Intimität ist ist nichts anderes als Verletzlichkeit

Für Männer und Frauen ist es eine große Herausforderung, offen über ihre Beziehung zu Sexualität zu reden. Intimität ist eine Übersetzung des Begriffs Verletzlichkeit. Andreas Salcher weiß: „Traumatisierte Kinder haben damit riesige Probleme, weil sie schon so oft und so tief verletzt wurden, dass intime Beziehungen nur schwer möglich sind.“ Die Folge ist, niemanden an sich heranzulassen. Der Aufbau intimer Beziehungen kann allerdings wieder erlernt werden. Als Erwachsen neigen viele Menschen dazu, ihre Ängste und Kontrollversuche zu besänftigen. Sie fühlen sich sicherer, sobald es ihnen gelingt, die Distanz zum anderen zu halten. Umso mehr reizt sie das Verbotene. Das Verbotene ist das nicht Alltägliche, es lässt sich in der Fantasie aufladen. Dr. Andreas Salcher ist Unternehmensberater, Bestseller-Autor und kritischer Vordenker in Bildungsthemen.

Die „Traumnovelle“ verheißt sexuelle Ekstase

Der österreichische Schriftsteller Arthur Schnitzler hat diese verborgenen Sehnsüchte in seiner „Traumnovelle“ vortrefflich beschrieben. Darin geht es um das rasche Niederreißen von persönlichen Barrieren. Da wird ein Grundbedürfnis nach Intimität und Verschmelzung mit möglichst vielen anderen angesprochen. Der Reiz liegt zusätzlich im abrupten Wechsel von Fremdheit und intensiver Nähe. Den Fremden können wir leichter in unserer Fantasie ausformen als den gewohnten Partner.

Die Erlebnisse in der „Traumnovelle“ verheißen eine unglaubliche Intensität an Glücksgefühlen und sexueller Ekstase, die im Alltag wenn überhaupt nur mehr selten erlebt wird. Heute erwartet man von einer verbindlichen Beziehung, dass sie sowohl romantisch als auch emotional und sexuell erfüllend ist. Kann es da noch verwundern, dass so viele Beziehungen unter dieser übergroßen Last zerbrechen? Der amerikanische Regisseur Stanley Kubrick hat die Geschichte der „Traumnovelle“ in seinem letzten Film „Eyes Wide Shut“ in die Gegenwart geholt.

Für Erotik ist Distanz unabdingbar

Auch darin verschwimmen die Fantasie und die Wirklichkeit eines Ehepaars, gespielt von Nicole Kidman und Tom Cruise, die damals auch tatsächlich miteinander verheiratet waren. Die beiden verklagten übrigens das Magazin „The Star“, weil dieses behauptet hatte, ein Sexualtherapeut habe den beiden bei erotischen Szenen im Film Nachhilfe geben müssen. Interessant ist, was die belgische Sexualtherapeutin Esther Perel aus ihrer Praxis über das Thema Sexualität erzählt.

Viele Paare glauben, Intimität bedeute, alles über den anderen zu wissen. Sie wundern sich dann, dass die prickelnde Gefühle und das Begehren verschwinden, wenn jede Distanz verloren geht. Andreas Salcher erläutert: „Damit der sprichwörtliche Funke überspringen kann, muss ein gewisser Abstand gegeben sein. Für Erotik ist Distanz unabdingbar.“ Oder anders formuliert: Erotik entfaltet sich im Freiraum zwischen der eigenen Person und der des anderen. Um mit dem oder der Geliebten zu kommunizieren, muss man diese Leerstelle mitsamt ihren Unwägbarkeiten akzeptieren. Quelle: „Das ganze Leben in einem Tag“ von Andreas Salcher

Von Hans Klumbies

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