Sadomasochisten prägen totalitäre Gesellschaften

Erich Fromm, der führende psychoanalytische Denker der Frankfurter Schule, legte dar, das Aufkommen des Faschismus hänge mit Sadomasochismus zusammen. In seinem Aufsatz „Sozialpsychologische Aspekte“ stellt er eine Unterscheidung zwischen dem „revolutionären“ und „masochistischen“ Charakter her. Stuart Jeffries erläutert: „Ersterer verfügt über Ich-Stärke und nimmt sein Schicksal selbst in die Hand, während sich letzterer seinem Los unterwirft und sein Schicksal an eine höhere Macht abgibt.“ Erich Fromm folgte Sigmund Freud darin, Sadismus und Masochismus als zwei Seiten ein und derselben Medaille zu sehen. Der Sadist wendet sich gegen jene, die Zeichen von Schwäche erkennen ließen. Der sadomasochistische Charakter ist ein entscheidendes Element einer totalitären Gesellschaft. Denn er zeigt Fügsamkeit gegenüber den Oberen und Verachtung gegenüber den Niedrigergestellten. Stuart Jeffries arbeitete zwanzig Jahre für den „Guardian“, die „Financial Times“ und „Psychologies“.

Der Sadomasochist strebt nach Ordnung und Pünktlichkeit

Für Erich Fromm war der Sadomasochist durch anales Streben nach Ordnung, Pünktlichkeit und Anspruchslosigkeit charakterisiert. Diese Art von sozialen Charakterzügen war es, die ein Faschist in höchsten Maße erwartete, wenn es darum ging, dass die Züge pünktlich abfahren oder Juden in industriellem Ausmaß ermordet werden sollten. Allerdings sagt das nur wenig über den Grund, warum der Faschismus ausgerechnet in Deutschland so erfolgreich war. Während der 1930er Jahre entwickelte Erich Fromm eine Darstellung des Geschehenen, die sein 1941 erschienenes Buch „Die Furcht vor der Freiheit“ ergänzte.

Erich Fromm erklärte, als Deutschland sich vom frühen Monopolkapitalismus aus weiterentwickelte, sei der soziale Charakter der unteren Mittelschicht erhalten geblieben. Der Kleinbürger, Inbegriff des Frühkapitalismus, der sein eigenes Unternehmen besaß und organisierte, wurde unter den von großen Firmen geprägten Kapitalismusformen zu einer Anomalie. Aus der Klasse der Kleinbürger kamen die unwissenden Helden der Geschichte in Max Webers „Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus“.

Sadomasochisten verändern ihr Schicksal nicht selbst

Stuart Jeffries erklärt: „Es waren die sparsamen, lustfeindlichen, pflichtbewussten Charaktere, die in der Frühphase des Kapitalismus dominierten.“ Mittlerweile waren sie in der Weimarer Republik politisch machtlos geworden, wirtschaftlich vernichtet und geistig entfremdet. Als Sadomasochisten verlangten sie nun nicht danach, ihr Schicksal selbst zu verändern. Sondern sie übergaben es vielmehr einer Instanz, die diese Veränderung für sie übernehmen würde.

Erich Fromm schreibt im Jahr 1932: „Der Wunsch nach Autorität wird auf den starken Führer hin kanalisiert, während andere spezifische Vaterfiguren zu Objekten der Rebellion werden.“ Seiner Meinung nach kann die Abwesenheit von Autorität als vernichtend und erschreckend erfahren werden. Erich Fromm unterschied zwischen negativer und positiver Freiheit – der Freiheit von und der Freiheit zu etwas. Die Verantwortung, die dem Menschen in Verbindung mit der Freiheit von einer Autorität übertragen wird, kann unerträglich sein. Nämlich dann, wenn man nicht dazu in der Lage ist, von seiner positiven Freiheit kreativen Gebrauch zu machen. Quelle: „Grand Hotel Abgrund“ von Stuart Jeffries

Von Hans Klumbies

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