Die Einflussnahme auf die Überzeugungen, die Menschen zur Frage des freien Willens haben, hat reale Auswirkungen auf das Verhalten der Betroffenen. Joachim Bauer erläutert: „Diese Auswirkungen zeigen sich vor allem dort, wo der freie Wille gefragt wäre. Personen, denen man erfolgreich suggeriert, dass es so etwas wie einen freien Willen gar nicht gebe, lassen nachfolgend eine deutlich reduzierte Selbstkontrolle erkennen. Sie verhalten sich, falls sie die Möglichkeit dazu haben, deutlich unmoralischer.“ Nicht an die Existenz eines freien Willens zu glauben, macht offenbar locker. Es kann für das menschliche Zusammenleben aber unangenehme oder gar gefährliche Folgen haben. Jedenfalls neigten Personen, die man vor einem Experiment in ihren Überzeugungen dahingehend beeinflusste, es gebe keinen freien Willen, in anschließenden Tests um 50 Prozent häufiger zu betrügerischem Verhalten. Der Neurobiologe, Arzt und Psychotherapeut Joachim Bauer lehrt an der Universität Freiburg.
Hans Klumbies
Emotionen sind Weckrufe des Körpers
Menschen betrachten es oftmals als selbstverständlich, dass ein einzelner einen so ungeheuren Einfluss auf so viele andere nehmen kann. Tali Sharot schreibt: „Eine Idee kann, in Gestalt einer Rede, eines Songs oder einer Geschichte, Denken und Handeln von Millionen verändern.“ Aber wenn man innehält und darüber nachdenkt, ist es doch eine außerordentliche menschliche Fähigkeit, Ideen von einem Geist zum nächsten übermitteln zu können. Eine leidenschaftliche Rede zum Beispiel fesselt per definitionem die Aufmerksamkeit ihrer Zuhörer. Sie provoziert darüber hinaus bei allen Zuhörern ähnliche Reaktionen. Und das ungeachtet der Persönlichkeit und des Erfahrungsschatzes der Betreffenden. Dazu muss man wissen, dass eine emotionale Reaktion sich wie ein Weckruf des Körpers darstellt. Tali Sharot wurde an der New York University in Psychologie und Neurowissenschaften promoviert. Sie ist Professorin am Institut für experimentelle Psychologie der University of London.
Narzissten glauben an ihre eigene Grandiosität
Der griechische Jüngling Narziss sah sein Spiegelbild im Wasser und war so entzückt, dass er sich in sich selbst verliebte. Nach dieser Geschichte aus der griechischen Mythologie prägte Sigmund Freud den Begriff des Narzissmus. Dieser Persönlichkeitszug steht gleichzeitig in Verbindung mit einer hohen Aggressivität. Hans-Peter Nolting erklärt: „Ähnlich wie die Psychopathen glauben die Narzissten an die eigene Grandiosität: Ich bin ein ganz besonderer Mensch und anderen überlegen. Doch anders als bei Psychopathen hat ihre Aggressivität stärker einen ärgerlich-empfindlichen Charakter.“ Besonders aggressiv reagieren Narzissten nämlich auf Bedrohungen ihres Selbstbildes. Dies zeigt sich vor allem dann, wenn jemand ihre Großartigkeit in Frage stellt. Dr. Hans-Peter Nolting beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit dem Themenkreis Aggression und Gewalt. Viele Jahre lehrte er als Dozent für Psychologie an der Universität Göttingen.
Eltern können Weisheit bei ihren Kindern fördern
Ein ganz wichtiger Faktor für die Entwicklung von Weisheit ist laut Judith Glück der Einfluss durch andere Menschen. Sie meint hier in erster Linie Mentoren. Das sind weise Menschen, an denen man sich orientieren und von denen man lernen kann. Judith Glück ist davon überzeugt, dass man aus der Bekanntschaft mit solchen Menschen ungeheuer viel lernen kann. Aber auch die „ganz normalen“ Menschen im persönlichen Umfeld können Quellen von Weisheit sein. Wenn sie einem die Möglichkeit geben, sich mit ihrem Erleben zu beschäftigen und auseinanderzusetzen. Manchmal wird Judith Glück gefragt, ob man Weisheit schon bei Kindern fördern könne. Ihre Antwort lautet: „Ich bin davon überzeugt, dass das möglich ist.“ Judith Glück ist seit 2007 Professorin für Entwicklungspsychologie an der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt.
Gewalt gegen Kinder ist ganz normal
Weniger Gewalt, mehr Vielfalt, mehr Nähe und Vertrauen. So könnte man den Trend in der Kindererziehung in den letzten zwei bis drei Generationen zusammenfassen. Herbert Renz-Polster erläutert: „Er spiegelt sich regelmäßig in Befragungen und Erziehungszielen der Eltern wieder. Und doch gibt es noch eindeutig zu viel Erziehungsnot, um in Jubelarien auszubrechen.“ Ein Sechstel der deutschen Kinder wächst in Armut und Unsicherheit auf. Über ein Drittel erlebt schwere soziale Krisen, wie etwa die Scheidung der Eltern. Nicht einmal dreißig Prozent der deutschen Kinder wachsen ohne Gewaltanwendung im Elternhaus auf. Nach wie vor wird das Entwicklungskapital vieler Kinder in einem auf Auslese und Wettbewerb gerichteten Erziehungssystem geschälert. Der Kinderarzt Dr. Herbert Renz-Polster hat die deutsche Erziehungsdebatte in den letzten Jahren wie kaum ein anderer geprägt.
Niemand hält das eigene Gedächtnis für fehlerlos
Wenn ein Mensch die Erfahrung von etwas macht, hat er in der Regel, aber nicht zwangsläufig, ein Bewusstsein von diesem Etwas. Das phänomenale Bewusstsein ist reine, einfache Erfahrung. Aber das Bewusstsein kann auch lästig werden. Und das nicht nur dann, wenn man sich einer Operation unterziehen muss. Wie die meisten Menschen wissen, kann eine Tätigkeit, die fokussierte Konzentration zu erfordern scheint, völlig danebengehen, wenn man sich seiner selbst bewusst wird. David Gelernter erläutert: „Unter den Tätigkeiten, die wir beherrschen, beherrschen wir manche mit unserem bewussten, viele andere aber auch mit dem unbewussten Geist. Ein klassisches Beispiel ist das Gehen: Wir vollziehen es automatisch, die Steuerung übernimmt der unbewusste Geist.“ David Gelernter ist Professor für Computerwissenschaften an der Yale University.
Der Traum entstellt Gedanken durch Symbolik
Die eigentliche Leistung Sigmund Freuds bestand für Peter-André Alt darin, dass er den Traum vom Ruf des Unbegreiflichen und Irrationalen befreite. Indem er ihn auf ein geschlossenes Deutungssystem bezog, wertete er ihn zu einem der wissenschaftlichen Analyse zugänglichen Objekt mit eigenem theoriebildendem Charakter auf. Peter-André Alt erklärt: „Der Traum geht von einem Gedanken aus, den er mittels sekundärer Bearbeitung, Verschiebung, Verdichtung und Symbolik entstellt.“ Die Auslegung beginnt dann beim fertigen Produkt, indem sie es auf seine ursprünglichen Bauelemente zurückführt und das kunstvoll komponierte wieder zergliedert. Dieser Vorgang hat, wie Sigmund Freud später betonte, eine weitreichende Logik, die über die konkrete Interpretation hinausweist: „Die Psychoanalyse erhebt den Traum zu einem psychischen Akt, der Sinn, Absicht und eine Stelle im Seelenleben des Individuum hat, und setzt sich damit über die Fremdartigkeit, die Inkohärenz und die Absurdität des Traumes hinaus.“ Peter-André Alt ist Professor für Neuere Deutsche Literaturgeschichte an der Freien Universität Berlin.
Erinnerungen an die Babyzeit sind unmöglich
Viele Menschen haben ein immenses Interesse für Erinnerungen an ihre frühe Kindheit. Manche interessieren sich sogar für vorgeburtliche Erinnerungen. Julia Shaw erklärt: „Wir alle möchten unsere frühesten Erinnerungen zu fassen bekommen und die Wirkung verstehen, die die Dinge damals auf uns hatten.“ Manche möchten ihre Erinnerungen auch gerne anderen mitteilen. Es gibt unzählige Menschen, die behaupten, sie könnten sich an ihre Geburt erinnern. Oder sie hätten Erinnerungen an ihre Zeit als Baby. Sie wüssten sogar noch, wie ihr Kinderzimmer oder ihr Bettchen aussah. Wenn man einen Moment innehält und überlegt, ist das alles ziemlich unglaubhaft. Wie kann es sein, dass sich diese Menschen an irgendetwas davon erinnern konnten, wenn sie noch so klein waren? Kurz und knapp: Sie konnten es nicht. Die Rechtspsychologin Julia Shaw lehrt und forscht an der London South Bank University.
Die Gene bestimmen nicht das Wesen des Menschen
Was sich in der sozialen Umwelt ereignet, steuert die Aktivität der Gene eines Menschen, beeinflusst die Biologie seines Körpers und ist an der Konstruktion seines Gehirns beteiligt. Diese Erkenntnis dringt erst langsam durch. Die Vorstellung, das Wesen des Menschen sei durch seine genetische Ausstattung vorprogrammiert, ist laut Joachim Bauer überholt. Dennoch erfreut sie sich in einigen evolutions- und soziobiologischen Kreisen nach wie vor großer Beliebtheit. Die Vorstellung, Gene hätten bereits bei der Zeugung eines Kindes den Plan, was aus einem Menschen einmal wird, ist für Joachim Bauer abwegig. Sie widerspricht Erkenntnissen der modernen Genetik und neurowissenschaftlichen Forschungsergebnissen, die unter dem Begriff Neuroplastizität bekannt wurden. Wie sich Kinder und Jugendliche entwickeln, hängt nicht nur davon ab, welche Gene sie mitbringen und ob sie gut versorgt werden. Prof. Dr. Med. Joachim Bauer ist Neurowissenschaftler, Psychotherapeut und Arzt.
Selbstunsichere Persönlichkeiten sind leicht kränkbar
Besonders anfällig für Kränkungen sind Personen mit einer selbstunsicheren Persönlichkeit. Oder wie es in der psychiatrischen Terminologie heißt ängstlich-vermeidenden Persönlichkeit. Also Menschen, die in ihrem Sozialverhalten ständig irritiert sind und unter sozialen Ängsten leiden. Reinhard Haller erläutert: „Sie werden beherrscht von übergroßer Empfindsamkeit gegenüber der Ablehnung durch ihre Mitmenschen und stehen in einem dauerhaften Konflikt zwischen dem Wunsch nach Nähe und der Angst, von anderen zurückgewiesen zu werden.“ Sie trauen sich kaum, eigene Entscheidungen zu treffen, da sie fürchten, sich der Lächerlichkeit preiszugeben. Wenn sie zwischenmenschliche Nähe suchen, haben sie gleichzeitig extreme Angst vor allzu engem Kontakt. Daraus resultiert ein unlösbarer Konflikt zwischen „Bindungsangst“ und „Bindungssehnsucht“. Der Psychiater und Psychotherapeut Reinhard Haller arbeitet vornehmlich als Therapeut, Sachverständiger und Vortragender.