Neid ist die Wurzel des Hasses

Neben den allgemeinen, an jeder Hassentwicklung beteiligten Ursachen und Motiven wie Kränkung oder Benachteiligung gibt es mehrere große Wurzeln, die gehäuft Hass auslösen oder diesen verstärken. Reinhard Haller kennt sie: „Im Einzelnen sind dies Neid und Eifersucht – von Nietzsche als „Schamteile der menschliche Seele“ bezeichnet –, weiters Gier und Rache.“ All dies sein eigeneständige und verschiedenartige Gefühlskomplexe, denen aber eines gemein ist: Sie führen häufig zum Hass. „Neid gibt dem Hass Flügel“, meint der Aphoristiker Fred Ammon. Xenophon (430 – 354 v. Chr.), griechischer Schriftsteller und Schüler des Sokrates, sah im Neid die Wurzel des Hasses: „Zur Feindschaft führen auch Streitsucht und Zorn, zum Groll die Habgier, und zum Hass führt der Neid.“ Prof. Dr. med. Reinhard Haller war als Psychiater, Psychotherapeut und Neurologe über viele Jahre Chefarzt einer psychiatrisch-psychotherapeutischen Klinik. Heute führt er eine fachärztliche Praxis in Feldkirch (Österreich).

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Die geringste Ungleichheit verletzt das Auge

Max Scheler sieht in der demokratischen Ordnung einen Ort, der strukturell mehr zum Ressentiment neigt. Cynthia Fleury erklärt: „Alexis de Tocqueville hatte dies zu seiner Zeit bereits gespürt, als er auf ein Übel hinwies, das den Menschen befällt, den Egalitarismus, und auf die Tatsache, dass er für die Gleichheit umso sensibler wird, je klarer sich die Egalisierung der Bedingungen abzeichnet.“ Dies ist ein logisches, aber schwer zu kanalisierendes Phänomen. Die geringste Ungleichheit verletzt das Auge, hatte er gesagt, und die Unersättlichkeit des Individuums in Bezug auf den Egalitarismus ist verheerend. Schon damals sprach er vom Übel der Melancholie inmitten des Überflusses. Die Philosophin und Psychoanalytikerin Cynthia Fleury ist unter anderem Professorin für Geisteswissenschaften und Gesundheit am Conservatoire National des Arts et Métiers in Paris.

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Kriege lassen sich vielleicht nicht verhindern

Das Schicksal der Menschheit, klagt Albert Einstein, liegt in den Händen einer „herrschenden Schicht“, die nach Macht strebt und sich jeder „Einschränkung der Hoheitsrechte“ widersetzt. Sigmund Freuds kritisches Urteil sei für diese Zeit, in der Europa erneut vor einem Weltkrieg stehe, von größter Wichtigkeit. Judith Butler fügt hinzu: „Albert Einstein will wissen, ob es im Triebleben der menschlichen Psyche eine Grundlage für eine politische Ordnung gebe, die Kriege effektiv verhindern könnte.“ Besonders interessiert ihn die Frage, ob man eine Vereinigung oder ein Tribunal schaffen könnte, mit dessen Hilfe sich die destruktive Macht der Triebe in Schach halten ließe. Albert Einstein sieht das Problem zunächst in den destruktiven Trieben. Judith Butler ist Maxine Elliot Professor für Komparatistik und kritische Theorie an der University of California, Berkeley.

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Diskussionen können ein Kampf sein

Auch verbal läuft das Spiel um den Status nicht immer gesittet ab. Diskussionen können ein Kampf sein. Mitja Back ergänzt: „Häufig ist gar nicht klar, was Wissen und was Meinung ist. Was die objektiv bessere Idee oder die zielführendere Lösung ist. Im Dschungel der Argumente orientieren wir und deswegen häufig an der Selbstsicherheit und Dominanz, mit der Menschen ihre Lösungsvorschläge vorbringen.“ Viele Menschen kennen Diskussionen in Gruppen, die sich immer mehr zu einem verbalen Schlagabtausch zwischen zwei Egos zuspitzen. Die anderen Beteiligten verstummen und schauen etwas ungläubig zu. In diesen intellektuellen Schlachten geht es nicht mehr um das eigentliche Thema, sondern darum, die Diskussion zu „gewinnen“. Mitja Back ist seit 2012 Professor für Psychologische Diagnostik und Persönlichkeitspsychologie an der Universität Münster.

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Der Hassende will den Gehassten schädigen

Alle feindseligen Gefühle sind Ablehnungsgefühle, dies gilt auch für die scheinbar harmloseren Verwandten des Hasses wie Ärger, Ekel, Empörung, Neid, Verachtung, Wut und Zorn. Christoph Demmerling weiß: „Der Hass ist nicht deshalb ein so brisantes Gefühl, weil er eine Form der Ablehnung darstellt, sondern weil er – anders als aversive Gefühle wie Ekel, Wut oder Zorn – auf die Schädigung des Gehassten zielt.“ Darauf sind die Kräfte des Hassenden in konzentrierter Form gerichtet. Die mit dem Hass verbundenen destruktiven Energien und Impulse der Mobilisation scheinen ungleich größer als im Fall anderer negativer Gefühle. Hass ist mit Feindschaft und in der Regel mit offener Gewalt oder zumindest mit Gewaltphantasien verbunden. Univ.-Prof. Dr. Christoph Demmerling lehrt Philosophie mit dem Schwerpunkt Theoretische Philosophie an der Friedrich-Schiller-Universität in Jena.

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Angst findet immer auf drei Ebenen statt

Ängstliche Gefühle sind ein fester und gesunder Bestandteil der menschlichen Gefühlsklaviatur. Allerdings sind sie derart unangenehm, dass die meisten Menschen sie am liebsten nie fühlen würden. Die Angst vor der Angst und die Vermeidung all der Umstände, in denen der empfindliche Alarmschaltkreis anspringen könnte, verstärkt das Problem. Franca Cerutti weiß: „Konkret gesagt: 15 bis 20 Prozent aller Menschen sind einmal in ihrem Leben von einer Angststörung betroffen, Frauen doppelt so häufig wie Männer.“ Angst findet immer auf drei Ebenen statt: Sie erfasst das Denken, beeinflusst das Verhalten und verändert das Gefühl. In ihrem Buch „Psychologie to go! Wie verrückt sind wir eigentlich?“ erklärt die Psychotherapeutin mit eigener Praxis und Podcasterin Franca Cerutti, was im Körper eines Menschen bei psychischen Erkrankungen, die oft unseren Alltag erschweren, konkret passiert.

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Identität und Erinnerung sind eng verbunden

Das Alter ist auch die Zeit der Erinnerung. „Erinnerung ist die Gegenkraft zur Ohnmacht des Lebens“, so der Philosoph Emil Angehrn. Durch die Erinnerung wird das Vergangene durchschaubarer und verstehbarer. Barbara Schmitz ergänzt: „Uns bietet sich damit eine Möglichkeit, der vergangenen Zeit etwas entgegenzusetzen. Und die Erinnerung erlaubt uns zu verstehen, wer wir sind, wie wir die geworden sind, die wir sind.“ Die enge Verbindung zwischen Identität und Erinnerung wird im Alter besonders sichtbar. Der narrative Ansatz ist auch im Kontext von Generativität hilfreich. Das Erzählen der eigenen Lebensgeschichte, die Weitergabe von eigenen Erfahrungen kann einen positiven Effekt auf schmerzhafte Erlebnisse des eigenen Lebens haben, kann mit ihnen versöhnen. Barbara Schmitz ist habilitierte Philosophin. Sie lehrte und forschte an den Universitäten in Basel, Oxford, Freiburg i. Br., Tromsø und Princeton. Sie lebt als Privatdozentin, Lehrbeauftragte und Gymnasiallehrerin in Basel.

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Es gibt ein „Metamodell der Sprache“

In der achtsamen Sprache geht man unter die Oberfläche, um in die Tiefe zu gelangen. Thomas W. Albrecht erklärt: „Wir sind neugierig, was sich hinter den gesagten Sätzen verbirgt, wie das Erlebte sich möglichst vollständig darstellt.“ Die Formulierung mancher Hinterfragung mag sprachlich etwas holprig klingen, das hat jedoch seinen guten Grund. Man will bei der Hinterfragung den Wortlaut der Aussage so umstellen, dass unter Verwendung derselben Worte eine Frage formuliert wird. Der Sprachgebrauch eines Gesprächspartners soll möglichst unverändert übernommen werden, denn andere Worte können für ihn eine andere Bedeutung haben und somit etwas anderes aus der Tiefenstruktur repräsentieren. Das soll vermieden werden. Beim Hinterfragen geht es nicht nur darum, die Aussagen besser zu verstehen, sondern es dem Gegenüber zu ermöglichen, die Verbindung zu seiner Tiefenstruktur zu ermöglichen. Thomas W. Albrecht ist Experte für Kommunikation und Rhetorik.

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Kinder beklagen sich über ihre Eltern

Die meisten Menschen suchen Kontakte mit Personen, die ihnen gut tun und meiden Mitmenschen, die sie kränken. Wolfgang Schmidbauer weiß: „Kinder und Eltern verhalten sich oft gänzlich anders. Sie suchen, längst erwachsen und wirtschaftlich getrennt, immer noch nach Nähe und klagen über einen Mangel an Aufmerksamkeit.“ Sie weisen Geschenke zurück, die sie von anderen annehmen würden. Sie wollen verstanden werden. Der Gedanke, dass Eltern nicht nur körperliche Bedürfnisse befriedigen und die Kinder in der Anpassung an die gesellschaftliche Realität unterstützen, sondern sie verstehen und glücklich machen, hat durchaus zweischneidige Folgen. Eltern ahnen oft nicht, welche Macht ihnen zugeschrieben wird. Sie sind hilflos gegenüber Aktionen des erwachsenen Kindes, die sich gegen eine Besatzungsmacht richten, von der die Eltern gar nicht wissen, dass sie existiert. Wolfgang Schmidbauer gilt als einer der bekanntesten Psychoanalytiker Deutschlands.

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Bedürfnisse verwandeln sich oft in Vorwürfe

Erwartungstypen sind Bedürfnisse, die zumindest teilweise unreflektiert in den tiefen Schichten des Bewusstseins eines Menschen schlummern. Erst der äußere Anstoß des Nicht-Erfüllens verlagert sie ins Bewusstsein. Diese Chance wird jedoch selten genutzt. Reinhard K. Sprenger stellt fest: „Wir haben in der Regel nicht gelernt, uns selbst über unsere Bedürfnisse, Wünsche und Erwartungen aufzuklären, noch haben wir gelernt, darüber zu sprechen. Deshalb lenken wir sie aggressiv nach außen.“ Wenn Menschen sprechen, dann im Modus der Anklage: Sie externalisieren. Das haben sie gelernt. Daher kommen ihre Bedürfnisse zumeist in grimmiger Form ans Tageslicht: Bedürfnisse werden in Vorwürfe verwandelt. Unausgesprochene Erwartungen sind ebenso zugänglich wie üblich: Erwartungen und Maßstäbe sind dabei nicht abgeglichen worden. Reinhard K. Sprenger, promovierter Philosoph, ist einer der profiliertesten Führungsexperten Deutschlands.

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