Narzissten sind zerbrechlich

Eine Frau ist verärgert über ihren Ehemann. Dennoch hält sie sich an ein bestimmtes Ritual: Sie sagt jeden Abend, bevor sie sich schlafen legt: „Ich liebe dich“. Matthew B. Crawford erläutert: „Damit äußert sie nicht ihre Gefühle. Sie ist nicht aufrichtig. Aber sie lügt auch nicht. Vielmehr handelt es sich um eine Art von Gebet.“ Sie beschwört etwas, was Wert für sie hat – die eheliche Verbindung. Auf diese Weise wendet sie sich von ihrer gegenwärtigen Unzufriedenheit ab, um sich der Beziehung zuzuwenden. So schwer greifbar diese auch als tatsächliche Erfahrung sein mag. Es heißt, das Ritual – im Gegensatz zur Aufrichtigkeit – sei „konjunktivistisch“: Man handelt so, als seien die Umstände wahr oder könnten es sein. Matthew B. Crawford ist promovierter Philosoph und gelernter Motorradmechaniker.

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Narzissten sind oft arrogant und streitsüchtig

Laut der amerikanischen Sozialpsychologen Sara Konrath und ihrer Kollegen halten sich einige Individuen für großartige, besondere Menschen, die von anderen bewundert und geachtet werden sollten. Solche Menschen werden oft als Narzissten bezeichnet. Die narzisstische Persönlichkeit wird charakterisiert durch ein überhöhtes Selbstbild, Grandiosität, Ichbezogenheit, Eitelkeit und Selbstgefälligkeit. Menschen, die Narzissten sind, betrachten Narzissmus nicht als negative Eigenschaft. Sie glauben, dass sie anderen Leuten überlegen sind, und haben kein Problem damit, dies öffentlich zu äußern. Julia Shaw fügt hinzu: „Die Narzissten selbst mögen zwar glauben, dass sie großartig sind, doch andere stimmen dem nicht immer zu. Menschen mit hohen Narzissmuswerten werden oft als arrogant, streitsüchtig und opportunistisch empfunden.“ Julia Shaw forscht am University College London im Bereich der Rechtspsychologie, Erinnerung und Künstlicher Intelligenz.

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Ein Fundamentalist leidet unter einem geringen Selbstbewusstsein

Fundamentalistische Entwicklungen sind letzten Endes traurige Entwicklungen. Georg Milzner erläutert: „Wie im Fall des Narzissmus, wo ein künstliches Selbst sich in tausend Spiegeln seiner Bedeutung versichert, so liegt auch beim Fundamentalismus eine Bedürfnislage vor, die bei einer gelungenen Selbst-Entwicklung in dieser Form nicht bestünde.“ Diese Bedürfnislage richtet sich auf Dinge, die selbstverständlich sein sollten, es aber in einer Epoche diffundierender Aufmerksamkeit längst nicht mehr sind: Ordnung und Halt. Für gewöhnlich wird der Fundamentalismus ähnlich wie der Narzissmus mit einem geringen Selbstbewusstsein sowie mit dem Wunsch nach persönlicher Aufwertung verknüpft. Diese beiden Elemente sind ohne Zweifel aus individuellen Biografien herauszufiltern. Doch sie genügen keinesfalls, um das Phänomen in seiner Breite zu erklären. Georg Milzner ist Diplompsychologe und arbeitet in eigener Praxis als Psychotherapeut.

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Der Narzissmus beginnt beim Spiegelphänomen

Respektiert und ernst genommen zu werden: Dies ist es, was in einer gelingenden Entwicklung an die Stelle des kindlichen Narzissmus tritt. Allerdings erzeugt der mediale Darwinismus, in dem es primär um Aufmerksamkeit geht, eine brutale Grundsituation. Die Mängel an Aufmerksamkeit, gegenüber von Kleinkindern, zum Beispiel auf Spielplätzen, legen nahe, dass seine Majestät, das Baby, in Gefahr steht, genau das immer weniger zu sein. Georg Milzner stellt folgende Frage: „Denn was hilft es einem Kind, wenn es ständig als toll und besonders gelobt wird, ihm andererseits aber mit der Aufmerksamkeit die Grundressource des seelischen Wachstums genommen wird?“ Jene Aufmerksamkeit, die man seinen wichtigsten Bezugspersonen gibt, lässt sich als „erweiterte Selbstaufmerksamkeit“ begreifen. Georg Milzner ist Diplompsychologe und arbeitet in eigener Praxis als Psychotherapeut.

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Der Narzissmus erzeugt ein künstliches Selbst

Der amerikanische Journalist David Brooks setzt den Narzissmus mit Egomanie gleich. Seine Abhandlung „Charakter“ stellt die Menschen und insbesondere die Jugend der Gegenwart als egoorientierte, sich selbst vermarktende, kaum mehr Werten verpflichtete Wesen dar. Georg Milzner ergänzt: „Von ihren Eltern dahingehend geprägt, sich selbst als besonders und wertvoll anzusehen, betrachten sie, so Brooks, das Leben als etwas, das ihnen Erfüllung bieten soll, anstatt sich zu fragen, was das Leben und die Erfordernisse von ihnen verlangen könnten.“ David Brooks stellt die Wertfrage auf eine Weise, die in der Betrachtung der jungen Generation vor allem zu Abwertungen führt. Indem er bedeutende amerikanische Beispiele für Mut, Opferbereitschaft und Solidarität bemüht, erscheinen die Menschen unserer Tage als gierige Selbstbefriediger, denen jegliches Gefühl für echte Werte fehlt. Georg Milzner ist Diplompsychologe und arbeitet in eigener Praxis als Psychotherapeut.

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Manche Menschen gieren förmlich nach Aufmerksamkeit

Das Bedürfnis wahrgenommen zu werden, kann einen Menschen weit bringen. Babys zum Beispiel schreien sich fast die Lunge aus dem Hals, nur damit Mutter oder Vater zu ihrem Bettchen treten. Georg Milzner nennt ein anderes Beispiel: „Wer in der Schulklasse übergangen wird und keine herausragende Begabung hat, mit der sich Eindruck schinden lässt, der wird vielleicht zum Klassenclown, weil Gelächter immer noch besser ist, als ignoriert zu werden.“ In der Pubertät dann stellen manche schon etwas an, nur um sicherzustellen, dass sie auch etwas abkriegen von jener Aufmerksamkeit, die viele Menschen scheinbar so dringend brauchen. Manche von ihnen gieren förmlich nach Aufmerksamkeit. Schon als Jugendliche stellen sie durch ironische Bemerkungen sicher, dass sie wahrgenommen werden. Georg Milzner ist Diplompsychologe und arbeitet in eigener Praxis als Psychotherapeut.

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Der Narzissmus zeichnet sich durch maßlose Ichbezogenheit aus

Eine ganze Reihe Studien belegt, dass narzisstische Persönlichkeitszüge in den letzten Jahrzehnten stark zugenommen haben. Manfred Spitzer kann sehr gut zur Klärung der Begriffe beitragen: „Unter Narzissmus versteht man die Charaktereigenschaft der maßlosen Ichbezogenheit, die sich in Selbstverliebtheit steigern kann. Die Bezeichnung geht auf den griechischen Mythos vom jungen Narziss zurück, der am eindringlichsten von dem römischen Dichter Ovid (43 v. Chr. – 17 n. Chr. in seinen „Metamorphosen“ überliefert wurde.“ Weil Narziss die Liebe einer Frau nicht erwiderte, wurde der Jüngling mit unstillbarer Selbstliebe bestraft; er starrte unentwegt auf sein Spiegelbild im Wasser und verwandelte sich schließlich in eine schöne Blume – daher der Name „Narzisse“. Prof. Dr. Dr. Manfred Spitzer leitet die Psychiatrische Universitätsklinik in Ulm und das Transferzentrum für Neurowissenschaften und Lernen.

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Der Narzissmus ist die Leitneurose der Gegenwart

Narzisst ist das Schimpfwort der Stunde. Narzissmus gilt als Leitneurose der emanzipierten Gesellschaft. Doch nicht jeder, der stört, ist auch gestört. Der Schweizer Moderator, Medienunternehmer und ehemalige Sat.1-Geschäftsführer Roger Schawinski schreibt in seinem neuen Buch „Ich bin der Allergrößte“, dass sich überall in den modernen Gesellschaften der Narzissmus ausbreitet. Vor allem geht es dabei um Männer, denen ihr Hochmut zum Verhängnis wurde. Wo man hinschaut, selbstverliebte Alphatiere, männliche und weibliche Egozentriker, Junge und Alte, die sich vor allem mit sich selbst beschäftigen. Im Fernsehen, im Internet, im Alltag. In den Reality- und Castingshows, in denen sich Möchtegernmodels und Traumtänzer in Szene setzen. In den sozialen Netzwerken, wo auf Instagram täglich 80 Millionen Bilder geteilt werden, unzählige davon mit dem wichtigsten Motiv eines digitalen Lebens: dem Selfie.

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Viele Eltern bieten ihren Kindern keine Orientierung

Martina Leibovici-Mühlberger konzentriert sich in ihrem Buch „Wenn die Tyrannenkinder erwachsen werden“ auf die Misere vieler Kinder, die von ihren Eltern verkauft, instrumentalisiert, betrogen und in der sensiblen Zeit des Aufwachens und der Orientierungssuche einfach im Stich gelassen wurden. Die meisten Menschen wollen heute frei leben, absolut frei, und ja keine Zwänge oder irgendetwas, das ihre Freiheit beschränken könnte, akzeptieren. Jeder will in sein Mickymaus-Leben hineinpacken, was ihm gerade gefällt, und es natürlich auch jederzeit wieder verändern, wenn eine Durststrecke droht und das Gewählte sich vielleicht als mühevoll herausstellt. Sonst wären sie ja blöderweise nicht mehr frei. Die Ärztin Martina Leibovici-Mühlberger leitet die ARGE Erziehungsberatung und Fortbildung GmbH, ein Ausbildungs-, Beratungs- und Forschungsinstitut mit sozialpsychologischem Fokus auf Jugend und Familie.

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Das exzentrische Selbst spiegelt sich in anderen Menschen

Der Psychologe Martin Altmeyer schreibt: „Identität ist das seelische Hauptproblem unserer Zeit. Das individualisierte Ich strebt nach Selbstvergewisserung.“ Was der Frankfurter Soziologe und Psychologe Martin Dornes als postheroische Persönlichkeit bezeichnet, nennt Martin Altmeyer das „exzentrische Selbst“, ein neuer Sozialcharakter, der stärker denn je dazu neigt, sich anderen Menschen zu zeigen. Dabei geht es um mehr als gewöhnliche Eitelkeit. Martin Altmeyer erklärt: „Wer in dieser Welt unterwegs ist, tut das nicht als Einzelgänger, sondern sehnt sich nach einem sozialen Echo, möchte sich gespiegelt sehen. Er zeigt sich letzten Endes, um zu erfahren, was er kann, wer er ist und welche Bedeutung er für andere hat.“ Die mediale Selbstdarstellung ist quasi zu einer Art Existenzbeweis geworden. Die Identitätsformel der digitalen Modere lautet: Ich werde gesehen, also bin ich.

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