Ob Menschen zusammenpassen, spüren sie auch darüber, ob sie den Geruch des potenziellen Partners als angenehm oder weniger angenehm wahrnehmen. Liebe geht nicht „durch den Magen“, sondern vor allem auch „durch die Nase“. Heinz-Peter Röhr vergleicht: „Für die Urmenschen stand Riechen für die Lebensbewältigung im Vordergrund. Der moderne Mensch lebt rational, mithilfe seiner intellektuellen Fähigkeiten; er kalkuliert, überlegt und entscheidet.“ Leitend ist hier der für das Rationale zuständige Teil des Gehirns, das rationale Gehirn, der sogenannte Neokortex. Nur wer sich dafür öffnet, bemerkt, dass das Instinktive nicht verschwunden ist. Manche Entscheidung wird aus dem „Bauch“ heraus gefällt, weil bestimmte Gefühle den Ausschlag gaben. Heinz-Peter Röhr ist Pädagoge und war über dreißig Jahre lang in der Fachklinik Fredeburg/Sauerland für Suchtmittelabhängige psychotherapeutisch tätig.
Gehirn
Hitler und Stalin waren nicht psychisch krank
Einmal sollte Manfred Lütz in einer Fernsehsendung zum Thema „Hitler und die Frauen“ Stellung nehmen. Er regte jedoch an, lieber einen Historiker oder vielleicht einen Romancier zu interviewen, denn Adolf Hitler war ja nicht psychisch krank. Manfred Lütz erläutert: „Adolf Hitler war eine monströse Erscheinung, maßlos in seinem Hass, in seiner Aggression, in seinem Vernichtungswillen. Aber psychisch krank war er nicht.“ Zu behaupten, Adolf Hitler sei krank gewesen, banalisiert das Entsetzliche der historischen Katastrophe, die dieser Mensch zu verantworten hat. Es gibt für das Böse, das Hitler getan hat, aber auch für die, die mitgemacht haben, keine Entschuldigung. Kriege werden ohnehin nie von psychisch Kranken geführt. Denn dazu bedarf es einer allzu ausdauernden Zielstrebigkeit. Dr. med. Dipl. theol. Manfred Lütz ist Psychiater, Psychotherapeut, Kabarettist und Theologe.
Menschen interpretieren Dinge fast nie isoliert
Meistens begegnen Menschen die verschiedensten Dinge in einem bestimmten Zusammenhang. Und sie haben alle eine große Anzahl von komplexen Erinnerungen und Schemata – intuitive Vorstellungen davon, wie die Welt funktioniert. Julia Shaw erklärt: „Fast nie interpretieren wir einen Gegenstand isoliert, sondern bringen Erinnerungen in unsere Deutung der Welt ein.“ Wenn man eine Blume anschaut, sieht man nicht einfach Formen und Farben. Sondern man weiß auch, dass man Teile einer Pflanze sieht, die man „Blume“ nennt, und dass man sie im Allgemeinen nicht essen kann. Man weiß auch, dass die Blume im Raum existiert und den Gesetzen der Schwerkraft unterliegt. Diese Fähigkeit, relativ elementare Informationen zu interpretieren und in einen Sinnzusammenhang zu bringen, ist überraschend komplex und von Erinnerungen abhängig. Die Rechtspsychologin Julia Shaw lehrt und forscht an der London South Bank University.
Gehirn und Körper formen den Geist
Üblicherweise gehen viele Menschen davon aus, dass der Geist vom Gehirn oder Zentralnervensystem erschaffen wird. Bei genauerem Hinsehen kann man allerdings erkennen, dass das nicht alles ist. David Gelernter erklärt: „Zu unseren Geisteszuständen gehören Gedanken und Gefühle; der Geist entsteht durch die Zusammenarbeit von Gehirn und Körper.“ Als einer von mehreren Philosophen spricht Ronald de Sousa von einem „zweispurigen Geist“, und bei den Spuren handelt es sich um „intuitive“ und „analytische“ mentale Abläufe. Auf die Annahme einer solchen Dichotomie kommt nahezu jeder, der schon einmal über den Geist nachgedacht hat. Menschen kommunizieren mit Sprache, auch mit Körpersprache – manchmal ist das so einfach wie ein Lächeln. Man kann sich etwas ausdenken oder nach Gefühl vorgehen. David Gelernter ist Professor für Computerwissenschaften an der Yale University.
Julia Shaw erklärt die Fuzzy-Trace-Theorie
Eine Theorie, die genauer zu erklären versucht, warum Menschen inkorrekte Erinnerungen bilden, heißt Fuzzy-Trace-Theorie. Dabei handelt es sich um eine ausgesprochen elegante Theorie, mit deren Hilfe sich viele Phänomene des Gedächtnisses erklären lassen. Sie postuliert, dass es bei der Erinnerung um zwei Dinge geht: Um eine „gist trace“, eine Spur des Wesentlichen oder des Bedeutungskerns einer Erfahrung und um eine „verbatim trace“, eine wortwörtliche Spur, die eine Erinnerung an die spezifischen Einzelheiten ist. Julia Shaw ergänzt: „Die meisten Erinnerungen enthalten sowohl die Bedeutung erfassende als auch die wortwörtliche Komponente.“ Julia Shaw stellt vier Prinzipien vor, die erklären, wie es zu Erinnerungstäuschungen kommt. Bei dem ersten Prinzip handelt es sich um parallele Verarbeitung und Speicherung. Die Rechtspsychologin Julia Shaw lehrt und forscht an der London South Bank University.
Jungen Menschen brauchen Freiräume
Junge Menschen bedürfen einer Umwelt, die es ihnen in einem hinreichenden Maße erlaubt, grundlegende Bedürfnisse und Wünsche zu befriedigen. Joachim Bauer ergänzt: „Darüber hinaus muss diese Umwelt ihnen aber auch Freiheitsräume zur Verfügung stellen und sie anspornen, eine Zukunft zu entwerfen und für diese selbst etwas zu tun.“ Eine der Voraussetzungen für das Gelingen kreativer Selbstentfaltung ist die Fähigkeit zur Selbststeuerung. Die beiden neurobiologischen Fundamentalsysteme, die das Spielfeld der Selbststeuerung bilden, sind bei Kindern und Jugendlichen nicht in gleichem Maße ausgereift. Das Trieb- oder Basissystem, welches Wünsche nach Wohlbefinden und Genuss sowie die Abneigung gegen Unlust und Schmerz zum Ausdruck bringt, ist dem Präfrontalen Cortex, der den Menschen zur Selbstkontrolle befähigt, in seiner Entwicklung voraus. Der Neurobiologe, Arzt und Psychotherapeut Joachim Bauer lehrt an der Universität Freiburg.
Erinnerungen an die Babyzeit sind unmöglich
Viele Menschen haben ein immenses Interesse für Erinnerungen an ihre frühe Kindheit. Manche interessieren sich sogar für vorgeburtliche Erinnerungen. Julia Shaw erklärt: „Wir alle möchten unsere frühesten Erinnerungen zu fassen bekommen und die Wirkung verstehen, die die Dinge damals auf uns hatten.“ Manche möchten ihre Erinnerungen auch gerne anderen mitteilen. Es gibt unzählige Menschen, die behaupten, sie könnten sich an ihre Geburt erinnern. Oder sie hätten Erinnerungen an ihre Zeit als Baby. Sie wüssten sogar noch, wie ihr Kinderzimmer oder ihr Bettchen aussah. Wenn man einen Moment innehält und überlegt, ist das alles ziemlich unglaubhaft. Wie kann es sein, dass sich diese Menschen an irgendetwas davon erinnern konnten, wenn sie noch so klein waren? Kurz und knapp: Sie konnten es nicht. Die Rechtspsychologin Julia Shaw lehrt und forscht an der London South Bank University.
Georg Milzner betrachtet Multitasking als innere Spaltung
Wenn ein Mensch mehrere Dinge gleichzeitig tut und keines davon richtig, betreibt er Multitasking. Der ursprünglich technische Begriff meint die Möglichkeit eines Betriebssystems, mehrere Arbeitsprozesse nebeneinander ablaufen zu lassen. Georg Milzner ergänzt: „In der Psychologie spricht man von Multitasking da, wo es um das parallele Erledigen zweier oder mehrerer Aufgaben geht. Dass wir das – zum Teil – können, wissen wir alle.“ Auf das, was hier geleistet werden muss, ist der Mensch evolutionär ganz gut vorbereitet. Jeder kann überdies eine Vielzahl peripherer Reize wahrnehmen, während er einer Tätigkeit nachgeht. Multitasking ist allerdings nicht einfach nur das parallele Tun hier und Wahrnehmen da. Von Multitasking spricht die Wissenschaft etwa erst seit zwei Jahrzehnten. Um die Jahrhundertwende galt es als eine ausgesprochene Kompetenz. Georg Milzner ist Diplompsychologe und arbeitet in eigener Praxis als Psychotherapeut.
Es gibt Genies in allen Lebensbereichen
Der Psychologe Frederic Myers beschäftigte sich sein ganzes Leben lang mit Genie und Kreativität. Genie, so Frederic Myers, sei die Fähigkeit, sich das unterschwellige – unbewusste – Denken in stärkerem Maße zunutze zu machen, als es die meisten Menschen täten oder könnten. Seinen Worten zufolge beruht die geniale Eingebung wie auch die Inspiration für kreative Durchbrüche darauf, dass eine Flutwelle unterschwelliger Ideen in den von der betreffenden Person absichtlich gelenkten Ideenstrom einschießt. John Bargh fügt hinzu: „Brillante Einfälle entstehen dann, wen man die unbewussten Geisteskräfte stärker nutzt als die meisten Menschen.“ Es gibt Genies in allen Lebensbereichen, nicht nur in der Wissenschaft und der Literatur. Prof. Dr. John Bargh ist Professor für Psychologie an der Yale University, wo er das Automaticity in Cognition, Motivation, and Evaluation (ACME) Laboratory leitet.
So funktioniert die Psychologie im Alltag
Das Autorenteam des Buchs „Psychologie im Alltag“ erläutern leicht verständlich, wie die menschliche Psyche funktioniert, welche seelischen Krankheiten entstehen können und wie man diese behandelt. Sie zeigen außerdem, wie man psychologische Kenntnisse auf den Alltag anwendet – vom Arbeitsplatz bis zum Sportwettkamp. Mithilfe anschaulicher Grafiken und faszinierender Fakten erklären die Autoren, wie der Mensch denkt, fühlt und wie er in der Realität handelt. Es ist das zentrale Anliegen der Psychologie, das Verhalten auf Basis seiner Gedanken und Gefühle zu erklären. Ebenso analysiert sie grundsätzlich, wie die menschliche Psyche arbeitet, und ermöglicht so dem Menschen eine bessere Selbstwahrnehmung, was seine Gedanken und Handlungen angeht. Das vorliegende Buch betrachtet sämtliche Aspekte der Psychologie – von den Theorien bis zu den Therapien, von persönlichen Aspekten bis zu praktischen Anwendungen –, sie alle sind auf detaillierte Weise dargestellt.