Verwandeln sich Menschen in bessere Wesen, wenn sie über Moral nachdenken? Das wollte der amerikanische Philosoph Eric Schwitzgebel überprüfen. Dazu verglich er das Verhalten von Moralphilosophen mit dem von Kollegen, die sich nicht professionell mit Ethik beschäftigen. Das Ergebnis ist auf den ersten Blick ernüchtern. Philipp Hübel stellt fest: „Ethiker spenden weder mehr Blut noch mehr Geld für gute Zwecke. Sie antworten nicht zügiger auf E-Mails und rufen auch ihre Mutter nicht häufiger an als andere Menschen.“ Mehr noch, in den Universitätsbibliotheken der Philosophischen Institute werden mehr als doppelt so oft Bücher zum Thema Ethik gestohlen als zu anderen philosophischen Disziplinen. Philipp Hübl ist Philosoph und Autor des Bestsellers „Folge dem weißen Kaninchen … in die Welt der Philosophie“ (2012).
Moral
Der Charakter macht den Menschen aus
In der Philosophie behandelt man die Frage „Welche Eigenschaft darf ich nicht verlieren, um weiterhin als Person zu existieren?“ unter dem Thema „personale Identität. Dabei geht es nicht um die Gruppenzugehörigkeit wie bei der Identitätspolitik. Sondern es geht darum, was einen Menschen über einen längeren Zeitraum zu derselben Person macht. Wenn sein moralischer Charakter einen Menschen als Person ausmacht, dürfte er ihn nicht verlieren, denn das käme dem Sterben gleich. Selbst wenn der Körper beispielsweise im Koma weiterexistierte. Philipp Hübl ergänzt: „Meine Arme und Beine hingegen könnte ich verlieren und wäre immer noch dieselbe Person. Nur eben mit einem veränderten Körper.“ Was also macht die Identität eines Menschen aus? Philipp Hübl ist Philosoph und Autor des Bestsellers „Folge dem weißen Kaninchen … in die Welt der Philosophie“ (2012).
Jeder ist von einem Berg an Übeln umgeben
Anderes als frühere Generationen ist der Einzelne heute von einem Berg an Übeln umgeben, für die er unmittelbar verantwortlich ist. Zum Beispiel für die Methoden, mit denen die Rohstoffe für seine Unterwäsche oder sein Handy gewonnen wurden. Ein Smartphone ist der Beweis dafür, dass die gesamte Umgebung ständig von Ausbeutung und Umweltschäden belastet ist. Nadav Eyal stellt fest: „Wir können wenig tun, um das Ausmaß unserer Komplizenschaft einzugrenzen. Außerdem sind wir uns, im Gegensatz zu unseren Vorfahren, dieses moralischen Versagens zutiefst bewusst.“ Selbst wenn man lieber nichts davon wissen will, könnte man zumindest davon wissen. Nun kann der Mensch zum Einsiedler werden und sich ganz von der Zivilisation abkoppeln. Oder er schließt sich Gemeinschaften an, die versuchen, die Ausbreitung dieser Übel zu vermeiden. Nadav Eyal ist einer der bekanntesten Journalisten Israels.
Moral und Identität sind eng verbunden
Der schottische Philosoph David Hume schrieb 1738 in seinem „Traktat über die Menschliche Natur“ folgendes: „Die Vernunft ist nur ein Sklave der Affekte und soll es sein. Sie darf niemals eine andere Funktion beanspruchen als die, denselben zu dienen und zu gehorchen.“ Moralische Themen lassen die meisten Menschen nicht kalt. Immer wenn es um Werte geht, fühlen sich manche Zeitgenossen dazu aufgerufen, wütende Leserbriefe und Rezensionen zu schreiben oder einen Shitstorm auf Twitter zu starten. Von Hasskommentaren einmal ganz abgesehen. Philipp Hübl ergänzt: „Je mehr es bei Themen um Moral geht, desto stärker verbinden wir sie mit unserer Identität und desto emotionaler reagieren wir.“ Philipp Hübl ist Philosoph und Autor des Bestsellers „Folge dem weißen Kaninchen … in die Welt der Philosophie“ (2012).
Die Moral setzt sich aus Werten zusammen
Der Begriff „Moral“ bezeichnet ein Bündel von Werten und ethischen Gesetzen, an denen sich „gute“ Menschen orientieren. Damit reguliert sich das zwischenmenschliche Verhalten einer Gruppe, sobald die Menschen sie verinnerlicht hat und befolgt. Damit vermeidet man Schuldgefühle und negative Konsequenzen seitens der Gemeinschaft. Helga Kernstock-Redl erläutert: „Die „Menschenrechte“ definieren zum Beispiel eine solche Wertesammlung, die weithin anerkannt ist. Meistens jedoch sind die geltenden Moralvorstellungen in einer Gruppe oder Familie nicht niedergeschrieben.“ Mehr noch: Den Menschen ist oft gar nicht bewusst, welchen moralischen Regeln sie wie selbstverständlich folgen. Erst die Übertretung macht sie sichtbar: „Das tut man nicht!“ Noch vielschichtiger wird dieses Thema, weil die aktuell wirklich gültige Moralvorstellung einer Gemeinschaft oder Einzelperson den offiziellen Gesetzen durchaus widersprechen kann. Helga Kernstock-Redl ist Psychologin und Psychotherapeutin. Sie beschäftigt sich vor allem mit der Psychologie der Gefühlswelt.
Skandale bringen schlechte Eigenschaften hervor
Über Skandale können die Schattenseiten des Daseins ausagiert werden. Alle Menschen kennen die Gefühle des Neids, können eifersüchtig sein, haben sexuell Fantasien, sind von Gier getrieben oder kämpfen mit Gelüsten der Rache. Allan Guggenbühl fügt hinzu: „Solche Empfindungen gestehen wir uns jedoch nicht ein. Wir lassen sie nicht zu, da sie im Widerspruch zu unserem Selbstbild stehen.“ Die meisten Menschen versuchen gut zu sein und verdrängen Eigenschaften, die zwar menschlich, aber unerwünscht sind. Skandale bringen diese zum Vorschein. Statt über sich selbst nachzudenken, regt man sich über das finstere Treiben anderer Menschen auf. Man kann sich dann mit seinen Mitmenschen im Kampf gegen diese unheimlichen Seiten verbünden und sich gleichzeitig selbst beweisen, dass man eben nicht so ist. Allan Guggenbühl ist seit 2002 Professor an der Pädagogischen Hochschule Zürich tätig. Außerdem fungiert er als Direktor des Instituts für Konfliktmanagement in Zürich.
Charakter und Moral prägen die Identität
Die meisten Menschen denken beim Begriff „Gedächtnis“ in der Regel an autobiographische Erinnerungen, an Erlebnisse und Episoden aus der Vergangenheit. Seit John Locke haben auch viele Philosophen diese Form des Gedächtnisses als das entscheidende Merkmal der personalen Identität angesehen. Philipp Hübl ergänzt: „Doch auch andere Fähigkeiten und Eigenschaften müssen im Gedächtnis gespeichert sein: das sprachlich verfasste Faktenwissen wie „Sizilien liegt am Mittelmeer“.“ Dazu zählt auch die Sprachfähigkeit, die die mentale Grammatik und das mentale Lexikon umfasst. Zum Beispiel nichtsprachliches Hintergrundwissen über die Beschaffenheit von Schnee, praktisches Können wie Klavier spielen oder Auto fahren, Wünsche oder Vorlieben, beispielsweise ob man lieber Arzt oder Architekt werden will, saure Gurken mag oder sich für den Expressionismus begeistert. Philipp Hübl ist Juniorprofessor für Theoretische Philosophie an der Universität Stuttgart.
Viele Menschen wollen Spaß bei ihrer Arbeit haben
Vieles von dem, was Menschen bei der Arbeit tun, tun sie auch außerhalb der Arbeit. Menschen lügen, um sich vor Dingen zu drücken, die sie nicht tun wollen. Sie betonen ihre guten Eigenschaften, um besser dazustehen. Sie sind gehässig gegenüber Kollegen, weiden sich am Unglück derer, die sich hassen. Zudem stehlen sie aus Eigennutz, missbrauchen Machtpositionen und betrügen, um vorwärtszukommen. Julia Shaw stellt fest: „Wir haben es hier einfach nur mit Menschen zu tun, die menschliche Dinge tun, und das zufällig bei der Arbeit. In vielerlei Hinsicht sind Unternehmen lediglich Mikrokosmen menschlicher Erfahrungen.“ Viele Menschen gehen nicht nur des Geldes wegen zur Arbeit. Sie wünschen sich normalerweise auch, dass ihre Arbeit erfüllend und sozial ist und dass sie ihnen Spaß macht. Julia Shaw forscht am University College London im Bereich der Rechtspsychologie, Erinnerung und Künstlicher Intelligenz.
Julia Shaw ist Expertin für moralische Blindheit
Geld verändert die Beziehung eines Menschen zur Moral. Julia Shaw erläutert: „Die bloße Existenz von Geld fungiert zusammen mit komplexen Geschäfts- und Vertriebswegen als Puffer zwischen uns und dem Ursprung unserer Produkte. Das kann dazu führen, dass wir uns zutiefst auf unethische Weise verhalten.“ Julia Shaw kann es beweisen. Sie nennt drei Dinge und der Leser muss entscheiden, ob er sie für böse hält. 1. Prostitution. 2. Kinderarbeit. 3. Tierquälerei. Und wie sieht es mit folgendem aus? 1. Pornografie. 2. Ramschware. 3. Massentierhaltung. In vielen Ländern, in denen die Prostitution illegal ist, ist die Pornografie es nicht. Julia Shaw vertritt die Meinung, dass dies ausgesprochen heuchlerisch ist. Julia Shaw forscht am University College London im Bereich der Rechtspsychologie, Erinnerung und Künstlicher Intelligenz.
Moralische Urteile drücken Wertungen aus
Bei moralischen Prinzipien geht es darum, Schaden zu vermeiden. Warum gilt: „Du sollst nicht töten“ und „Du sollst nicht stehlen“? Weil die Folge einen Schaden für jemanden darstellt: den Verlust des Lebens und des Besitzes. Philipp Hübl stellt fest: „Unsere moralischen Urteile drücken also Wertungen aus. Und unsere Emotionen in gewisser Weise auch.“ Eine Spielart der Angst ist die Hemmung, andere zu töten. Auf der Seite der Moral ist das Tötungsverbot für alle Menschen und Kulturen ein universelles Gesetz. Jedem ist klar, dass das Leben einen Wert darstellt und der Tod als Verkürzung des Lebens somit einen Schaden anrichtet. Die Stärke der Angst spielt also für die moralische Einschätzung eine nicht unbedeutende Rolle. Philipp Hübl ist Philosoph und Autor des Bestsellers „Folge dem weißen Kaninchen … in die Welt der Philosophie“ (2012).