Als neue Währung für Status gilt vor allem bei jungen Menschen zum Beispiel Aufmerksamkeit in den sozialen Netzwerken, gemessen an der Anzahl der Likes und Followers. Insbesondere hoch qualifizierte junge Menschen leiden eher unter zu vielen als zu wenigen Wahlmöglichkeiten bezüglich ihrer Lebenspläne. In einem sind sie sich allerdings sicher: So wie ihre Eltern wollen sie auf keinen Fall leben. Andreas Salcher fügt hinzu: „Demgegenüber stehen junge Menschen, die keine Perspektiven für sich sehen können. Spätestens seit der Coronapandemie plagt sie die Ahnung, dass es das Leben nicht gut mit ihnen meinen könnte.“ Dr. Andreas Salcher ist Mitgebegründer der „Sir Karl-Popper-Schule“ für besonders begabte Kinder. Mit mehr als 250.000 verkauften Büchern gilt er als einer der erfolgreichsten Sachbuchautoren Österreichs.
Hans Klumbies
Die Bewahrung des Lebens selbst ist ein Gut
Judith Butler schreibt: „Sigmund Freud wendet sich in seinen Überlegungen zur Kriegsverhütung schließlich Gedanken zu, die er in seinen Überlegungen zur Massenpsychologie noch nicht verfolgt hatte: dem Widerstand gegen nationalistische Euphorie und der „organischen“ Grundlage unserer menschlichen Natur.“ Und er kommt zum Schluss, dass die Kriegsneigung nur zweierlei entgegengesetzt werden kann: die Mobilisierung des „Eros als Gegenspieler“ und die Herstellung von Gefühlsbindungen durch Identifizierung. Eine Weiterentwicklung der Masse, so spekuliert Sigmund Freud zu diesem Zweck, ist vielleicht durch Erziehung und die Kultivierung von Gemeinschaftsgefühlen nicht-nationalistischer Art möglich. Ideal wäre, wenn jeder Angehörige einer Gemeinschaft Selbstbeherrschung übt, indem er einsieht, dass die Bewahrung des Lebens selbst ein Gut ist, das gemeinschaftlich gepflegt werden muss. Judith Butler ist Maxine Elliot Professor für Komparatistik und kritische Theorie an der University of California, Berkeley.
Jedes Leben hat seine Höhen und Tiefen
Es ist in Ordnung sich niedergeschlagen zu fühlen, aber man sollte bald wieder aufstehen. Shunmyo Masuno betont: „Ein fades, eintöniges Leben gibt es nicht. Jedes Leben hat seine Höhen und Tiefen.“ Wenn die Dinge nicht so laufen, wie man es sich wünscht – bei der Arbeit, in persönlichen Beziehungen, mit der Gesundheit – dann trübt sich die Stimmung und man fühlt sich niedergeschlagen. Das wäre eines dieser Täler. Wenn man sich dagegen auf einem Höhepunkt befindet, überschätzt man vielleicht seine Fähigkeiten oder schaut arrogant auf andere herab. Im Buddhismus nennt man dieses übermäßige Selbstvertrauen „Zojoman“. Dabei vergisst man manchmal seinen unvollkommenen Zustand und verfällt in eine stolze Denkweise, so als hätte man die Erleuchtung bereits erreicht. Das führt zu einem Teufelskreis. Shunmyo Masuno ist ein japanischer Zen-Mönch, preisgekrönter Zen-Garten-Designer sowie Professor für Umweltdesign an der Tama Art University in Tokyo.
Die Erwartungen anderer sind nicht die eigenen
Hin und wieder wird es ratsam sein, sich nach den Erwartungen anderer zu richten, will man in einer Gruppe oder einem Team anerkannt werden. Viele Menschen haben aber die Erwartungen anderer derart verinnerlicht, dass sie sie für ihre eigenen halten. Reinhard K. Sprenger weiß: „Das Drama beginnt, wenn Sie sich den Erwartungen anderer reflexhaft unterwerfen. Bisweilen, bevor sie überhaupt ausgesprochen wurden.“ Man folgt dann dem Psychoantreiber „Mach´s andern recht!“ Sein Motto: „Du wirst nur dann geliebt, wenn du anderen gefällst!“ Wer hat dies nicht – so oder ähnlich formuliert – seit frühesten Kindertagen gehört? Erziehung läuft oft darauf hinaus, dass man möglichst nett sein und anderen gefallen soll. Später dann wird von einem erwartet, dass man geradezu enthusiastisch morgens zur Arbeit rennt, leidenschaftlich ist und sich mit der Abteilung, dem Unternehmen, dem Produkt identifiziert. Reinhard K. Sprenger, promovierter Philosoph, ist einer der profiliertesten Führungsexperten Deutschlands.
Neid entsteht durch den Vergleich
Bei tief sitzenden Minderwertigkeitskomplexen wird, um dem als unangenehm erlebten Gefühl des Neides zu entgehen – Abwehr –, die eigene Person idealisiert und narzisstisch verklärt. Reinhard Haller weiß: „Da am Beginn des Neides oft der Vergleich mit anderen steht, begegnet der Narzisst den Personen, die er als gleichwertig oder überlegen betrachtet, mit destruktivem Neid, schließlich mit Hass.“ Destruktiver wie konstruktiver Neid ist ein Vergleichsaffekt, mit dem man sich in Relation zu Personen des sozialen Umfeldes setzt. Dies ist in evolutionärer Hinsicht von erheblicher Bedeutung, da Neid durch den Vergleich zum Nachdenken anregt und dadurch die eigene Position schützt und das Überleben sichern hilft. Prof. Dr. med. Reinhard Haller war als Psychiater, Psychotherapeut und Neurologe über viele Jahre Chefarzt einer psychiatrisch-psychotherapeutischen Klinik. Heute führt er eine fachärztliche Praxis in Feldkirch (Österreich).
Menschen konstruieren ihre Emotionen
Bisher war die Vorstellung geläufig, Emotionen würden aufgrund bestimmter äußerlicher Einflüsse – wie dem Messer, an dem wir uns schneiden, oder der tolle Mensch, in den wir uns verlieben – fast automatisch „passieren“. Maren Urner fügt hinzu: „Darin steck auch etwas Beruhigendes, denn immerhin befreit es uns aus der aktiven Rolle und entlässt uns in eine gewissen Widerstandslosigkeit.“ Frei nach dem Motto: „Ich konnte nicht anders!“ Gleichzeitig ist die Vorstellung, dass wir alle nahezu automatisch auf Anlässe, Auslöser und Reize mit bestimmten Gefühlen wie Wut, Angst, Ekel und Freude reagieren, auf gewisse Weise ein Gleichmacher. Egal ob arm oder reich, Frau oder Mann, Beamtin oder Bettler, die scharfe Klinge eines Messers an der Fingerkuppe schmerzt sie alle. Dr. Maren Urner ist Professorin für Medienpsychologie an der Hochschule für Medien, Kommunikation und Wirtschaft (HMKW) in Köln.
Die Moral besitzt eine emotionale Sprengkraft
Die emotionale Sprengkraft der Moral entlädt sich deshalb so leicht, weil sie bloß, wenn man es juristisch ausdrücken wollte, über eine „dezentrale“ Form der Durchsetzung verfügt. Alexander Somek erläutert: „Die Moral ist „subjektiv“ in dem Sinne, als letztlich die verletzte Person selbst bestimmt, unter welchen Bedingungen sie sich für verletzt erachtet. Das schließ nicht aus, dass die von „wohlmeinenden“ anderen dazu angestachelt wird.“ Wenn man solcherart zum Adressaten moralischer Vorwürfe wird und diese für unbegründet oder unsinnig hält, ist es am klügsten, den Kontakt mit der urteilenden Person abzubrechen. Schwieriger ist es dann, wenn man eine Beziehung weiterführen will oder muss. Alexander Somek ist seit 2015 Professor für Rechtsphilosophie und juristische Methodenlehre an der rechtswissenschaftlichen Fakultät der Universität Wien.
Es gibt verschiedene Objekte des Hasses
Gefühle ohne Tiefe können schnell wieder vergehen und abebben, indem andere Gefühle an ihre Stelle treten. Christoph Demmerling ergänzt: „Gefühle ohne Zentralität lassen sich gelegentlich ignorieren, da sie nicht im Mittelpunkt der eigenen Aufmerksamkeit stehen müssen.“ Für den Hass gilt dies nicht. Hass durchzieht eine Person – er ist tief –, und er ist ein aufmerksamkeitserheischendes Gefühl, besitzt Zentralität. Hass betriff die gesamte Person aus ihrem Zentrum heraus. Dabei gibt es verschiedene Objekte des Hasses. Beim Hass handelt es sich im Kern um ein Gefühl, das sich in der Regel auf Personen oder Personengruppen bezieht, nicht auf unbelebte Gegenstände. Hass scheint sich nur auf Objekte richten zu können, die man für voll nimmt und denen man in moralischer Perspektive etwas zurechnen zu können glaubt. Univ.-Prof. Dr. Christoph Demmerling lehrt Philosophie mit dem Schwerpunkt Theoretische Philosophie an der Friedrich-Schiller-Universität in Jena.
Menschen sind tendenziell kooperationsbereit
Dass kooperative Strukturen die Neigung haben, zu kollabieren oder sich sogar in Zyklen destruktiver Gewalt zu verfangen, ist empirisch immer wieder bestätigt worden. Hanno Sauer erläutert: „Die experimentellen Spiele der Verhaltensökonomie zeigen, dass Menschen zwar tendenziell und unter Vorbehalt kooperationsbereit sind, diese Bereitschaft aber von Trittbrettfahrern meist so ausgenutzt wird, dass der durchschnittliche Beitrag des Einzelnen zum Gemeinwohl schnell drastisch abnimmt und schließlich auf annähernd null absinkt.“ Um menschliches Kooperationsverhalten präzise studieren zu können, muss es zunächst wissenschaftlich operationalisiert werden. Im „Öffentliche-Güter-Spiel“ werden Kollektivhandlungsprobleme als Entscheidungssituation modelliert, in der eine kleine Anzahl von vier oder fünf Spielern eine bestimmte Anfangsausstattung erhält, die jeder entweder für sich behalten oder an den gemeinsamen Topf spenden kann. Hanno Sauer ist Associate Professor of Philosophy und lehrt Ethik an der Universität Utrecht in den Niederlanden.
Angst lässt sich nicht kontrollieren
Angst flutet den menschlichen Organismus mit unangenehmen und alarmierenden Empfindungen. Diese Prozesse kontrollieren oder unterdrücken zu wollen, ist nachvollziehbar. Franca Cerutti stellt fest: „Leider weiß die Forschung: Kontrolle und dagegen ankämpfen verschärfen das Problem. Auch hier hilft ein Faktencheck: Abgesehen vom bewussten Teil deiner Atmung kannst du Abläufe des autonomen Nervensystems nicht willentlich kontrollieren.“ Das angstvollen Fokussieren auf die Angstsymptome kann sogar dazu führen, dass genau das Gegenteil von dem eintritt, was man bezweckt. Man kann Angst nicht kontrollieren oder unterdrücken – aber akzeptieren. In ihrem Buch „Psychologie to go! Wie verrückt sind wir eigentlich?“ erklärt die Psychotherapeutin mit eigener Praxis und Podcasterin Franca Cerutti, was im Körper eines Menschen bei psychischen Erkrankungen, die oft unseren Alltag erschweren, konkret passiert.