Narzissmus ist oftmals kaum erkennbar

Der Narzissmus zeichnet sich durch eine Zweigesichtigkeit aus: das schöne Bild nach außen und die schleichende toxische Wirkung auf alle, die zu nahe kommen. Turid Müller erklärt: „Diese Eigenschaft führt dazu, dass Narzissmus gerade für Außenstehende kaum erkennbar ist.“ Die nach der tragischen Sagengestalt benannte psychische Erkrankung gehört zu den Persönlichkeitsstörungen. Das ist der Fachbegriff für Charakterstrukturen, die derart unflexibel ausgeprägt sind, dass Leid und Konflikte die Folge sind. Das heißt: Sie betreffen den Kern einer Person und gehen somit deutlich tiefer als etwa die sogenannten neurotischen Störungen – wie zum Beispiel Essstörungen oder Depressionen. Daher sind sie auch schwerer zu heilen. In jüngster Zeit wird in der psychologischen Forschung und Praxis immer deutlicher, das es verschiedene Erscheinungsformen von Narzissmus geben muss. Turid Müller ist Diplom-Psychologin und ausgebildete Schauspielerin.

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Das Gefühl des Unbehagens greift um sich

Sigmund Freuds Schrift „Das Unbehagen in der Kultur“ wurde oft variiert. Armin Nassehi verdeutlicht dies an zwei Beispielen, die in ihren deutschen Übersetzungen bis in den Buchtitel hinein das Motiv des „Unbehagens“ zitieren. Der kanadische Philosoph Charles Taylor spricht von „The Malaise of Modernity“, in der deutschen Ausgabe: „Das Unbehagen an der Moderne“. Die Quelle des Unbehagens ist auch bei ihm der Verlust oder die Unmöglichkeit von sozialen Bindungen. Den Grund dafür macht er im Individualismus der modernen Kultur aus, die so etwas wie eine unbedingte Zugehörigkeit mit kollektiver Zwecksetzung erschwert. Die Folge ist eine Verflachung der kollektiven Anstrengungen zur Verbesserung der gemeinsamen Welt. Daraus entsteht ein narzisstischer Individualismus. Armin Nassehi ist Inhaber des Lehrstuhls für Allgemeine Soziologie und Gesellschaftstheorie an der Ludwig-Maximilians-Universität München.

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Narzissten sind sehr von sich überzeugt

Wenn man das Wort „Narzissmus“ hört, denkt man an eine schillernde Persönlichkeit – charismatisch, vielleicht ein bisschen zu sehr von sich überzeugt. Aber durchaus unterhaltsam. Nur: auf die Dauer durch den Mangel an Empathie und die starke Ich-Bezogenheit eben doch verletzend. Turid Müller fügt hinzu: „Wobei wir Eitelkeit und Arroganz vielleicht auch lange entschuldigen, zumal es sich doch um so außergewöhnliche Individuen handelt: witzig, clever, eloquent!“ Gerade auf den ersten Blick ist schwer zu merken, dass jenseits der schicken Oberfläche nicht viel Tiefgang zu erwarten ist. Und dass die ach so spannenden Geschichten gern mit „Ich …“ beginnen. Zuhören gehört übrigens nicht zu den Kernkompetenzen dieser Menschen – es sei denn, es dient der Selbstinszenierung. Turid Müller ist Diplom-Psychologin und ausgebildete Schauspielerin.

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Keine Kritik ist auch keine Lösung

Viele Kinder erfahren heutzutage selten oder kaum Kritik. Deshalb kann deutliche Kritik für sie später völlig unverständlich sein, weil sie sich an eigenes Fehlverhalten überhaupt nicht als solches erinnern. Rüdiger Maas fügt hinzu: „Es wurde gelöscht, was nicht positiv war. Schuld sind die anderen, ich selbst mache meistens alles richtig.“ Man nennt die Selbstbezüglichkeit in der Psychologie auch Ich-Syntonie. Sie bezeichnet den Zustand, wenn eine Person ihre Gedanken, Impulse oder Gemütserregungen zu ihrer Person erlebt. Würden diese als fremd oder störend wahrgenommen, spricht man von Ich-Dystonie. Bei einer Ich-Dystonie tritt das Gefühl auf, dass das, was man tut, nicht zum eigenen Verhalten passt. Rüdiger Maas studierte in Deutschland und Japan Psychologie. Er ist Gründer und Leiter eines Instituts für Generationenforschung.

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Verdeckten Narzissmus kann man verstehen

Mangelnde Information ist einer der wesentlichen Gründe dafür, warum so viele Menschen in krank machenden Bindungen ausharren. Turid Müller erklärt: „Das Erlebte verstehen und benennen zu können ist ein wesentlicher Schritt der Heilung. Er gibt uns die Klarheit und Entschlusskraft zurück, die wir durch den geistigen Nebel des toxischen Miteianders eingebüßt haben.“ Das Wort Narzissmus ist mit zahlreichen Missverständnissen verbunden. Ein Teil der Unklarheit beruht darauf, dass es nicht nur pathologischen Narzissmus gibt, sondern auch gesunden, den alle Menschen besitzen. Und das ist auch gut so: Wer sogar bei Rückschlägen um seinen Wert weiß, der kommt ohne Vergleich aus. Eigenliebe und ein stabiles Selbstwertgefühl machen es unnötig, sich anderen gegenüber aufzublasen. Zudem gibt es Lebensphasen, in denen Menschen besonders narzisstisch sind. Turid Müller ist Diplom-Psychologin und ausgebildete Schauspielerin.

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Narzissten werden von niemandem geliebt

Häufig anzutreffen ist der Narzissmus bei leicht reizbaren, aggressiven jungen Männern, die meistens aus patriarchalischen Milieus kommen. Dort werden sie einerseits idealisiert, weil sie nicht dem abgewerteten weiblichen Geschlecht angehören, andererseits von dominanten Vätern erniedrigt oder gar geschlagen werden. Joachim Bauer weiß: „Der Narzissmus findet sich bei beiden Geschlechtern. Die Sucht, sich permanent mit Smartphones aufnehmen und über die Medien anderen zeigen zu müssen, um dafür Anerkennung zu erhalten, zeigt dies überdeutlich.“ Narzissten fügen sich und anderen meistens sehr viel Schaden zu, bevor sie den Weg zu einem Psychotherapeuten finden. Auslöser dafür, sich therapeutische Hilfe zu holen, sind meistens sogenannte narzisstische Krisen, die sich einstellen, wenn der Narzisst erkennt, dass er zwar von allen gefürchtet, aber von niemandem geliebt wird. Prof. Dr. Med. Joachim Bauer ist Neurowissenschaftler, Psychotherapeut und Arzt.

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Der Narzissmus etabliert sich als Ideal

Die Zunahme des Narzissmus in jüngerer Zeit ist mitverantwortlich für die steigende Kränkbarkeit der modernen Gesellschaft. Denn die eigenen Bedürfnisse, das Durchsetzen der persönlichen Ansprüche und die Selbstdarstellung sind vor allem bei Jugendlichen extrem wichtig geworden. Reinhard Haller erläutert: „Epidemiologische Untersuchungen belegen ein starkes Ansteigen der sogenannten Narzissmusparameter. Globalisierung und Vernetzung fördern diese Entwicklung.“ Dabei hat sich der Raubtierkapitalismus etabliert und es kam zu Finanzcrashs infolge von Spekulationen mit Scheinwerten. Ebenso hat sich die Kluft zwischen Arm und Reich vergrößert und die Umwelt wurde auf Kosten zukünftiger Generationen zerstört. Selbst Papst Franziskus hat kurz vor seiner Wahl im Konklave den Narzissmus für die Krise der Kirchen und Religionsgemeinschaften verantwortlich gemacht. Der Psychiater und Psychotherapeut Reinhard Haller arbeitet vornehmlich als Therapeut, Sachverständiger und Vortragender.

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Ein Narzisst bewertet alles aus der Ich-Perspektive

Reinhard Haller nennt den Narzissmus den Vater der Kränkung. Die gängigste Definition des Narzissmus stammt von Alexander Lowen, dem Begründer der bioenergetischen Analyse. In seinem Werk „Narzissmus. Die Verleugnung des wahren Selbst“ schreibt er: „Als Narzissmus bezeichnen wir sowohl einen psychischen als auch einen kulturellen Zustand. Auf der individuellen Ebene ist er eine Persönlichkeitsstörung, die gekennzeichnet ist durch eine übertriebene Pflege des eigenen Image auf Kosten des Selbst. … Auf der kulturellen Ebene kann man den Narzissmus als einen Verlust menschlicher Werte erkennen. Dieser geht einher mit einem Fehlen des Interesses an der Umwelt, an der Lebensqualität, an den Mitmenschen.“ Die wichtigsten psychologischen Elemente, die das Wesen des krankhaften Narzissmus ausmachen, sind die fünf „E“: Egozentrik, Eigensucht, Empathiemangel, Empfindlichkeit und die Entwertung anderer. Der Psychiater und Psychotherapeut Reinhard Haller arbeitet vornehmlich als Therapeut, Sachverständiger und Vortragender.

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Selbstentfremdung prägt die moderne Welt

Die moderne, schnelllebige, technisierte und an den Erfordernissen des globalen Kapitalismus ausgerichtete Welt hat eine Selbstentfremdung möglich gemacht, die Georg Milzner erschreckt. Diese Selbstentfremdung ist nicht überall akut und sie betrifft nicht jeden. Aber das ist bei Epidemien auch so und macht diese nicht weniger gefährlich. Entscheidend ist nur, dass die Problematik ganz offenbar immer weitere Kreise zieht und dadurch den Status einer gesellschaftlichen relevanten Problematik bekommt. Georg Milzner erklärt: „Gesellschaftlich relevante Krankheitsbilder lassen erkennen, was im Unbewussten einer Lebensform gärt und arbeitet. Sie verweisen auf die Fehler dieser Lebensform, die von den Betroffenen nicht beachtet werden oder sie in ihrem Handlungsspektrum überfordern.“ Das bedeutet zwar, dass jede betroffene Person zunächst einmal individuell leidet. Es bedeutet aber auch, dass ihr Leiden nicht ihr Privatproblem ist. Georg Milzner ist Diplompsychologe und arbeitet in eigener Praxis als Psychotherapeut.

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Narzissten glauben an ihre eigene Grandiosität

Der griechische Jüngling Narziss sah sein Spiegelbild im Wasser und war so entzückt, dass er sich in sich selbst verliebte. Nach dieser Geschichte aus der griechischen Mythologie prägte Sigmund Freud den Begriff des Narzissmus. Dieser Persönlichkeitszug steht gleichzeitig in Verbindung mit einer hohen Aggressivität. Hans-Peter Nolting erklärt: „Ähnlich wie die Psychopathen glauben die Narzissten an die eigene Grandiosität: Ich bin ein ganz besonderer Mensch und anderen überlegen. Doch anders als bei Psychopathen hat ihre Aggressivität stärker einen ärgerlich-empfindlichen Charakter.“ Besonders aggressiv reagieren Narzissten nämlich auf Bedrohungen ihres Selbstbildes. Dies zeigt sich vor allem dann, wenn jemand ihre Großartigkeit in Frage stellt. Dr. Hans-Peter Nolting beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit dem Themenkreis Aggression und Gewalt. Viele Jahre lehrte er als Dozent für Psychologie an der Universität Göttingen.

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