Sexualität ist die Quelle von Gewissheit

Paradoxerweise bedeutet die Autonomisierung des Körpers, dass körperliche Erlebnisse eine Quelle der Gewissheit sind. Man weiß, was ein sexueller Körper oder ein sexuelles Erlebnis ist. Eva Illouz ergänzt: „Hingegen sind mit solchen Erlebnissen verbundenen Gefühle entweder ungewiss, oder sie müssen sich an körperliche Signale halten.“ Die Sexualisierung des Körpers, der als biologische Größe und physiologische Quelle von Lust verstanden wird, macht ihn zum Mittelpunkt der menschlichen Personalität. Sie schwächt jedoch die Bedeutung von Gefühlen für die Begründung einer Beziehung. Der Körper avanciert fortan zur einzigen oder zumindest zuverlässigeren Quelle des Wissens. Eva Illouz sagt, dass die Sexualisierung von Beziehungen ein Paradox mit sich bringt: Der Körper und die Sexualität werden zu einem Quell der Gewissheit. Der allgemeine Rahmen einer Beziehung jedoch ist ungewiss. Eva Illouz ist Professorin für Soziologie an der Hebräischen Universität von Jerusalem.

Gefühle sind der sexuellen Interaktion fremd geworden

Die Ungewissheit bezieht sich aber nicht nur auf den Rahmen, das Ziel und die Grenzen der Interaktion. Sondern sie bezieht sich auch auf die Rolle, die sexuelle Attraktivität und Sexualität beim Zugehen auf eine Person spielen sollten. Körper und Sexualität fungieren als Wahrheit einer Beziehung. Sie sind aber unfähig, allein aus sich heraus emotionale Handlungsstrategien hervorzubringen. Das vormoderne Liebeswerben begann mit Gefühlen und endete mit Sex.

Zeitgenössische Beziehung mit lustvollem Sex müssen sich jedoch mit der angstbesetzten Herausforderung herumschlagen, Gefühle zu entwickeln. Der Körper ist zum Ort für den Ausdruck von Gefühlen geworden. Ein Klischee besagt, dass sich die Qualität einer Beziehung an der Qualität des Sexes zeigt. Gefühle aber sind sexuellen Interaktionen fremd geworden. Die Verwendungsweise des Terminus „negativ“, den Eva Illouz verwendet, unterscheidet sich von der, die in der philosophischen Tradition am gängigsten ist.

Das Selbst sehnt sich nach Fülle

Für Theodor W. Adorno war negatives Denken ein Merkmal des nichtidentischen Denkens. Das heißt jener Art zu denken, die einem Menschen dazu verhelfen konnte, das Besondere zu erfassen. Die Verwendung von „negativ“ von Eva Illouz hat auch wenig mit dem gemein, die Alexander Kojève mit seiner Interpretation von Hegels „Phänomenologie des Geistes“ populär machte: „Die Existenz von Selbstbewusstsein und somit Philosophie setzt also im Menschen nicht nur ein positives, passives, das Sein nur offenbar machendes Betrachten voraus, sondern auch noch eine das Daseiende negierende Begierde und somit eine dieses Daseiende verwandelnde Tat.“

Die Bedeutung der Negativität – das Selbst als eine Leere, die sich nach Fülle sehnt – wurde von Jacques Lacan für eine ganze Geistesrichtung zum Allgemeinplatz gemacht. Und definierte schließlich praktisch das Begehren selbst. Sie ist hier das Zeichen einer Subjektivität, die auf der Suche durch Anerkennung durch einen anderen ist. Sie ist auch eine Suche nach dem Begehren des anderen, und die sich doch nie mit der Aneignung der Anerkennung oder des Begehrens des anderen begnügen kann. Quelle: „Warum Liebe endet“ von Eva Illouz

Von Hans Klumbies

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