Die überdramatisierte Weltsicht boomt

Unzählige Parameter wie Bildung, Gesundheit, Lebenserwartung, Chancengleichheit, Sicherheit, Wohlstand, Freiheit und viele andere haben sich in den letzten Jahren sehr verbessert. Der Menschheit ging es noch nie so gut wie heute. Dennoch glauben die meisten Menschen immer noch: „Früher war alles besser.“ Markus Hengstschläger erläutert: „Der moderne Homo sapiens denkt mehrheitlich, dass er in einer Welt zunehmender Kriege, Gewaltverbrechen, Naturkatastrophen, menschengemachter Katastrophen, Korruption, Armut und Ungerechtigkeit lebt.“ Hans Rosling nennt das die überdramatisierte Weltsicht und gibt die Schuld nicht den böswilligen Medien, nie nur mehr Negativschlagzeilen und Katastrophenberichte bieten, oder der Propaganda, den Fake News oder den „alternativen Fakten“. Er schreibt es jenen menschlichen Instinkten zu, die während Millionen von Jahren andauernder Evolution im menschlichen Gehirn verankert wurden. Professor Markus Hengstschläger ist Vorstand des Instituts für Medizinische Genetik an der MedUni Wien.

Das Gehirn kommt oft zu raschen Entschlüssen

Viele Menschen wollen nicht hören, dass Fliegen eine enorm sichere Fortbewegungsart ist. Sie wollen lieber von dem katastrophalen Flugzeugabsturz hören. Markus Hengstschläger erklärt: „Unsere genetisch mitbestimmten Verhaltensmuster, unsere Instinkte, von Gefahren und alarmierenden Situationen immer und immer sofort erfahren zu wollen, haben sich evolutiv durchgesetzt.“ Sie haben den Vorfahren der heutigen Menschen in Zeiten von Jägern und Sammlern dabei geholfen, stets nach neuen Gefahren Ausschau zu halten, um ihnen unmittelbar aus dem Weg gehen und dadurch überleben zu können.

Das menschliche Gehirn kommt oft zu raschen Schlussfolgerungen und Entschlüssen, ohne großes Nachdenken. Und wenn solche Instinkte von ein paar Tausend Jahren auch überlebenswichtig waren, so leben die heutigen Menschen n einer vollkommen anderen Welt. Yuval Noah Harari schreibt in seinem Buch „21. Lektionen für das 21. Jahrhundert“ sogar, dass es vielleicht ein Fehler wäre, zu viel Vertrauen in das rationale Individuum zu setzen.

Viele Entscheidungen basieren auf emotionalen Reaktionen

Denn Verhaltensökonomen und Evolutionspsychologen haben gezeigt, dass die meisten menschlichen Entscheidungen auf emotionalen Reaktionen und heuristischen Kurzschlüssen basieren. Sie stützten sich weniger auf rationale Analyse. Emotionen und Strategien der Problemlösung, die womöglich für ein Leben in der Steinzeit geeignet waren, sind jedoch im „Silicon-Zeitalter“ bedauerlicherweise völlig unbrauchbar. Malcolm Gladwell hat den Bestseller „Warum manche Menschen erfolgreich sind – und andere nicht“ geschrieben.

Er beschreibt in seinem 2005 erschienen Buch „Blink! Die Macht des Moments“, dass Menschen in Situationen wie zum Beispiel Vorstellungsgesprächen viel mehr ihrer Intuition folgen und spontan entscheiden. Das Spannende daran ist allerdings, dass Forschungsergebnisse zeigen, dass Menschen selbst meinen, sie brauchen sehr viele Daten und Informationen, um zu ihren Entscheidungen kommen zu können. Die meisten Menschen überschätzen permanent das für ihre Entscheidungen notwendige Ausmaß an Informationen. Quelle: „Die Lösungsbegabung“ von Markus Hengstschläger

Von Hans Klumbies

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