Der Mensch ähnelt sehr anderen Tieren

Die grundlegenden Prozesse, anhand deren das menschliche Gehirn denkt, sind auch heute noch überwiegend identisch mit jenen von anderen Tieren. Der Psychologe Daniel Kahneman spricht von zwei „Selbsten“ – Biologie kontra Rationalität – und schreibt: „Zu den Funktionen von System 1 gehören angeborene Fähigkeiten, die wir mit anderen Tieren gemeinsam haben. Wir werden mit der Fähigkeit geboren, unsere Umwelt wahrzunehmen, Gegenstände zu erkennen, unsere Aufmerksamkeit zu steuern, Verluste zu vermeiden und uns vor Spinnen zu fürchten.“ Markus Hengstschläger ergänzt: „Andere mentale Aktivitäten werden durch lange Übung zu schnellen, automatischen Routinen.“ Die höchst vielfältigen Aktivitäten von System 2 haben ein Merkmal gemeinsam: Sie erfordern Aufmerksamkeit, und sie werden gestört, wenn die Aufmerksamkeit abgezogen wird. Professor Markus Hengstschläger ist Vorstand des Instituts für Medizinische Genetik an der MedUniWien.

Das automatische System funktioniert instinktiv

Der Verhaltensökonom und Wirtschaftsnobelpreisträger Richard Thaler schreibt gemeinsam mit Cass Sunstein in dem Buch „Nudge: Wie man kluge Entscheidungen anstößt“: „Das automatische System funktioniert schnell und instinktiv – zumindest fühlt es sich so an.“ Gehirnforscher haben festgestellt, dass diese Aktivitäten in den ältesten Teilen des menschlichen Gehirnes verarbeitet werden – in den Bereichen, die Menschen mit Echsen gemeinsam haben.

Es besteht laut Markus Hengstschläger eine permanente Wechselwirkung zwischen diesen beiden immer aktiven Systemen. System 1 liefert immerzu Eindrücke, Absichten und Gefühle und zusätzlich genetisch mitbedingte Verhaltenskomponenten wie zum Beispiel Reflexe oder instinktive Reaktionen. Wenn System 2 diese nachvollziehen kann, entstehen Überzeugungen oder willentlich gesteuerte Handlungen. Es ist das System 1, dass es einem Menschen automatisch ermöglicht, schlechte Laune oder Feindseligkeit aus einer Stimme herauszuhören. Und System 2 überwacht das Verhalten und sorgt dafür, dass man nicht jedem sagt, was man wirklich denkt.

Sammlungen für Faustregeln gibt es für alle Lebenslagen

Und trotzdem, dieses Zusammenspiel kann auch die Quelle für Denkfehler sein. Außerdem kann man sowohl rational zu falschen Schlüssen kommen, wie das Bauchgefühl auch irren kann. Die besten Profisportler wissen, dass es oft nicht sinnvoll ist, zu viel zu denken, und es oft besser ist, einfach auf sein Bauchgefühl zu hören und es dann einfach zu machen. Und wenn es schnell gehen muss und man blitzartige Entscheidungen treffen muss, weil man wieder einmal keine Zeit hat, dann stellt sich eine besondere Vorliebe für Faust- beziehungsweise Daumenregeln ein.

Diese haben sich ja schon so oft bewährt, unter dem Motto: „Das funktioniert schließlich immer!“ Sammlungen von Faustregeln gibt es nahezu für alle Fachbereiche und Lebenslagen. Markus Hengstschläger weiß: „So nützlich solche Regeln manchmal sein können, so falsch kann man damit aber in anderen Fällen auch liegen.“ Die faktengestützte Weltsicht zeigt klar, dass die Welt zwar einerseits vor noch sehr großen Herausforderungen steht, aber andererseits auch permanent besser wird. Quelle: „Die Lösungsbegabung“ von Markus Hengstschläger

Von Hans Klumbies

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