Narzissten sind zerbrechlich

Eine Frau ist verärgert über ihren Ehemann. Dennoch hält sie sich an ein bestimmtes Ritual: Sie sagt jeden Abend, bevor sie sich schlafen legt: „Ich liebe dich“. Matthew B. Crawford erläutert: „Damit äußert sie nicht ihre Gefühle. Sie ist nicht aufrichtig. Aber sie lügt auch nicht. Vielmehr handelt es sich um eine Art von Gebet.“ Sie beschwört etwas, was Wert für sie hat – die eheliche Verbindung. Auf diese Weise wendet sie sich von ihrer gegenwärtigen Unzufriedenheit ab, um sich der Beziehung zuzuwenden. So schwer greifbar diese auch als tatsächliche Erfahrung sein mag. Es heißt, das Ritual – im Gegensatz zur Aufrichtigkeit – sei „konjunktivistisch“: Man handelt so, als seien die Umstände wahr oder könnten es sein. Matthew B. Crawford ist promovierter Philosoph und gelernter Motorradmechaniker.

Narzissten können Forderungen anderer nicht tolerieren

Das wirkt wie eine spezifisch jüdische Art von Weisheit: Anders als im Protestantismus, der den inneren Zustand in den Mittelpunkt rückt, hat die Befolgung der religiösen Regeln Vorrang. Ein solches Verhalten enthebt den Gläubigen der Last der „Authentizität“. Äußere Objekte stellen einen Anknüpfungspunkt für den Verstand dar: Sie können eine Menschen aus sich selbst herausziehen. Aber das ist nur möglich, wenn man sie auch als äußere Objekte erkennt, die ihre eigene Wirklichkeit besitzen.

Wenn es einem Menschen schwerfällt, eine Beziehung zu Objekten – einschließlich anderer Menschen – als unabhängigen Dingen herzustellen, bezeichnet man diese Persönlichkeitsstörung als Narzissmus. Matthew B. Crawford erklärt: „Der Narzissmus ist weniger ein Problem von Größenwahn als von Zerbrechlichkeit: Die narzisstische Persönlichkeit braucht ständige Bestätigung durch die Welt und kann keine klare Grenze zwischen sich selbst und anderen ziehen.“ Wie die amerikanische Soziologin Sherry Turkle schreibt, kann eine solche Persönlichkeit „die komplexen Forderungen anderer nicht tolerieren. Sondern sie versucht mit ihnen Kontakt zu pflegen, indem sie verdreht, wer sie sind, und sich nimmt, was er von ihnen braucht.“

Der virtuelle Raum garantiert reibungsfreie Beziehungen

Sherry Turkle fährt fort: „Das narzisstische Ich gibt sich also nur mit eine auf seine Bedürfnisse zugeschnittenen Darstellung der anderen ab.“ Eine weitere Möglichkeit zur Auseinandersetzung mit anderen Menschen durch Repräsentation bietet das Kabuki-Theater des elektronischen Lebens. Sherry Turkle befragte Personen zu ihrer Nutzung verschiedener digitaler Technologien. In ihrer sehr interessanten Interpretation der Ergebnisse sieht sie den Narzissmus der elektronischen Persönlichkeit nicht in der Grandiosität der persönlichen Selbstpräsentation, sondern in der einfachen Tatsache, wie man sich im Umgang mit anderen Menschen zunehmend an die Repräsentationen hält, die man von ihnen hat.

Das Ergebnis sind Interaktionen. Sie sind in sich abgeschlossen und weniger offen als eine persönliche Begegnung oder ein Telefongespräch. Matthew B. Crawford stellt fest: „Im virtuellen Raum haben wir reibungsfreie, schwache Beziehungen zu anderen Menschen, die wir abhängig von unseren Bedürfnissen aufrufen können.“ Denn es gibt keinen Zweifel: Andere Menschen können einem selbst viel Ärger bereiten. Anders ausgedrückt: Sie schränken die persönliche Freiheit ein, was für die eigene Persönlichkeit Sinn hat und was nicht. Quelle: „Die Wiedergewinnung des Wirklichen“ von Matthew B. Crawford

Von Hans Klumbies

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