Bildung kann nur von unten entstehen

Das Problem Rechtspopulismus lässt sich weder politisch noch ökonomisch noch technisch „lösen“. Keine der Fähigkeiten und Ressourcen, die Herbert Renz-Polster als Schutzfaktoren gegen die Verlockungen des Autoritarismus identifiziert hat, lässt sich auf einem dieser Wege herausbilden. Nicht das Gefühl von Zugehörigkeit, nicht das Gefühl von Sicherheit, nicht das Gefühl von Anerkennung. Herbert Renz-Polster stellt fest: „Was jetzt zu tun ist, hat unmittelbar mit uns selbst zu tun. Wie wir leben. Wie wir Beziehungen gestalten. Vor allem aber: Wie wir diejenigen von klein auf behandeln, die von uns abhängig sind: unsere Kinder.“ Die Bildung, die wir in der heutigen Situation brauchen, kann nur von unten entstehen. Der Kinderarzt Dr. Herbert Renz-Polster hat die deutsche Erziehungsdebatte in den letzten Jahren wie kaum ein anderer geprägt.

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Scham ist ein überaus belastendes Gefühl

Wenn man eine zentrale, moralische Regel bricht, wird das ein ungutes Licht auf die eigene Person werfen. Helga Kernstock-Redl erklärt: „Es zeigt mehr als einen Regelbruch, sondern weist auf einen persönlichen Makel hin, stellt unsere Identität und unseren Wert als guten Menschen infrage.“ Daher keimt neben extrem intensiven Schuldgefühlen, Angst vor Strafe und sozialer Abwertung ein weiteres auf: ein Schamgefühl. „Was sollen die Leute von mir denken? Wie konnte ich das nur tun? So peinlich.“ Scham will unter den Teppich kriechen und nie wieder hervorkommen. Es ist ein wichtiges, doch ebenfalls überaus belastendes Gefühl. Aber auch daraus kann ein Ausstieg gelingen. Die Übertretung moralischer Gesetze lässt also vorrangig ebenfalls Schuldgefühle entstehen. Helga Kernstock-Redl ist Psychologin und Psychotherapeutin. Sie beschäftigt sich vor allem mit der Psychologie der Gefühlswelt.

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Schulen sollten Freude bereiten

Schulen brauchen kein Lob der Disziplin, denn Disziplin ist kein Selbstzweck, sie gehört gemäß der Definition des griechischen Philosophen Platon nicht zum kleinen Kreis der großen Tugenden. Joachim Bauer fordert: „Schulen sollen den Kindern und Jugendlichen durchaus möglichst viel Freude bereiten. Schulen sollen Lebensräume, junge Menschen motivierende Biotope sein.“ Zur Wahrheit gehört allerdings auch, dass nicht alles, was sich ein Kind oder Jugendlicher in der Schule aneignen sollte, nur Spaß machen kann. Kinder und Jugendliche, die einer Laissez-faire-Pädagogik ausgesetzt waren, sind im späteren Leben weniger selbstbewusst. Und zwar nicht, weil sie keine inspirierenden Selbst-Elemente in sich tragen, sondern auch deswegen, weil sie sich nicht an gesteckten Zielen bewähren konnten. Joachim Bauer ist Arzt, Neurowissenschaftler, Psychotherapeut und Bestsellerautor von Sachbüchern.

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Der Verstand löst Gefühle aus

Verstand und Gefühl sind keine Gegensätze. Ununterbrochen löst der Verstand mithilfe von Gedanken Gefühle in allen Menschen aus, ohne dass sie dies immer bewusst beobachten. Heinz-Peter Röhr erläutert: „Jeder spricht in Gedanken unablässig mit sich selbst, und so wie man mit sich selbst redet, gestalten sich Gefühle.“ Wer sich in einem depressiven Gedankenkarussell bewegt, hat unweigerlich Gefühle, die ihn herunterziehen. Seine Gefühle, seine Stimmung hellt sich allmählich auf, wenn er intensiv an ein freudiges Ereignis denkt. Im Vorfeld einer depressiven Erkrankung beschäftigen Betroffene extrem negative Gedanken. Das Gedankenkarussell lässt sich nicht mehr stoppen. Es ist auch hier wieder der Kontrollverlust, der darauf aufmerksam macht, dass etwas verkehrt läuft. Heinz-Peter Röhr ist Pädagoge und war über dreißig Jahre lang in der Fachklinik Fredeburg/Sauerland für Suchtmittelabhängige psychotherapeutisch tätig.

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Vertrauen kann man nicht kalkulieren

Es ist für einen Menschen sinnvoll, all das Vertrauen zu wollen, das man von ihm will. Es überfordert ihn nicht, so viel Vertrauen zu schenken. Aber sollte man den Vertrauensbegriff wirklich so breit verwenden? Die Philosophie macht die Dinge gerne kompliziert und antwortet: ja und nein. Martin Hartmann fängt mit dem Ja an: „Ja, weil wir das Gegenteil von Vertrauen selbst erlebt haben oder genug darüber wissen, um es ernst zu nehmen. Fehlendes Vertrauen verändert unser Leben in jeder Hinsicht.“ Irgendeine tiefere Bedeutung muss es doch haben, wenn viele Menschen ständig vom Vertrauen reden. Vielleicht hat sich etwas in unserem Leben verändert, vielleicht sind ganz viele Sicherheiten und Gewissheiten weggebrochen. Martin Hartmann ist Professor für Praktische Philosophie an der Universität Luzern.

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Sinnvolle Erziehung führt zur Selbstreflexion

Nach dem Zweiten Weltkrieg analysierte Theodor W. Adorno die möglichen Ursachen für die aktuelle Situation sowie für die Tragödie, die Europa erschüttert hatte. Dazu beschäftigte er sich mit dem wichtigsten Bereich des öffentlichen Lebens seiner Zeit: mit der Erziehung. Theodor W. Adorno hatte lange über die Widersprüche der modernen Gesellschaft und die Gefahren einer invasiven und zerstörerischen Massenkultur nachgedacht. Isabella Guanzini erläutert: „Die Erziehung – verstanden im weitesten Sinne von der Schule bis zu den Massenmedien – sah er als ein wichtiges Instrument für eine allmähliche und wirksame Veränderung der gesellschaftlichen Beziehungen.“ Denn nur durch Erziehung sei es seiner Meinung nach möglich, den wachsenden Konformismus und sektiererischen Identitätszwang entgegenzuwirken. Konkret braucht es ein neues Bewusstsein und eine neue Sensibilität für die Bedingungen des Fühlens. Isabella Guanzini ist Professorin für Fundamentaltheologie an der Universität Graz.

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Glück und Erfolg sind nicht gleichbedeutend

Natürlich kann man nichts dagegen haben, dass Menschen glücklich sind. Der Ansatz, es sei Erfolg genug, wenn man selbst nur glücklich und zufrieden ist, muss allerdings aus verschiedenen Gründen hinterfragt werden. Und einen Zusammenhang zwischen Glück und Erfolg kann Markus Hengstschläger ohnedies nur bedingt ausmachen. Denn er weiß, dass es in der Kunst, der Wissenschaft, der Wirtschaft und vielem mehr schon so oft und beeindruckende Lebenswerke von unglücklichen beziehungsweise unzufriedenen Menschen gegeben hat. Markus Hengstschläger fügt hinzu: „Das schließt umgekehrt aber natürlich wiederum nicht aus, dass ein erfolgreiches Lebenswerk auch glücklich machen kann und soll. Es sagt aber auch nicht, dass eine in Aussicht gestellte Erfolgsgarantie glücklicher macht. Professor Markus Hengstschläger ist Vorstand des Instituts für Medizinische Genetik an der MedUniWien.

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Säuglinge sind hungrig nach Empathie

Zwischenmenschliche Empathie ist keine angeborene Eigenschaft. Ihr Erwerb gehört jedoch zum Entwicklungsprogramm, das die Natur für den Menschen vorgesehen hat. Für diese Annahme sprechen Konstruktionsmerkmale des menschlichen Gehirns. Joachim Bauer erklärt: „Die Geschichte der Empathie innerhalb des Lebens eines Menschen nimmt ihren Anfang in den ersten Lebenstagen. Säuglinge brauchen die einfühlende Reaktion ihrer Bezugspersonen. Sie sind hungrig nach Empathie.“ Wenn sie diese nicht erhalten, können daraus später Entwicklungsstörungen und eine Unfähigkeit zur Empathie resultieren. Dass man sich in ihn einfühlt, erkennt der Säugling daran, dass Bezugspersonen seine körpersprachlichen Mitteilungen der Freude, der Wonne, des Missbehagens, der Angst und des Ärgers mit einer Spiegelungs- oder Resonanzreaktion beantworten. Diese Resonanzreaktionen lassen den Säugling spüren, dass er erkannt oder gesehen wurde. Joachim Bauer ist Arzt, Neurowissenschaftler, Psychotherapeut und Bestsellerautor von Sachbüchern.

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Normabweichung ist für viele ein Ärgernis

Offensichtlich hat die Menschheit ein ebenso natürliches wie unstillbares, tief liegendes Bedürfnis nach Inquisition. Und da die Kirche mit derlei Institutionen nicht mehr aufwarten kann, hat man die Inquisition demokratisiert. Manfred Lütz weiß: „All die wahnsinnig Normalen pochen unerbittlich darauf, dass alle, wirklich alle, das sagen, was alle sagen, dass sie also normal reden. Und was normal ist, das bestimmen sie selbst, die wahnsinnig Normalen.“ Kein Wunder also, dass alles Normabweichende ein einziges Ärgernis ist. Gewiss, gegen Normabweichung nach oben traut man sich als einzelnes graues Mäuschen nicht aufzubegehren. So kehrt sich aller unausgelebter Ärger gegen die da oben um in Aggression gegen die da unten. Nach oben ducken und nach unten treten, das können sie gut, die wahnsinnig Normalen. Dr. med. Dipl. theol. Manfred Lütz ist Psychiater, Psychotherapeut, Kabarettist und Theologe.

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Junge Erwachsene haben viel zu tun

Das frühe Erwachsenenalter erstreckt sich vom 19. bis zum 40. Lebensjahr. Andreas Salcher erklärt: „In dieser Phase versuchen die meisten von uns, den richtigen Liebespartner zu finden und zu beruflichem Erfolg zu gelangen.“ Irgendwann trifft man dann die Entscheidung sich fix zu binden, weil man davon überzeugt ist oder zumindest hofft, die Liebe seines Lebens gefunden zu haben. Es folgen das Zusammenziehen in eine gemeinsame Wohnung oder der Bau eines Hauses, oft die Hochzeit und die Geburt des ersten Kindes. Vielleicht gibt es kurz vor dem Traualtar noch eine Mentalreservation, ob man sich jetzt wirklich für diesen einen Menschen entscheiden soll. Die Bedenken werden aber meist weggedrückt. Von Frauen wird erwartet, dass es der schönste Tag ihres Lebens ist. Dr. Andreas Salcher ist Unternehmensberater, Bestseller-Autor und kritischer Vordenker in Bildungsthemen.

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