Jungen Menschen brauchen Freiräume

Junge Menschen bedürfen einer Umwelt, die es ihnen in einem hinreichenden Maße erlaubt, grundlegende Bedürfnisse und Wünsche zu befriedigen. Joachim Bauer ergänzt: „Darüber hinaus muss diese Umwelt ihnen aber auch Freiheitsräume zur Verfügung stellen und sie anspornen, eine Zukunft zu entwerfen und für diese selbst etwas zu tun.“ Eine der Voraussetzungen für das Gelingen kreativer Selbstentfaltung ist die Fähigkeit zur Selbststeuerung. Die beiden neurobiologischen Fundamentalsysteme, die das Spielfeld der Selbststeuerung bilden, sind bei Kindern und Jugendlichen nicht in gleichem Maße ausgereift. Das Trieb- oder Basissystem, welches Wünsche nach Wohlbefinden und Genuss sowie die Abneigung gegen Unlust und Schmerz zum Ausdruck bringt, ist dem Präfrontalen Cortex, der den Menschen zur Selbstkontrolle befähigt, in seiner Entwicklung voraus. Der Neurobiologe, Arzt und Psychotherapeut Joachim Bauer lehrt an der Universität Freiburg.

Auf Frustration reagieren Jugendliche mit Aggression

Das Triebsystem ist bei Kindern und Jugendlichen durch genüssliche Angebote leicht verführbar. Auf Frustration reagiert es mit Aggression. Es ist ungeduldig und impulsiv. Verfällt aber, sobald es gesättigt ist, leicht in Bequemlichkeit und Apathie. Der Präfrontale Cortex ist nicht nur für die Selbstkontrolle zuständig, er ist auch kreativ und macht den Menschen sozial. Er ermöglicht die Zusammenarbeit mit anderen und sorgt damit dafür, dem Basissystem Gutes zu tun. Eine funktionierende Selbstkontrolle ist, längerfristig gesehen, also keineswegs gegen die vom Basissystem vertretenden Wünsche und Bedürfnisse gerichtet.

Obwohl Teil der evolutionären Bestimmung des Menschen, ist die Fähigkeit zur Selbstkontrolle und damit auch zur Selbststeuerung nicht angeboren. Genetisch mitgegeben ist dem Menschen nur die Möglichkeit, sie zu erwerben. Der Prozess der Entwicklung und Formung des Präfrontalen Cortex durch soziale Erfahrungen hat einen Namen: Erziehung. Die deutschen Begriffe der Bildung im Allgemeinen und der Ausbildung im Besonderen sind im englischen Wort für Erziehung – „education“ – mitenthalten. In der deutschen Sprache wären die Begriffe Bildung und Ausbildung daher zur Erziehung noch hinzuzufügen.

Soziale Erfahrungen formen das kindliche Gehirn

Mädchen besitzen eine signifikant bessere Fähigkeit zur Selbstkontrolle als Jungen, eine Feststellung, die niemanden überrascht, der eigene Kinder hat oder beruflich mit Kindern oder Jugendlichen zu tun hat. Wer als Kind nur eine geringe Fähigkeit zur Selbstkontrolle aufweist, bricht als Jugendlicher zwischen 13 und 18 Jahren häufiger die Schule ab, wird häufiger schwanger – beziehungsweise hat häufiger eine Schwangerschaft verursacht – und gehört mit größerer Wahrscheinlichkeit zu den Rauchern, im Gegensatz zu Kindern, die sich durch eine besser entwickelte Selbstkontrolle auszeichnen.

Im Alter von 32 Jahren zeigen Personen mit einer einst nur gering entwickelten Selbstkontrolle einen schlechter entwickelten Gesundheitsstatus, sind sozial schlechter gestellt, häufiger alleinerziehend, verdienen weniger und haben mehr finanzielle Probleme. Sie sind zudem häufiger drogenabhängig und straffällig geworden. Joachim Bauer weist darauf hin, dass ein Mangel an Selbstkontrolle im Kindesalter kein genetisch vorgezeichnetes Schicksal ist: „Das kindliche Gehirn formt sich entlang den sozialen Erfahrungen und entlang der Art, wie das Kind erzogen wird, lebt und sein Gehirn benutzt.“ Quelle: „Selbststeuerung“ von Joachim Bauer

Von Hans Klumbies

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