Eine eindeutige Definition für eine Emotion oder ein Gefühl gibt es laut Ina Schmidt nicht. Einigen können sich Denker und Forscher aus unterschiedlichen Disziplinen auf eine begriffliche Abgrenzung zwischen Emotionen und Gefühlen. Ina Schmidt erläutert: „Emotionen werden in diesem Sinn verstanden als die unmittelbaren und körperlich spürbaren Reaktionen auf eine bestimmte Situation – Trauer, Angst, Freude –, während Gefühle eher eine grundsätzliche Form des Empfindens bezeichnen, eine Art Hintergrundgefühl.“ Gefühle beschreiben in dieser Unterscheidung eher lang anhaltende sinnlich erlebbare Zustände, wie Liebe, Vertrauen oder Heimweh, die nicht direkt als Reaktion mit einem körperlichen Signal verbunden sein müssen, sondern sich als Grundgefühl äußern, wenn man zum Beispiel von Zufriedenheit, Wohlbefinden, Traurigkeit oder Sehnsucht spricht. Ina Schmidt ist Philosophin und Publizistin. Sie promovierte 2004 und gründete 2005 die „denkraeume“. Seitdem bietet sie Seminare, Vorträge und Gespräche zur Philosophie als eine Form der Lebenspraxis an.
Emotionen
Worte können sämtliche Emotionen auslösen
Worte unterscheiden den Menschen von allen anderen Lebewesen, mit denen sie die Erde teilen. Thorsten Havener stellt fest: „Worte können uns zum Weinen bringen oder zum Lachen. Sie können uns wütend machen oder glücklich. Allein durch Worte können sämtliche Emotionen in uns ausgelöst werden.“ Jeder gute Drehbuchautor weiß, wie er durch Worte die Gefühlswelt der Zuschauer anspricht. Große Führungspersönlichkeiten und Denker haben durch ihre Worte dafür gesorgt, dass Menschen in einer bestimmten Weise fühlen und dann folglich handeln – oder eine Handlung verweigern. Suggestionen haben – in den Händen und Mündern eines Meisters – eine unglaubliche Wirkung und sind eines der mächtigsten Mittel der Beeinflussung. Nach dem amerikanischen Hypnotiseur Ormond McGill ist eine Suggestion die unbewusste Ausführung einer Idee. Thorsten Havener ist Deutschlands bekanntester Mentalist.
Emotionen besitzen starke Kräfte
Vorbilder nutzen die Kraft der positiven Emotionen, um Einfluss geltend zu machen und zu bestärken. Demagogen und Diktatoren nutzen die Macht von negativen Emotionen, um Menschen zu unterjochen und einzusperren. Nach Aristoteles nutzen sie alle die Kraft des Pathos. Thorsten Havener weiß: „Wenn Sie positive Emotionen aussenden und säen, dann werden sie im Gegenzug positive Emotionen empfangen und ernten. Wenn Sie jedoch eine Stimmung der Angst und Unberechenbarkeit verbreiten, schaffen Sie eine Umgebung von Angst und Unberechenbarkeit.“ Jeder Mensch entscheidet persönlich, welche Umgebung er kultiviert, indem er sie selbst schafft. Wie kann man die Kraft der Emotionen nutzen, um andere zu beeinflussen? Der erste Schritt besteht ganz einfach darin, die richtigen Emotionen zu zeigen. Thorsten Havener ist Deutschlands bekanntester Mentalist.
Pathos ist eine Stufe der Überzeugung
„Bildung des Geistes ohne Bildung des Herzens ist keine Bildung“, sagte Aristoteles. Eine Stufe der Überzeugung ist die des Pathos. Hier überzeugt der Überzeugende mit der kompletten Klaviatur der Emotionen. Thorsten Havener erläutert: „Es werden die Gefühle des Gegenübers angesprochen und aktiviert. Es wird zum Beispiel an Leidenschaft und Empathie appelliert. Es wird eine emotionale Unzufriedenheit verursacht, um Menschen zu einer Veränderung zu bewegen.“ Man benutzt Pathos, um Aufmerksamkeit zu erregen, große Gruppen zum Handeln zu bewegen, Massenbewegungen zu starten, Produkte zu verkaufen, Revolutionen auszulösen und Wahlen zu gewinnen. Hierzu spricht man beide Seiten der emotionalen Palette an – die helle und die dunkle. Denn beide Seiten sind gleichermaßen verführerisch und überzeugend. Positiv besetzte Emotionen sind Stolz, Freude, Erfüllung, Leidenschaft, Glaube, Hoffnung und natürlich Liebe. Thorsten Havener ist Deutschlands bekanntester Mentalist.
Episoden strukturieren narratives Denken
Narrationen erlauben Menschen das Miterleben. In ihnen lassen sich Erfahrungen von einem Menschen zum anderen übertragen. Fritz Breithaupt fügt hinzu: „Ja, wir können in Fiktion, Fantasie und Planung auch mögliche und sogar unmögliche Erfahrungen machen und austauschen. Dank unseres narrativen Gehirns sind wir mit uns ähnlichen Wesen verbunden.“ Menschen sind in ihren wichtigsten Erlebnissen nicht allein und können sie später wiedererleben und teilen. Das narrative Miterleben erlaubt eine Gemeinsamkeit, die weit über das bloße räumliche Zusammensein hinausgeht. Dieser Ausbruch aus dem Gefängnis des eigenen Gehirns und im Hier und Jetzt ist ungeheuerlich. Diese Bewusstseinsmobilität ist die große evolutionäre Leistung der Spezies Homo sapiens. Eine zentrale Hypothese von Fritz Breithaupt lautet: „Episoden strukturieren das narrative Denken.“ Fritz Breithaupt ist Professor für Kognitionswissenschaften und Germanistik an der Indiana University in Bloomington.
Emotionen schwächen den Intellekt
Neben der Verweigerung der Anstrengung, welche die Urteilskraft unterminiert, können natürlich auch andere Ursachen für dumme Entscheidungen vorliegen. Der Psychoanalytiker Otto Fenichel verwies auf die „Pseudodebilität“, die durch innere, meist emotionale Denkhemmungen bedingt ist. Jeder Intellekt schwächle, wenn Emotionen ins Spiel kämen und gegen die Ratio arbeiteten. Heidi Kaster fügt hinzu: „Menschen könnten sozusagen unter der Hand, ad hoc, verblöden, weil sie etwas nicht verstehen wollen, weil das Verstehen Angst- oder Schuldgefühle auslösen könnte oder ein bestehendes prekäres neurotisches Gleichgewicht gefährden würde.“ Jede relevante neue Information, die man erfasst, hat prinzipiell die Macht, bisherige Gewissheiten zu zerstören und scheinbar solide Fundamente eines Weltbilds zu erschüttern. Heidi Kastner ist Fachärztin für Psychiatrie und Neurologie. Seit 2005 ist sie Chefärztin der forensischen Abteilung der Landesnervenklink Linz.
Hass ist die dunkelste Leidenschaft
Reinhard Haller weiß: „Nur wenn es gelingt, dem Hass in psychologischem Sinne eine fassbare Gestalt zu verleihen, frei von blickverfälschenden emotionalen Verzerrungen, wird es einigermaßen möglich sein, ihn zu durchschauen.“ Es gilt, dem Hass durch Transparenz seinen Schrecken, aber auch seine Faszination zu nehmen und ihn durch radikale Entblätterung angreifbar zu machen. Mit emotionalen Methoden wie Nachfühlen, Nachempfinden oder psychologischem Verstehen stößt man bei dieser dunklen Leidenschaft zunächst nämlich an Grenzen. Um den Hass allerdings zu überwinden, sind dann doch wieder positive emotionale Kräfte erforderlich, ja unverzichtbar. Denn nur wenn es gelingt, dieser durch und durch destruktiven Emotion möglichst viele positive Gefühle, deren stärkstes jenes der Liebe ist, entgegenzusetzen, gibt es gegen ihn eine Chance. Der Psychiater und Psychotherapeut Reinhard Haller arbeitet vornehmlich als Therapeut, Sachverständiger und Vortragender.
Emotionen legen die Moral fest
Verwandeln sich Menschen in bessere Wesen, wenn sie über Moral nachdenken? Das wollte der amerikanische Philosoph Eric Schwitzgebel überprüfen. Dazu verglich er das Verhalten von Moralphilosophen mit dem von Kollegen, die sich nicht professionell mit Ethik beschäftigen. Das Ergebnis ist auf den ersten Blick ernüchtern. Philipp Hübel stellt fest: „Ethiker spenden weder mehr Blut noch mehr Geld für gute Zwecke. Sie antworten nicht zügiger auf E-Mails und rufen auch ihre Mutter nicht häufiger an als andere Menschen.“ Mehr noch, in den Universitätsbibliotheken der Philosophischen Institute werden mehr als doppelt so oft Bücher zum Thema Ethik gestohlen als zu anderen philosophischen Disziplinen. Philipp Hübl ist Philosoph und Autor des Bestsellers „Folge dem weißen Kaninchen … in die Welt der Philosophie“ (2012).
Kooperation gehört zur menschlichen Natur
Ein Wesenszug, der den Menschen half, in seiner Evolutionsgeschichte zu überleben und körperlich gesund zu bleiben, ist seiner Natur nach sozial. Es sind die spontanen und unwillkürlichen Emotionen, die sie erleben und anderen gegenüber äußern. Sie standen im Zentrum von Charles Darwins drittem großem Werk über die Evolution, „Der Ausdruck der Gemütsbewegungen beim Menschen und bei den Tieren“. Es handelt sich dabei um den beeindruckenden Folgeband von „Über die Entstehung der Arten“ und „Die Abstammung des Menschen“. Dieses dritte Werk handelt im Wesentlichen vom menschlichen Sozialleben. Nach Charles Darwins Überzeugung haben sich die Emotionen herausgebildet, damit man sich Menschen gegenseitig wichtige Informationen mitteilen können. Sie betreffen vor allem die Sicherheit und Krankheiten. Kooperation und Teilen gehören zur menschlichen Natur. Prof. Dr. John Bargh ist Professor für Psychologie an der Yale University, wo er das Automaticity in Cognition, Motivation, and Evaluation (ACME) Laboratory leitet.
Unzählige Fragen bestimmen den Alltag
Sich selbst, den eigenen Tonus und das, womit man zu tun hat, zunächst einmal kennenzulernen, bevor man es zu verbessern sucht, ist der erste wesentliche Schritt in Richtung Gelassenheit. Es gibt unzählige Fragen, über die man jeden Tag stolpern kann. Und natürlich wird man nicht allen nachgehen können. Aber sich die eigenen Fragen permanent vom Leib halten zu wollen, ist ebenfalls ziemlich anstrengend. Ina Schmidt erläutert: „Denn eben darum geht es: mitten im Alltag, mitten in der Hektik der eigenen To-dos nach mehr Gelassenheit zu streben und nicht in der Abkehr von dem, was zu tun ist.“ Ina Schmidt gründete 2005 die „denkraeume“, eine Initiative. In dieser macht sie in Vorträgen, Workshops und Seminaren philosophische Themen und Begriffe für die heutige Lebenswelt verständlich.