Gerechtigkeit wird sehr subjektiv empfunden

Wer sich besonders kämpferisch für die Idee der Gerechtigkeit einsetzt, bemerkt selten, dass er sich damit anmaßt, die „Gewaltentrennung“ aufheben zu dürfen, was übrigens in diktatorischen Staaten oft geschieht. Helga Kernstock-Redl fügt hinzu: „Es bedeutet zu glauben, dass die selbst aufgestellten, inneren Gesetze und Regeln unzweifelhaft richtig sind, dass es in Ordnung ist, selbst Beweise für Verfehlungen zu sammeln, darüber zu richten, das Strafmaß zu bestimmen und auch gleich Strafen, Kampf- oder Rettungsaktionen umzusetzen.“ All das kann innerhalb weniger Sekunden erledigt sein und gipfelt in der Verurteilung: „Du bist total ungerecht! Das ist unfair!“ Motiviert werden Kämpfende für die Gerechtigkeit von einem unerschütterlichen Gefühl samt der Gewissheit, auf dem rechten Weg zu sein, eine Art Superheldentum lebend. Helga Kernstock-Redl ist Psychologin und Psychotherapeutin. Sie beschäftigt sich vor allem mit der Psychologie der Gefühlswelt.

Weiterlesen …

Erich Fromm schreibt „Die Kunst des Liebens“

Albert Kitzler schreibt: „An erster Stelle sollen hier einige Gedanken des Psychoanalytikers, Philosophen und Sozialpsychologen Erich Fromm wiedergegeben werden, der in den 60er-Jahren des 20. Jahrhunderts in seinem Weltbestseller „Die Kunst des Liebens“, aber auch in anderen Büchern, das Wesen der Liebe beschrieben und den Zusammenhang von Liebe und Lebensglück herausgearbeitet hat.“ Erich Fromm stellt die fundamentale Bedeutung der Liebe für ein gelingendes Leben heraus und betont ihre Verwurzelung in dem Erlebnis der vorgeburtlichen Einheit mit der Mutter und der Natur. Auf der Grundlage eines umfangreichen psychologischen, philosophischen, soziologischen, anthropologischen und kulturhistorischen Wissens stellt er die verschiedenen Erscheinungsformen der Liebe im weitesten Sinne dar. Philosoph und Medienanwalt Dr. Albert Kitzler gründete 2010 „Maß und Mitte – Schule für antike Lebensweisheit und eröffnete ein Haus der Weisheit in Reit im Winkl.

Weiterlesen …

Generalisierungen haben auch gute Seiten

Verallgemeinerungen bezeichnet man auch als Generalisierungen. Menschen generalisieren, wenn sie aus einzelnen gemachten Erfahrungen auf einen ganzen Bereich von Erfahrungen schließen. Zudem können Menschen durch unachtsame Sprache ihr ganzes Leben beeinflusst werden. Thomas W. Albrecht weiß: „Generalisierungen haben aber auch gute Seiten. Sie helfen uns, mit dem Alltag zurechtzukommen. Stelle dir vor, du müsstest dir jeden Tag überlegen, wie Zähneputzen funktioniert. Dies würde die massiv überfordern.“ Gleichzeitig bringen Generalisierungen Menschen an ihre Grenzen. Nämlich dann, wenn eine Voraussetzung für die Gesetzmäßigkeit oder Regelmäßigkeit wegfällt. Wenn zum Beispiel das Verkehrsmittel für den Weg zur Arbeit ausfällt, wenn eine Straße gesperrt ist oder es eine andere Störung gibt. Diese Situationen erfordern Flexibilität, und sie erlauben den Betroffenen, Neues zu entdecken. Thomas W. Albrecht ist Experte für Kommunikation und Rhetorik.

Weiterlesen …

Passende Wörter können das Handeln steuern

Ein einzelnes unter Umständen getarntes Wort kann verborgene Erinnerungen und Gedanken in einem Menschen aktivieren, die im vorliegenden Text gar nicht angesprochen werden. Thorsten Havener weiß: „So kann über die passenden Worte unser Handeln unauffällig gesteuert werden, ohne dass wir es auch nur ahnen.“ Ein wenig Basiswissen dazu kann nicht schaden. Sobald man ein Wort hört oder liest, verbindet man mit diesem Wort ein Etikett. In der Sprachwissenschaft nennt man dieses Etikett auch „Konnotation“. Diese Konnotation bezeichnet das, was im Wort noch mitschwingt. Wie zum Beispiel Geschwindigkeit bei einem Geparden oder Langsamkeit bei einer Schildkröte. Was den meisten Menschen jedoch nicht klar ist: Diese Konnotationen haben eine nahezu magische Wirkung, denn sie sorgen dafür, dass man Wörter mit seinen Erinnerungen und in vielen Fällen auch mit seinen Gefühlen verbindet. Thorsten Havener ist Deutschlands bekanntester Mentalist.

Weiterlesen …

Irrationalität erfreut sich großer Beliebtheit

Es scheint, dass Menschen recht anfällig sind für irrationale Überzeugungen. Aber was heißt hier eigentlich anfällig? Philipp Sterzer antwortet: „Vielleicht sollten wir das gar nicht so werten, sondern lieber von einer Neigung sprechen. Rationales Denken mag ein Ideal aufgeklärter, wissenschaftsgeprägter westlicher Gesellschaften sein, aber es ist offenbar nicht der normale Standard.“ Irrationale Überzeugungen erfreuen sich großer Beliebtheit. Zum Teil ist das sicher ein bewusstes Bekenntnis zur Irrationalität, die für viele vielleicht ein attraktives Gegenmodell zur kühlen und trockenen Vernunft darstellt. Vor allem religiöser Glaube schöpft vermutlich sogar seine besondere Überzeugungskraft daraus, dass er nicht rational begründbar ist. Im Jahr 2011 berief man Philipp Sterzer zum Professor für Psychiatrie und computationale Neurowissenschaften an die Charité in Berlin. 2022 wechselte er an die Universität Basel.

Weiterlesen …

Entschuldigungen wirken echte Wunder

Armin Falk betont: „Entschuldigungen wirken echte Wunder. Sie heilen Beziehungen, die durch Fehlverhalten zerstört oder bedroht wurden. Sie lösen emotionale Spannungen und helfen dabei, Konflikte zu klären, sich von Fehlern der Vergangenheit zu befreien, Gefühle von Scham und Schuld zu überwinden.“ Und sie sind die Voraussetzung dafür, dass der Geschädigte verzeihen kann. Das wiederum hilft nicht nur dem Übeltäter, der dadurch eher seinen Frieden mit seinen Fehlern machen kann. Es hilft vor allem dem Geschädigten, der sich aus seiner Opferrolle befreien und die Aufmerksamkeit, die Fixierung auf das erlebte Unrecht leichter überwinden kann. Armin Falk leitet das Institut für Verhaltensökonomik und Ungleichheit (briq). Außerdem ist er Direktor des Labors für Experimentelle Wirtschaftsforschung sowie Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Bonn.

Weiterlesen …

Anfangs ist die Liebe bei Narzissten riesengroß

Narzisstische Menschen bombardieren ihren Auserwählten in der Anfangsphase ihrer Beziehung mit Liebe. Turid Müller erläutert: „Denn sie haben uns idealisiert. Uns nah zu sein wertet sie auf. Doch so, wie sie jetzt ihr übertriebenes positives Bild von sich auf uns projizieren, werden wir in den folgenden Phasen auch zur Leinwand, was sie an sich nicht sehen wollen. Und das ist dann weniger angenehm … aber davon ahnen wir zu diesem Zeitpunkt noch nichts.“ Der Mensch, in den wir uns verliebt haben, scheint hingebungsvoll zuzuhören und will alles über uns verfahren. Es fühlt sich gut an – kann aber auch etwas überfordernd und einen Tick darüber sein. Die Aufmerksamkeit, die uns geschenkt wird, ist enorm. Turid Müller ist Diplom-Psychologin und ausgebildete Schauspielerin.

Weiterlesen …

Selbstjustiz ist eine Form der Rache

Als Selbstjustiz bezeichnet man die gesetzlich nicht zulässige Vergeltung erlittenen Unrechts, welche Betroffene selbst ausüben. Reinhard Haller fügt hinzu: „Die Durchsetzung streitigen Rechts wird also nicht dem Staat oder anderen höheren Mächten überlassen, sondern selbst übernommen.“ Gründe für Selbstjustiz, die man nicht mit Selbsthilfe oder Notwehr verwechseln darf, sind mangelndes Vertrauen in die Justiz, Befürchtung zu milder Strafen und Unzufriedenheit mit dem Urteil. Erich Fromm liefert eine tiefenpsychologische Erklärung für die Anziehungskraft der Selbstjustiz. Bei dieser Form von Rache handle es sich um einen „magischen Akt“. Wenn man den Schädiger vernichtet, so werde seine Tat damit auf magische Weise gleichsam ungeschehen gemacht, er habe dann seine Schuld bezahlt. Prof. Dr. med. Reinhard Haller war als Psychiater, Psychotherapeut und Neurologe über viele Jahre Chefarzt einer psychiatrisch-psychotherapeutischen Klinik. Heute führt er eine fachärztliche Praxis in Feldkirch (Österreich).

Weiterlesen …

Tobias Haberl kennt die zeitgemäßen Männer

Tobias Haberl schreibt: „Als Udo Lindenberg fünfundsiebzig wurde, verriet er einem Journalisten, wie er sich seine Verrücktheit und Sehnsucht bewahrt habe: Er sei eben nicht zu dem geworden, was man sich in Deutschland als erwachsen vorstelle. Stattdessen habe er alle Normalitätsangebot abgelehnt.“ Udo Lindenberg sagt: „Ich habe mir meine Seele als eine Art Rutschbahn eingerichtet, auf der ich bis in meine Kindheit oder Jugend zurückrutschen kann.“ Die Männer von heute machen es umgekehrt: Ihre Jugend verbringen sie damit, ihr Erwachsenenleben zu planen, dann machen sie einen Bachelor in irgendwas und fangen zehn Jahre später an, sich wie Rentner zu benehmen, also ihre Wochenenden vor allem damit zu verbringen, Mürbeteig zu kneten oder Pfirsiche einzuwecken. Der Literaturwissenschaftler Tobias Haberl schreibt für das „Süddeutsche Zeitung Magazin“. Sein letztes Buch „Die große Entzauberung – Vom trügerischen Glück des heutigen Menschen“ wurde ein Bestseller.

Weiterlesen …

Es gibt verschiedene Formen der Einsamkeit

Lars Svendsen stellt fest: „Es kann zwischen chronischer, situationsbedingter und flüchtiger Einsamkeit unterschieden werden.“ Wie der Name besagt, ist chronische Einsamkeit ein Zustand, bei dem das Objekt aufgrund unzureichender Bindungen an andere einen anhaltenden Schmerz erlebt. Situationsbedingte Einsamkeit ist Veränderungen im Leben eines Menschen geschuldet, wenn zum Beispiel ein enger Freund oder ein Familienmitglied stirbt, ein Liebesverhältnis endet oder die Kinder von zu Hause ausziehen. Die flüchtige Einsamkeit kann Menschen jederzeit überkommen, ob sie auf einem Fest umgeben von vielen Menschen oder alleine zu Hause sind. Die situationsbedingte Einsamkeit kann durchaus intensiver sein als die chronische, weil sie einer Umwälzung im Leben geschuldet ist und eine Verlusterfahrung darstellt. Lars Frederik Händler Svendsen ist Philosoph und Professor für Philosophie an der Universität Bergen. Seine Werke wurden in mehr als 20 Sprachen übersetzt und mehrfach ausgezeichnet.

Weiterlesen …