„Negative Bindungen“ sind negativ in den folgenden zwei Bedeutungen. Sie verweisen auf ein abwesendes Objekt, das man aufgrund der Unbestimmtheit der Situation nicht zu fassen bekommt. Oder sie bringen zum Vorschein, dass mit einer bestehenden Beziehung etwas nicht stimmt, dass sie nicht so funktioniert, wie sie funktionieren sollte. Eva Illouz erklärt: „Negative Beziehungen haben verschwommene, unklare, unbestimmte oder umstrittene Zwecke. Es gibt keine vorgeschriebenen Regeln für Verbindlichkeit und Unverbindlichkeit. Und sie können straflos oder fast straflos kaputtgemacht werden.“ Negative Bindungen der ersten Form lösen sich schnell auf, nicht weil sie vertraglich als vorübergehend definiert wären, sondern aufgrund ihrer relativen Normlosigkeit, ihres Mangels an vorgeschriebenen Regeln und an einem gemeinsamen Bedeutungsrahmen. Eva Illouz ist Professorin für Soziologie an der Hebräischen Universität von Jerusalem. Außerdem ist sie Studiendirektorin am Centre européen de sociologie et de science politique de la Sorbonne.
Sexualität
Sexualität ist die Quelle von Gewissheit
Paradoxerweise bedeutet die Autonomisierung des Körpers, dass körperliche Erlebnisse eine Quelle der Gewissheit sind. Man weiß, was ein sexueller Körper oder ein sexuelles Erlebnis ist. Eva Illouz ergänzt: „Hingegen sind mit solchen Erlebnissen verbundenen Gefühle entweder ungewiss, oder sie müssen sich an körperliche Signale halten.“ Die Sexualisierung des Körpers, der als biologische Größe und physiologische Quelle von Lust verstanden wird, macht ihn zum Mittelpunkt der menschlichen Personalität. Sie schwächt jedoch die Bedeutung von Gefühlen für die Begründung einer Beziehung. Der Körper avanciert fortan zur einzigen oder zumindest zuverlässigeren Quelle des Wissens. Eva Illouz sagt, dass die Sexualisierung von Beziehungen ein Paradox mit sich bringt: Der Körper und die Sexualität werden zu einem Quell der Gewissheit. Der allgemeine Rahmen einer Beziehung jedoch ist ungewiss. Eva Illouz ist Professorin für Soziologie an der Hebräischen Universität von Jerusalem.
Liebe ist manchmal eine Form der Fürsorge
Für einen Freund nimmt man Verluste in Kauf, stellt seine eigenen Interessen hinten an und bedauert diesen Schritt nicht. Der Philosoph Harry Frankfurt überträgt diesen Gedanken auf die Liebe, die in seinen Augen zu einer Form der Fürsorge wird. Martin Hartmann erläutert: „Der Liebende dient dem anderen und tut alles, um seinem Wohl förderlich zu sein.“ Das klingt nun doch nach einem Zweck der Liebe, aber Harry Frankfurt betont durchaus, dass dieser Zweck immer ein Selbstzweck ist. Dem anderen in liebevoller oder freundschaftlicher Weise zu dienen entfremdet einen Menschen nicht von dem eigenen Selbst, sondern erfüllt ihn vielmehr mit Zufriedenheit und Glück. Gleichzeitig spielt Harry Frankfurt die Rolle von Sexualität und Körperlichkeit herunter, was für Martin Hartmann ein Fehler zu sein scheint. Martin Hartmann ist Professor für Praktische Philosophie an der Universität Luzern.
Gefühlsbeziehungen sind kompliziert
Während die Regeln für ein sexuelles Verhältnis klar und einfach zu sein scheinen, wirken die Regeln für eine Gefühlsbeziehung schwer definierbar und kompliziert. Es ist für Eva Illouz interessant zu beobachten, dass manche ansonsten sehr wortgewandte und attraktive Frauen teilweise ihre Erwartungen an eine Beziehung bereitwillig einer rein sexuellen Verbindung unterordnen. Denn reine Sexualität bedroht den Anspruch auf Autonomie der Männer nicht. Sie sind bereit, sich mit einer in ihren Augen gefühllosen Beziehung zu begnügen, solange diese ihre sexuellen Bedürfnisse regelmäßig befriedigt. Dies legt für Eva Illouz nahe, dass die Sexualität ein Interaktionsbereich ist, der sich leichter bewältigen lässt und der über eine stärkere ontologische Realität verfügt als der emotionale. Eva Illouz ist Professorin für Soziologie an der Hebräischen Universität von Jerusalem. Außerdem ist sie Studiendirektorin am Centre européen de sociologie et de science politique de la Sorbonne.
Die Macht des Patriarchats ist groß
Eva Illouz stellt fest: „Die Existenz negativer Gefühle von Frauen beim Gelegenheitssex wurde oft zu einem Indiz für die immer noch mächtige Kultur der sexuellen Scham.“ Und sie erklären die Last der Doppelmoral, die insbesondere Frauen zu spüren bekommen, wohingegen Männer sich solchen sexuellen Abenteuern ohne symbolische Bestrafung hingeben können. Der Hauptverdienst dieser Interpretation besteht in der Erinnerung daran, dass die Macht des Patriarchats nach wie vor eine große Rolle spielt. Frauen und Männer unterliegen hier unterschiedlichen sexuellen Normen. Männer genießen dabei größere sexuelle Freiheiten, während die weibliche Sexualität von normativen und sexistischen Zwängen beengt ist. Eva Illouz ist Professorin für Soziologie an der Hebräischen Universität von Jerusalem. Außerdem ist sie Studiendirektorin am Centre européen de sociologie et de science politique de la Sorbonne.
In der Liebe herrscht wunderbare Intimität
Es gibt in jeder Liebe den Moment, in dem die Grenze zum Körper des Anderen überschritten wird. Dann beginnt eine einzigartige Intimität, eine Nähe, in der die Liebenden beinahe ganz angekommen sind. Peter Trawny erläutert: „Diese Nähe, ihre Erfahrung, ruft etwas hervor, das zuerst und zuletzt unsagbar bleibt. Wer darauf achtet, wird merken, dass es mehr ist als ein bloßes Gefühl.“ Zunächst wird die Berührung offenbar. Man wendet sich dem Körper der Geliebten zu und streichelt ihn. Nun verändert sich die gemeinsame Situation. Mit dem Streicheln ist der Geliebte nicht mehr der Körper, der er vorher war. Er wird Fleisch, ein Körper, der begehrt und dieses Begehren zeigt. Peter Trawny gründete 2012 das Martin-Heidegger-Institut an der Bergischen Universität in Wuppertal, das er seitdem leitet.
Gelegenheitssex ist ein Nullsummenspiel
Nach Auffassung vieler Frauen, mit denen Eva Illouz gesprochen hat, untergräbt die Sexualität die Möglichkeit, als Person anerkannt zu werden. Gelegenheitssex dagegen verwandelt die Begegnung mitunter in ein Nullsummenspiel: das Streben ihres Partners nach einem sexuellen Vergnügen versus ihr Selbstgefühl, das auf Gegenseitigkeit und Anerkennung beruht. Eva Illouz erläutert: „Während sich der Wert einer Frau in traditionellen patriarchalischen Gesellschaften über ihre Klassenzugehörigkeit und ihre sexuelle Tugend bestimmt, wird der Sitz ihres Werts in einem Regime der sexuellen Freiheit verschwommen und ungewiss.“ Die Autonomisierung der Sexualität führt zu einer eingebauten Ungewissheit über den Ort des Werts selbst und über die Möglichkeit einer emotionalen Interaktion. Eva Illouz ist Professorin für Soziologie an der Hebräischen Universität von Jerusalem. Außerdem ist sie Studiendirektorin am Centre européen de sociologie et de science politique de la Sorbonne.
Eva Illouz erforscht die männliche Sexualität
Gelegenheitssex bringt man immer wieder mit einer männlichen Form der Sexualität in Verbindung, und zwar aus mehreren Gründen. Erstens haben Männer schon immer mehr Freiheit genossen als Frauen. Daher können sie das sexuelle Feld mit nur wenigen normativen Beschränkungen durchstreifen. Eva Illouz erläutert: „Für Männer ist Promiskuität schon immer ein Zeichen sexueller Macht gewesen. Für Frauen hingegen ist sie entweder zwiespältig oder Anzeichen eines moralisch fragwürdigen Status.“ Zweitens waren die Männer nie gezwungen, Sexualität als Hebel zu gebrauchen, um gesellschaftliche und ökonomische Ressourcen zu erlangen. Sie haben also auch keinen Grund, ihr ganzes Selbst in den Geschlechtsverkehr einzubeziehen. Eva Illouz ist Professorin für Soziologie an der Hebräischen Universität von Jerusalem. Außerdem ist sie Studiendirektorin am Centre européen de sociologie et de science politique de la Sorbonne.
Das Sexuelle hat subversives Potential
In den Jahren 1950 und 1951 hielt Herbert Marcuse ans der Washington School of Psychiatry eine Reihe von Vorträgen. Damit kehrte er zur Philosophie und zum Schreiben zurück. Vorher hatte er über längere Zeit die amerikanische Regierung in ihrem Kampf gegen den Nationalsozialismus unterstützt. Stuart Jeffries weiß: „Die Vorträge markierten den Moment, da die Kritische Theorie sich aufspaltete. Nämlich in die pessimistische Frankfurter Version von Max Horkheimer und Theodor W. Adorno auf der einen Seite. Auf der anderen Seite in die hoffnungsfroheren amerikanischen Varianten von Herbert Marcuse und Erich Fromm, die beide auf der anderen Seite des Atlantiks blieben.“ Max Horkheimer und Theodor W. Adorno schätzen die Möglichkeiten düster ein, die Gesellschaft in Deutschland radial zu verändern. Stuart Jeffries arbeitete zwanzig Jahre für den „Guardian“, die „Financial Times“ und „Psychologies“.
Ein unverstellter Körper führt zur Lust
Wo sich der menschliche Körper unverstellt zeigen darf, ist Lust. Ob er es darf, entscheidet jedoch nicht er alleine. Maßgebliche Teile des Selbst können beispielsweise der Überzeugung sein, dieser Körper sei niemanden zuzumuten. Oder körperlicher Kontakt sei grundsätzlich abzulehnen oder das eigene Selbst sei schlecht. Manfred Bauer weiß: „Stellt sich das Selbst – auf die eine oder andere Weise – quer, dann mag der Körper einem Adonis gleichen oder der Allegorie des Frühlings entsprechen: Lust wird sich nicht einstellen.“ Auch ein Fitnessstudio gestählter Körper wird seinem Besitzer dann, wenn das Selbst nicht mitspielt, im Bett keine Freude bereiten. Denn Lust ist dort, wo sich nicht nur der Körper, sondern auch das Selbst unverstellt zeigen darf. Prof. Dr. Med. Joachim Bauer ist Neurowissenschaftler, Psychotherapeut und Arzt.