Sensibilität ist bindend und trennend

Sensibilität ist für Svenja Flaßpöhler ein zweischneidiges Phänomen, denn sie ist nach außen und nach innen gerichtet. Sie ist bindend und trennend. Befreiend und unterdrückend. Svenja Flaßpöhler bringt es auf den Punkt: „Die Sensibilität trägt eine gewaltsame Seite in sich, was sich bereits in ihrer historischen Genese zeigt. Das Herausbilden von Sensibilität setzt nämlich Zwang voraus.“ In seinem berühmten Werk „Über den Prozess der Zivilisation“ (1939) zeichnet der Soziologe Norbert Elias ausdrücklich die Transformation des menschlichen Verhaltens nach. Dieses hat sich durch fortschreitende Disziplinierung zunehmend verfeinert und den Menschen für eigene und fremde Grenzüberschreitungen sichtlich sensibler werden lassen. Die wesentlichen Methoden dieser Verfeinerung sind, so Norbert Elias, die „Dämpfung der Triebe“, „Affektregulation“ und die Ausbildung eines kontrollierenden Über-Ichs. Svenja Flaßpöhler ist promovierte Philosophin und Chefredakteurin des „Philosophie Magazin“.

Der Mensch muss sich zähmen

Anders gesagt: Um sensiblen zu werden, muss sich der Mensch zähmen. Er muss Fremdzwänge in Selbstzwänge verwandeln und regulierende Scham- und Peinlichkeitsgefühle ausbilden. Deutlich stellt Norbert Elias heraus, dass der Mensch den kulturellen Anforderungen kaum genügen kann, ohne selbst Schaden zu nehmen. Das ist eine Beobachtung, die sich mit zentralen Einsichten der Psychoanalyse deckt: Die zunehmende Zivilisierung hat eine dunkle Seite, die sich auch in ihrer Fragilität zeigt.

Svenja Flaßpöhler stellt fest: „Entsprechend ist die Sensibilisierung als historische Entwicklung gewiss nicht bruch- und widerspruchslos. Im 20. Jahrhundert zeugen zwei verheerende Weltkriege und die Shoah eindrücklich von der Grausamkeit, die im Menschen wohnt und unter bestimmten Bedingungen hervorbricht.“ In seinem Buch „Verhaltenslehren der Kälte“ analysiert der Historiker Helmut Lethen hellsichtig die Handlungsanleitungen zur Distanz und inneren Verpanzerung zwischen den Weltkriegen. Die Schriften von Ernst Jünger aus dieser Zeit dienen Helmut Lethen als Beleg.

Der Faschismus lebt in der Verpanzerung des Mannes fort

Gleichzeitig geben Ernst Jüngers Aufzeichnungen tiefen Einblick in die psychologischen Mechanismen, die den Menschen nicht nur zu unvorstellbarer Gewalt befähigen, sondern ihn auch Unvorstellbares aushalten lassen. Klaus Theweleits berühmter These zufolge lebt der Faschismus in der Verpanzerung des Mannes und der gewaltsamen Abwehr der Frau fort. Das Faschistische sei beschreibbar als eine „Ausgeburt entfesselter Männergewalt“, als Normalfall des Mannes unter kapitalistischen und patriarchalischen Bedingungen.

Aus Klaus Theweleits „soldatischem Mann“ der ersten zwei Weltkriege ist heute der „toxische Mann“ geworden. Svenja Flaßpöhler erklärt: „Resilienz und Sensibilität: ein, so scheint es, unvereinbarer Gegensatz, der sich im Widerstreit der politischen Positionen spiegelt.“ Widerständig zu sein wird gleichgesetzt mit Gefühllosigkeit. Mit der Unfähigkeit, etwas an sich heranzulassen. Resilienz, so die weit verbreitete Auffassung gerade im linken politischen Spektrum, ist eine männliche, neoliberale Strategie der Selbstoptimierung. Diese ist unvereinbar mit Empathie und Solidarität. Quelle: „Sensibel“ von Svenja Flaßpöhler

Von Hans Klumbies

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