Intelligenz findet im Gehirn statt

Zunächst hält Jakob Pietschnig fest, dass Intelligenz ein Prozess ist, der grundsätzlich im Gehirn stattfindet. Das erscheint heute als selbstverständlich, und keine seriöse wissenschaftliche Quelle würde diese Annahme in Abrede stellen. Historisch gesehen ist dieser Konsens allerdings nicht so alt, wie man das möglicherweise vermuten würde. Jakob Pietschnig blickt zurück: „Schon die alten Ägypter wussten um die 3.000 Jahre vor Christus, dass Kopfverletzungen mit Sprachverlust einhergehen können.“ Zu dieser Zeit herrschten zahlreiche bewaffnete Konflikte. Kriegsverletzungen wiesen darauf hin, dass Schädeltraumata der kognitiven Fähigkeiten von Menschen beeinflussen können. Trotzdem wurde in dieser Zeit das Gehirn als Sitz der geistigen Fähigkeiten nicht erkannt. Jakob Pietschnig lehrt Differenzielle Psychologie und psychologische Diagnostik am Institut für Psychologie der Entwicklung und Bildung in Wien.

Hippokrates war der Prototyp des modernen Mediziners

Die alten Ägypter sahen das Herz als den Sitz der Seele und damit auch als den Ort des Bewusstseins und Denkens an. Deswegen durfte bei der Mumifizierung im antiken Ägypten auch lediglich das Herz im Körper bleiben, während alle anderen Organe entfernt und getrennt beigesetzt wurden. Einerseits wurde das Gehirn von den Ägyptern als Füllmaterial für den Kopf, das möglicherweise dafür geeignet war, etwaige Schläge als Kissen abzufedern, gesehen.

Andererseits wurde vermutet, dass dort die Erzeugung von Nasenschleim stattfand. Jakob Pietschnig erklärt: „Wenn Sie sich die Konsistenz, Struktur und Farbe des menschlichen Gehirns sowie die räumliche Nähe zur Nase vor Augen halten, dann erscheint diese Vorstellung tatsächlich naheliegend.“ Im antiken Griechenland vermutete bereits 400 vor Christus Hippokrates von Kos (460 – 370 v. Chr.), dass das Gehirn der Sitz der Intelligenz und Empfindungen ist. Dieser Prototyp des modernen Mediziners erkannte auch, dass das Krankheitsbild Epilepsie auf Prozesse im Gehirn zurückzuführen ist.

Die Gehirnoberfläche ist schmerzunempfindlich

Das war eine bedeutende Erkenntnis, denn die Priester dieser – aber auch späterer – Zeit schrieben dieses Leiden übernatürlichen Ursachen zu. Während also Hippokrates bereits organische Ursachen annahm, wurde über weite Teile der folgenden zwei Jahrtausende die Ursache der Epilepsie in dämonischen Flüchen, Hexenzaubern oder göttlichen Prüfungen gesehen. Hippokrates sollte recht behalten, da, wie man heute weiß, epileptische Anfälle auf eine akute elektrische Entladung der Nervenzellen im menschlichen Gehirn zurückgehen.

Aristoteles (384 – 322 v. Chr.), dem als Nachgeborenen die Erkenntnisse von Hippokrates schon bekannt hätten sein können, hat immerhin gewusst, dass die Gehirnoberfläche schmerzunempfindlich ist. Jakob Pietschnig erläutert: „Daraus hat er abgeleitet, dass das Bewusstsein, Denken und die mentalen Fähigkeiten wohl kaum etwas mit dem Gehirn zu tun haben konnten.“ Er setzte wiederum auf das Herz als das Zentralorgan des psychisch-physischen Lebens und als Sitz der Empfindungen. Quelle: „Intelligenz“ von Jakob Pietschnig

Von Hans Klumbies

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