Die Ablehnung von Gewalt kommt nicht nur den „Schwachen“ zu, sondern ist auch eine Seelenfestigkeit, die auf jeden Fall anzustreben ist. Cynthia Fleury ergänzt: „Im Übrigen kann jeder anhand der Geschichte und Gegenwart bestätigen, dass diejenigen, die zur Feindschaft unfähig sind, dies in der Regel nur konjunkturell sind und dass die Feindschaft bei der geringsten Möglichkeit, sie auszudrücken, ohne den Preis dafür zu zahlen, wieder ausbricht.“ Man muss also wachsam bleiben. Das Ressentiment ist ein umso tödlicheres Gift, als es mit der Zeit wächst und tief in die Herzen der Menschen eindringt. Die Liebe ist, wie Max Scheler in Erinnerung ruft, nach christlichem Verständnis ein Akt des Geistes und nicht des Empfindens, anders gesagt, ein Akt der Entscheidung, des Pflicht- und Verantwortungsgefühls. Die Philosophin und Psychoanalytikerin Cynthia Fleury ist unter anderem Professorin für Geisteswissenschaften und Gesundheit am Conservatoire National des Arts et Métiers in Paris.
Hans Klumbies
Meinungen haben nichts mit Tatsachen zu tun
Thomas W. Albrecht schreibt: „Oft wird im täglichen Sprachgebrauch eine bloße Meinungsäußerung als unverrückbare Tatsache und Werturteil hingestellt und die Person, die das Urteil abgibt, nicht genannt.“ Man bezeichnet dieses Sprachmuster als „Verlorengegangenes Performativ“. Hinterfragt man die betreffende Äußerung, kann man den Bezug zu der Person herstellen, welche die jeweilige Erfahrung gemacht hat, die zur formulierten Tatsache beziehungsweise zum Werturteil geführt hat. Das erlaubt ein tieferes Verständnis, wie das Urteil zustande kam, mit wem und welchen Umständen es zu tun hat, und das es nichts mit dem Zuhörer zu tun hat. Ein weiteres Muster von Generalisierungen ist die sogenannte „Komplexe Äquivalenz“. Hier werden zwei Aussagen in dem Sinne gleichgestellt, als wäre ihre Bedeutung äquivalent. Die gleichgestellten Aussagen befinden sich jedoch auf unterschiedlichen logischen Ebenen. Thomas W. Albrecht ist Experte für Kommunikation und Rhetorik.
Rationalität ist nicht das Maß aller Dinge
Selbst in ihren rationalen Überzeugungen sind Menschen weniger rational als sie denken. Philipp Sterzer stellt fest: „Da sehr viele Menschen mit ihren mehr oder weniger irrationalen Überzeugungen offenbar recht gut in der Welt zurechtkommen, scheint epistemische Rationalität nicht das Maß aller Dinge zu sein.“ Menschen finden ihre Irrationalität in vielen Fällen völlig in Ordnung, zum Beispiel, wenn es um religiösen Glauben geht. In anderen Fällen aber, wenn es darum geht, was wahr ist und was nicht, haben sie das Gefühl, dass ihre Überzeugungen vernunftgeleitet sind und auf Faktenwissen beruhen. Menschen halten ihre Überzeugungen für epistemisch rational, scheinen sich darin aber oft zu täuschen. Im Jahr 2011 berief man Philipp Sterzer zum Professor für Psychiatrie und computationale Neurowissenschaften an die Charité in Berlin. 2022 wechselte er an die Universität Basel.
Der Wunsch nach Anerkennung ist groß
Armin Falk schreibt: „Der Mensch möchte geliebt werden. Und geachtet, gelobt und anerkannt. Von seinen Mitmenschen und sich selbst. Dieser Wunsch nach Anerkennung kann der guten Tat Flügel verleihen.“ Aber kann das Bedürfnis nach Anerkennung auch das Gegenteil bewirken? Die Antwort auf diese Frage hängt davon ab, auf welche Art und Weise ein Mensch ein gutes Selbstbild gewinnt. Zweifellos spielt ein moralisch untadeliges Verhalten dabei eine große Rolle. Vielleicht haben Sie sich schon einmal gefragt, was Wissenschaftler im Innersten antreibt, wovon sie träumen, worauf sie inständig hoffen. Häufig ist es der Wunsch, eine große Entdeckung zu machen. Armin Falk leitet das Institut für Verhaltensökonomik und Ungleichheit (briq). Außerdem ist er Direktor des Labors für Experimentelle Wirtschaftsforschung sowie Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Bonn.
Verdeckter Narzissmus kann unauffällig sein
Turid Müller schreibt: „Verdeckter Narzissmus kann so unauffällig sein, dass es lange wirkt, als wären wir in einer liebevollen Beziehung. Aber irgendwann bekommt die hübsche Maske Risse. Und was wir erleben, sieht mehr und mehr nach dem aus, was die Diagnoseschlüssel beschreiben. Es wird immer schwerer zu leugnen, dass es uns nicht gut geht. Wir fühlen uns gemeinsam einsam.“ „Discard“ bedeutet „Ausschluss“ – und so fühlt man sich auch: Minderwertig und auf dem besten Wege, aussortiert zu werden. Die Erniedrigungen werden immer heftiger und beginnen die Brotkrümel der Zuneigung zu überwiegen, die ab und zu für uns ausgestreut werden. Turid Müller hat diese plötzlichen Nähe-Inseln „Eintagswunder“ getauft. Und genauso langlebig sind sie auch. Und zudem äußerst verwirrend. Turid Müller ist Diplom-Psychologin und ausgebildete Schauspielerin.
Eine Panikattacke entsteht oft durch Stress
Panikanfälle sind für Betroffene extrem belastend und in schlimmen Fällen lebensbestimmend. Heinz-Peter Röhr weiß: „Das größte Problem ist die Angst vor einem weiteren Anfall, die häufig ebendiesen auslöst. Je intensiver Betroffene den Anfall vermeiden wollen, umso sicherer wird er eintreten.“ Eventuell haben Panikanfälle auch eine hormonelle Ursache beziehungsweise haben ausschließlich organische Ursachen. Geeignete Medikamente sind hier hilfreich. Meist wird eine Panikattacke jedoch durch Stress verursacht. Der psychische Apparat ist überfordert, und der vorhandene Stress entlädt sich wie eine Eruption. Hinter Panikattacken steckt oft auch die Angst vor dem Tod. An dieser Stelle ist es sinnvoll, sich mit der Angst vor dem Tod auseinanderzusetzen. Heinz-Peter Röhr ist Pädagoge und war über dreißig Jahre lang in der Fachklinik Fredeburg/Sauerland für Suchtmittelabhängige psychotherapeutisch tätig.
Emotionen sind die Vorläufer der Gefühle
Es ist neurobiologisch erwiesen, dass sogar die Körperhaltung Auswirkungen auf das Befinden, das Denken und das Verhalten hat. Hadija Haruna-Oelker ergänzt: „Unser Körper ist Zugang und Brennglas verdeckter innerer Muster und zugleich der Schlüssel für Lösungen, wenn wir in Krisen strecken. Gefühle sind überall. Nicht ohne Grund wird in der Werbung auf den Dreiklang gesetzt: über Emotionen die Neugier wecken und über die Neugier die Kenntnis.“ Damit wird die Brücke zwischen Emotion und Kognition geschlagen. Emotion ist ein Begriff, bei dem die meisten sicher an Gefühle wie Angst, Wut, Freude, Trauer und Liebe denken. In der Wissenschaft gibt es aber mehrere Erklärungen dafür: zum Beispiel, dass Gefühle Wahrnehmungen von Emotionen beziehungsweise von Körperzustandsveränderungen sind. Hadija Haruna-Oelker lebt als Autorin, Redakteurin und Moderatorin in Frankfurt am Main. Hauptsächlich arbeitet sie für den Hessischen Rundfunk.
Vorauseilender Gehorsam ist sinnlos
Reinhard K. Sprenger schreibt: „Sie sind nicht auf der Welt, um nach den Erwartungen anderer zu leben. Das ist ein bleibt eine reife Erkenntnisleistung – in der Regel braucht man für sie Narben, Falten, angesammeltes Leben. Sie sollten auf jeden Fall dafür sorgen, dass die Konfliktlinie zwischen Ihnen und Ihrem Konfliktpartner bleibt!“ Das ist ein enorm hilfreicher Gedanke, den Reinhard K. Sprenger in der Praxis immer wieder anbietet. Man sollte die Konfliktlinie nicht nach innen verlagern, nicht in sich hineinziehen. Vorauseilender Gehorsam oder Spekulationen darüber, was der andere wohl wollen könnte, sind sinnlos. Denn dabei projiziert man ohnehin nur die eigene Innenwelt auf den anderen. Wenn Sie Leistungspartner sind, wird zwischen Ihnen verhandelt. Reinhard K. Sprenger, promovierter Philosoph, ist einer der profiliertesten Führungsexperten Deutschlands.
Frustrierte Missgunst schlägt in Hass um
Erweckt der Neid das Gefühl, eine andere Person habe ihren Erfolg nicht verdient und müsse vom hohen Ross heruntergeholt werden, entsteht schwarzer Neid, der meist in Missgunst umschlägt. Reinhard Haller ergänzt: „Wenn jemand dann der anderen Person nicht das Wasser reichen kann und es gar nicht möglich ist, sie „zurechtzustutzen“, also abzuwerten, verdichtet sich die so frustrierte Missgunst in Hass.“ Der destruktive Neid ist also eine Hassquelle ersten Grades. Er ist Ursache für Feindschaften unter Geschwistern und Generationen, zwischen Partnern und Freunden, zwischen Gesellschaftsschichten und Völkern. Kinder beneiden andere, weil diese besser Schul- oder Sportleistungen erbringen, mehr Taschengeld und schönere Geschenke bekommen. Prof. Dr. med. Reinhard Haller war als Psychiater, Psychotherapeut und Neurologe über viele Jahre Chefarzt einer psychiatrisch-psychotherapeutischen Klinik. Heute führt er eine fachärztliche Praxis in Feldkirch (Österreich).
Äußere Anreize können innere Reize zerstören
Auch wenn niemand einen Menschen von außen antreibt, treibt es ihn von innen voran – falls er nicht Depression, Lethargie, Burnout oder der komplexen Posttraumatischen Belastungsstörung verfallen ist. Woher sollten natürliches Interesse, menschliche Neugier, Forscherdrang und Spontanität kommen und sich für alle sichtbar immer wieder in Alltag und Beruf entfalten? Ingo Hamm erklärt: „Neugier und Interesse kennt jeder und entwickeln wir alle – ohne äußere Anreize. Im Gegenteil: Äußere Anreize können diese inneren Reize kaputtmachen.“ Ergo braucht der Mensch, wenn man ihn motivieren möchte, nicht per se oder ausschließlich eine externe Steuerung – Belohnung, Bestrafung, Überwachung. Die meisten Menschen, insbesondere Kinder, sind von Haus an neugierig und an der Welt interessiert, wenn man sie nicht allzu sehr stresst oder gängelt. Dr. Ingo Hamm ist Professor für Wirtschaftspsychologie an der Hochschule Darmstadt.