Die Politik muss vier Grundwerte garantieren

Die meisten Menschen sind von Natur aus überraschend genügsam. Wie die Hirnforschung belegt, brauchen sie nicht viel, um zufrieden mit ihrem Leben zu sein. Hans-Otto Thomashoff kennt ihre Bedürfnisse: „Gute Beziehungen, selbstbestimmtes Handeln, eine funktionierende Stressregulation, das subjektive Gefühl von Stimmigkeit. Diese vier Säulen reichen für ein gesundes Lebensgefühl.“ Meist richtet man sein Verhalten ganz von selbst an ihnen aus, wobei je nach Kultur die Schwerpunkte unterschiedlich sein können. Übertragen auf die Politik ergeben sich daraus ganz konkrete Forderungen. Die zentrale Aufgabe von Politik sollte es sein, ihren Bürgern vier Grundwerte zu garantieren: Bindung, Wirkmächtigkeit beziehungsweise Selbstwirksamkeit, Stressbegrenzung durch Gerechtigkeit und Sicherheit sowie Stimmigkeit. Diese Grundwerte leiten sich her aus der biologischen Natur des Menschen. Hans-Otto Thomashoff ist Facharzt für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychoanalyse in eigener Praxis in Wien.

Das Gehirn zeichnet sich durch ein Bindungssystem aus

Werden sie auf Dauer in einer Gesellschaft ignoriert, weil die Politik sich einer ideologischen Sackgasse verschrieben hat, führt das über kurz oder lang zum Zusammenbruch des Systems. Die Corona-Krise hat eindrucksvoll vor Augen geführt, dass kein menschliches Bedürfnis so essenziell ist wie das in der Hirnbiologie verankerte Streben nach Bindung. Also das Grundbedürfnis nach dem Miteinander mit anderen Menschen. Die Gefahr, die vom Coronavirus ausgeht, ist weniger seine Letalität, als vielmehr sein enormes Ansteckungspotenzial, das in kurzer Zeit ein Gesundheitssystem aus dem Gleichgewicht werfen kann.

Und doch gelang es nicht, die Menschen in Distanz zueinander zu halten. Besonders gefährdete Senioren wollten oft sogar lieber sterben, als auf die Besucher ihrer Angehörigen zu verzichten. Hans-Otto Thomashoff weiß: „Unser Gehirn zeichnet sich durch ein Bindungssystem aus, das immer aktiv wird, wenn wir angenehme Beziehungen erleben. Sein entscheidender Wirkstoff ist das Bindungshormon Oxytocin. Es weckt in uns Verbundenheit, Liebe, wohlige Nähe und Vertrauen.“

Spiegelneuronen manchen Menschen zu mitfühlenden Wesen

Umgekehrt führen Trennungen zu einem regelrechten Oxytocin-Entzug, bei dem Schmerzzentren im Gehirn aktiviert werden. Bindungsverlust fühlt sich deshalb an wie ein heftiger körperlicher Schmerz. Wer je einen geliebten Menschen verloren hat, wird das bestätigen können. „Ohne dich bin ich nichts.“ Dieses schwärmerische Liebesbekenntnis trägt mehr als nur ein Körnchen Wahrheit in sich. Ja, über emotionale „Ansteckung“ beeinflusst ein anderer sogar ganz direkt, wie man sich selbst fühlt.

Hans-Otto Thomashoff nennt ein Beispiel: „Steht uns jemand wutentbrannt gegenüber, dauert es oft nur Sekunden, bis uns selbst der Kragen platzt. Der morgendliche Straßenverkehr beweist das hinlänglich.“ Verantwortlich dafür sind spezielle Nervenzellen, die sogenannten Spiegelneuronen. Sie bilden im Gehirn ein Resonanzsystem aus, das einen Menschen zu einem mitfühlenden Wesen macht, weil er mit seiner Hilfe Gefühle und Stimmungen anderer Menschen nachempfinden kann. Quelle: „Mehr Gehirn in die Politik“ von Hans-Otto Thomashoff

Von Hans Klumbies

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