Geteilte Gefühle verbinden Menschen

Gähnt ein Mensch, der einem gegenübersitzt, fängt man auch selbst zu gähnen an und fühlt sich plötzlich müde. Hans-Otto Thomashoff erklärt: „Unbewusst ahmt unser Gehirn die Handlung nach, die es bei dem anderen erkennt, und versteht sie dadurch.“ Genau dieser Mechanismus ist die Ursache für das Ansteckungspotenzial von Gefühlen, die sogenannte Resonanz. Geteilte Gefühle, also Resonanzerlebnisse, sind der entscheidende Kitt für den Aufbau von Bindungen, die ihrerseits Ausgangspunkt für unzählige weitere Resonanzerlebnisse sind. Geteilte Gefühle binden Menschen aneinander. So entsteht Zusammengehörigkeit. Umgekehrt droht beim Fehlen von Bindungen zunehmende Vereinsamung. Dies ist oft das Schicksal vieler isolierter Bewohner in anonymen Hochhaussiedlungen und alleinstehender Menschen im hohen Alter. Hans-Otto Thomashoff ist Facharzt für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychoanalyse in eigener Praxis in Wien.

Einsamkeit bedeutet Stress

Hier hat die Gesellschaft Entwicklungen den Weg bereitet, die eindeutig der menschlichen Natur entgegenstehen. Depressionen und Anfälligkeit für körperliche Krankheiten sin die Folge, weil Einsamkeit Stress bedeutet. Dieser Stress, der aus Langeweile, aus Perspektivlosigkeit und aus Angst entsteht und allein nur schwer abgebaut werden kann, weil der entscheidende Gegenspieler von Stress fehlt, eben das Bindungshormon Oxytocin. Wie sehr Menschen nach Bindungen streben, belegt auch der Erfolg der sozialen Netzwerke.

Hans-Otto Thomashoff klärt auf: „Allerdings können soziale Medien keine echten Bindungen ersetzen, weil wirksame Resonanz nur in realen Bindungen funktioniert. Die Freunde, mit denen wir Likes austauschen, sind nicht wirklich für uns da, weil im virtuellen Miteinander das lebendig gespiegelte Gefühl fehlt.“ Das Gefühlszentrum registriert das und signalisiert den Betroffenen über kurz oder lang einen emotionalen Mangel. Mehr noch wird im virtuellen Raum der andere wegen der fehlenden Spiegelung weitgehend zur Projektionsfläche für die eigenen Erwartungshaltungen.

Ewige Singles sind selten glücklich

Eine emotional fassbare Rückmeldung, ob die eigene Sichtweise vom anderen auch wirklich stimmt, bleibt aus. Wer sich fast nur noch mit virtuellen Freunden umgibt, wird durch die kritiklose Selbstbestätigung in der permanenten Projektion ohne korrigierende Rückmeldung unweigerlich immer narzisstischer. Die Menschen sind von Natur aus nicht für ein Leben in Einsamkeit gemacht. Ewige Singles sind selten glücklich, erst recht nicht traurig vereinsamende Senioren.

Dort, wo auch heute noch Menschen so leben wie in grauer Vorzeit, existieren sie in Horden also im Zusammenhalt generationenübergreifender Gemeinschaften. Anthropologische Studien zeigen, wie sehr bei diesen Naturvölkern der Einzelne Teil der Gemeinschaft ist und wie seien psychische und soziale Stabilität von der permanenten Abrufbarkeit seiner Gruppe abhängen. Hans-Otto Thomashoff stellt fest: „Von solchen unserer Biologie entsprechenden Gegebenheiten haben wir uns in unserer westlichen Gesellschaft meilenweit entfernt. Wir propagieren das Ideal des existenziell auf sich allein gestellten, autonomen Individuums.“ Quelle: „Mehr Hirn in die Politik“ von Hans-Otto Thomashoff

Von Hans Klumbies

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