verantwortlich macht oder es allzu sehr umklammert. Menschen, die eine resonante, sichere und reichhaltige Beziehung zu ihren Eltern oder Bezugspersonen erleben konnte, entwickeln dagegen ein stabiles Selbstbewusstsein, das auch Krisen absorbieren kann.

Diese Menschen sind im Erwachsenenalter bindungsfähig und gleichzeitig autonomiefähig. Menschen dagegen, die im Leben immer wieder abgewiesen oder auf Distanz gehalten wurden, leiden unter ständigen Trennungsängsten. In der Jugend neigen sie oft – kompensatorisch – zu Polygamie, im Erwachsenenalter droht ihnen die Beziehungseinsamkeit. Personen, die emotionale Übergriffe erleben mussten, leiden dagegen unter Angst vor Nähe. Sie fürchten in der Bindung die Verletzung.

Bindungsstile entwickeln sich lebenslang

Mit Vermeidungsstrategien versuchen sie, sich den anderen vom Hals zu halten. Sie sind oft schwer in der Lage, sich dauerhaft empathisch zu verhalten, und neigen zu Kälte und Distanzierung vom Partner. Menschen, die einen ängstlichen und vermeidenden Liebesstil haben, neigen im Liebesleben zum Rückzug – das Syndrom des Schneckenhauses. Wer Angst hat, aber wenig vermeidet, wird in seinen Gefühlen und Verhaltensmuster dem Partner gegenüber hin- und herschwanken zwischen symbiotisch enger Bindung und Abstand.

Dabei handelt es sich um eine Art bipolarer Beziehungsstörung mit gelegentlicher Tendenz zur Hysterie. Menschen mit wenig Angst und zugleich hoher Vermeidung tendieren dazu, ihren Partner zu kontrollieren – und ihn gleichzeitig aggressiv abzuwerten. Hier finden sich die narzisstischen Charaktere. Diese lassen ihre Partner „am ausgestreckten Arm“ zappeln und emotional und erotisch verhungern. Wenig Angst und geringe Vermeidung dagegen versprechen eine ausgeglichene und empathische Beziehung. Nach John Bowlby entwickeln sich Bindungsstile lebenslang im Sinne einer „kybernetischen Akkumulation“. Sie sind ein „internes Arbeitsmodell“, das nicht so leicht zu überwinden ist. Quelle: „Future Love“ von Matthias Horx

Von Hans Klumbies

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