Für Alexander Mitscherlich gehört zur Kindheit seit je lauter Protest. Dieser ist intensiver, als er in gewöhnlichen Zeiten von Erwachsenen zu hören ist. Es wäre jedoch ein Irrtum dies nur auf Wachstumskrisen zurückzuführen. Alexander Mitscherlich sieht darin eher die unausgesprochene Hoffnung der jugendlichen Rebellen, die verweigerte Anpassungsleistung werde ihnen die Frische und Unbestechlichkeit des Blicks und den Elan der Jugend für die Verwirklichung politischer Zielsetzungen erhalten.
Hans Klumbies
Viele Menschen fliehen vor der Diagnose einer Depression
Heute ist der Internationale Tag der seelischen Gesundheit. Auf die Frage, ob es diesen Tag braucht, antwortet Georg Psota: „Der Kulturphilosoph Byung-Chul Han hat geschrieben, dass jedes Zeitalter seine Leitkrankheiten hat.“ Georg Psota ist Leiter der Psychosozialen Dienste Wien, die ein Netzwerk an ambulanten Einrichtungen für eine sozialpsychiatrische Grundversorgung anbieten.
Wolfgang Schmidbauer beschreibt die Krankheit Autoaggression
In Mitteleuropa kommen auf einen Mord rund zehn Selbstmorde. Daraus folgert Wolfgang Schmidbauer, dass seelische und somatische Autoaggression sehr viel gefährlicher ist als die Verletzung durch andere Menschen. Sie fordert sehr viel mehr Opfer an Leib und Leben als äußere Gewalt. Autoaggressionskrankheiten beruhen laut Wolfgang Schmidbauer darauf, dass das Immunsystem mit seinen Millionen gegen Bakterien und Viren aktivierbaren Zellen das eigene Gewebe angreift. Er nennt Beispiele: „In der Polyathritis die Knorpelsubstanz der Gelenke, in der Multiplen Sklerose die Nervenleitungen, beim Ekzem die Haut, beim Lupus die Nieren, beim Asthma bronchiale die Lungen.“ Die am meisten verbreitete Form der Autoaggression ist die Depression. Die seelischen Ursachen dieses Leidens werden in den Konsumgesellschaften offen oder indirekt geleugnet. Wolfgang Schmidbauer arbeitet neben seiner schriftstellerischen Tätigkeit auch als Lehranalytiker und Paartherapeut in München.
In der Todesfurcht erkennt der Mensch seine Grenzen
Die Bewegung der Beziehung lässt sich nach Georg Wilhelm Friedrich Hegel als eine Bewegung des gegenseitigen Anerkennens verstehen. Ein Mensch bestätigt sich dabei im anderen und der andere wird von ihm bestätigt. Helm Stierlin ergänzt: „Das vollzieht sich in komplexen Verdopplungsprozessen des Selbstbewusstseins, durch die ich mich, mich selbst verlierend, im anderen gewinne.“ Wenn ein Partner anschließend zu sich selbst zurückkehrt, ist er verändert und die Beziehung hat eine andere Basis gewonnen.
Rotraud A. Perner deckt die Lügen über die Sexualität auf
Wir Männer lügen viel, wenn es um Sex geht – zuerst belügen wir uns selbst und dann unsere Partner. Die Kärntner Dichterin Ingeborg Bachmann (1926 – 1973) schrieb einst: „Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar.“ Ein ehemaliger Priester, dann Psychotherapeut erzählte Rotraud A. Perner, dass er seinem Freud gesagt habe: „Du darfst Dich mir zumuten.“ Dieser Satz hat ihr sehr gefallen, da sie es nur geschafft hatte, dem Mann ihres Herzens zu sagen: „Du bist mir willkommen“, was wahrscheinlich int ist, „so wie du wirklich bist.“ Sich jemanden zumuten dürfen, setzt einiges voraus.
Friedrich Hebbel: "Dem Auge soll man trauen, nicht dem Ohr!
Für die Empfindung der Scham spielt das Auge eine ganz wichtige Rolle. In einem bestimmten, schutzlosen Augenblick gesehen zu werden, kann ein derartig tiefes Schamgefühl erzeugen, dass radikale Genugtuung unausweichlich erscheint. Das heimlich beobachtet werden stellt den Urmythos einer existenziellen Angst dar. Ulrich Greiner erklärt: „Jeder weiß von ihr, jeder kennt das in Alpträumen auftauchende Erschrecken, unversehens gesehen zu werden, und viele Filme spielen mit dieser Angst, mit dem Gang durch Zimmer und Flure, hinter deren Türen der unheimliche Beobachter sich verbirgt.“ Die Angst ist dabei die schwarze Variante des Spiels: „Ich seh etwas, was du nicht siehst!“ Ulrich Greiner war zehn Jahre lang der Feuilletonchef der ZEIT. Als Gastprofessor lehrte er in Hamburg, Essen, Göttingen und St. Louis. Außerdem ist er Präsident der Freien Akademie der Künste in Hamburg.
Andreas Salcher stellt die hohe Kunst der Manipulation vor
Jemanden, der gerade sehr traurig ist, durch geschickte Beeinflussung in einen besseren Zustand zu versetzen, ist sicher etwas Positives.“ Gerade ein Rechtschaffener sollte sich mit den Techniken der Manipulation vertraut machen, da er sonst leicht das Opfer der Arglistigen und Täuscher wird. Dr. Andreas Salcher ist Mitbegründer der Sir-Karl-Popper-Schule und initiierte die Waldzell Meetings im Stift Melk. Er ist einer der erfolgreichsten Sachbuchautoren Österreichs. Sein aktuelles Buch heißt: „Erkenne dich selbst und erschrick nicht.“
Lampenfieber und Bühnenangst lassen sich wegtrainieren
Vor öffentlichen Auftritten befällt viele Menschen ein plötzlicher Gedächtisten Reden todlangweilig. Denn es gibt auch ein positives Lampenfieber, bei dem es anregend im Bauch kribbelt.“ Davon unterscheidet der Mediziner die schädliche Angst vor dem Auftritt, die das Leistungsvermögen stark beeinträchtigt. Michael Bohne ergänzt: „Bei rund zwei Dritteln der Menschen überwiegt die Angst, doch das lässt sich ändern. Durch Training kann man lernen, das Negative zu überwinden.“
Uwe Böschemeyer stellt das innerste Wesen des Menschen vor
Das Wesen eines Menschen wartet darauf, sich in seinem Facettenreichtum entfalten zu können. Jeder Mensch trägt laut Uwe Böschemeyer auf seinem Weg durchs Leben ein inneres, unverwechselbares Bild mit sich, und dieses Bild ist Ausdruck seines Wesens, seiner Originalität, seiner selbst. Dieses Bild deutet sich auch in Tag- und Nachträumen an und es wird sichtbar in Augenblicken des Liebens und Geliebtwerdens. Es nähert sich dem Menschen in Ahnungen und auch in tiefer Not. Uwe Böschemeyer ergänzt: „Es wartet darauf, zum Vor-Schein, zum Bewusstsein, zum Leben kommen zu können, in welcher Form auch immer. Es ist alles andere als Luxus, sich mit ihm zu befassen, weil das, was es symbolisiert, nichts geringeres ist als das Tiefste im Menschen, sein Innerstes, das, was er eigentlich, im Grunde, seinen Möglichkeiten nach ist.“ Wären die Menschen mit dieser Tatsache vertrauter, würden sie über sich selbst und andere ganz anders sprechen und urteilen.