Narzissten glauben an ihre eigene Grandiosität

Der griechische Jüngling Narziss sah sein Spiegelbild im Wasser und war so entzückt, dass er sich in sich selbst verliebte. Nach dieser Geschichte aus der griechischen Mythologie prägte Sigmund Freud den Begriff des Narzissmus. Dieser Persönlichkeitszug steht gleichzeitig in Verbindung mit einer hohen Aggressivität. Hans-Peter Nolting erklärt: „Ähnlich wie die Psychopathen glauben die Narzissten an die eigene Grandiosität: Ich bin ein ganz besonderer Mensch und anderen überlegen. Doch anders als bei Psychopathen hat ihre Aggressivität stärker einen ärgerlich-empfindlichen Charakter.“ Besonders aggressiv reagieren Narzissten nämlich auf Bedrohungen ihres Selbstbildes. Dies zeigt sich vor allem dann, wenn jemand ihre Großartigkeit in Frage stellt. Dr. Hans-Peter Nolting beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit dem Themenkreis Aggression und Gewalt. Viele Jahre lehrte er als Dozent für Psychologie an der Universität Göttingen.

Narzissten nutzen gerne andere Menschen aus

Manche Narzissten reagieren schon auf kleinste Anzeichen von Kritik oder Geringschätzung mit heftiger Wut oder gar Gewalt. Mit ihrer aggressiven Reaktion bestrafen sie die Kritiker. Sie bringen sie prompt zum Schweigen und schüchtern sie ein. Insofern handelt es sich um die Mischung einer Aggression aus Vergeltung und Abwehr. Zusätzlich stärken Narzissten ihr Ego, wenn sie wieder einmal über einen Widersacher dominieren. Aufgrund ihrer Großartigkeit fühlen sie sich zudem berechtigt, andere Menschen für sich auszunutzen, und hierin ähneln sie wieder den Psychopathen.

Um einem Missverständnis vorzubeugen, betont Hans-Peter Nolting: „Hohe Selbstwertschätzung – Zufriedenheit mit sich selbst – ist per se nicht problematisch. In der Regel ist sie ein Zeichen seelischer Gesundheit und nicht mit Feindseligkeit verbunden.“ Nicht wenige Menschen, die eine gute Meinung von sich haben, sind offen für Kritik und können mit ihr sachlich und gelassen umgehen. Bei Narzissten ist das anders. Denn ein grandioses Selbstbild, das sie von sich haben, ist etwas anderes als eine positive Selbstwertschätzung.

Das Selbstbild der Narzissten ist verletzlich

Ein Kernproblem der Narzissten, so vermuten die Sozialpsychologen Brad Bushman und Roy Baumeister, besteht darin, dass ihr Selbstbild unrealistisch ist, das es kein solides Fundament hat. Ihre Leistungen sind nicht so großartig, ihre Attraktivität ist nicht so unwiderstehlich, ihr Einfluss auf andere nicht so bedeutsam, wie sie von sich glauben. Das erzeugt zwangsläufig eine Angriffsfläche. So legen denn die Forschungen auch nahe, dass Narzissten zwar im Allgmeinen die allerbeste Meinung von sich haben, ihr Selbstbild aber nicht stabil ist, sondern von Tag zu Tag schwanken kann.

Das Selbstbild der Narzissten ist also nicht gefestigt, sondern verletzlich. Und das liegt offenbar daran, dass die Selbsteinschätzung auf tönernen Füßen steht. So sind Narzissten wohl in erster Linie Beschützer ihres Egos, die danach streben, immer überlegen zu sein, die aber ab und zu spüren, dass sie es nicht sind. Bei manchen Menschen wiederum hat die Aggressivität mit ausgeprägten Machtstreben zu tun. Es ist denkbar, dass ihre aggressiven Neigungen im Wesentlichen nur in den Positionen zu Geltung kommen, in denen sie Macht ausüben, und sie sich in anderen Kontexten kollegialer und kooperativer verhalten. Quelle: „Psychologie der Aggression“ von Hans-Peter Nolting

Von Hans Klumbies

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