Sex dient nicht mehr nur der Fortpflanzung

Stuart Jeffries erklärt: „Eine der Institutionen, die dem Ende repressiver Kultur und der Freisetzung libidinöser Energie zum Opfer fallen würden, so die verlockende Verheißung Herbert Marcuses, wäre die SSKleinfamilie, die in Amerika der 1950er Jahre geradezu Kultstatus hatte.“ Herber Marcuse schreibt: „Der Körper in seiner Gesamtheit würde ein Objekt der Besetzung, ein Ding, dessen man sich erfreuen kann – ein Instrument der Lust.“ Laut Herbert Marcuse würde diese Veränderung im Wert und im Ausmaß der libidinösen Beziehungen zu einer Auflösung der Institutionen führen, in denen die privaten zwischenmenschlichen Beziehungen organisiert waren, besonders betroffen wäre die monogame und patriarchale Familie. Sex stünde hinfort nicht mehr „im Dienst der Fortpflanzung,“ sondern hätte die „Funktion der Lustgewinnung aus Körperzonen“. Stuart Jeffries arbeitete zwanzig Jahre für den „Guardian“, die „Financial Times“ und „Psychologies“.

Erich Fromm stellt das Ideal eines „produktiven Menschen“ vor

Und damit nicht genug: Nicht nur der gesamte Körper würde erotisiert, sondern auch alles, was man tue – soziale Beziehungen, Arbeit, Kulturschaffen. Noch verblüffender ist, was Herbert Marcuses nichtrepressive Kultur für die Begriffe Produktion und erfüllende Arbeit bedeutet. Für Georg Wilhelm Friedrich Hegel hatte der Mensch seine Identität durch produktive Tätigkeit, durch Leistung verwirklicht, indem „er sich aus der Nacht der Möglichkeit in den Tag der Gegenwart übersetzt“. Und auch Karl Marx hatte betont, dass zur Selbstverwirklichung als Mensch die Herstellung von etwas gehöre.

Schließlich hatte Erich Fromm das Ideal eines „produktiven Menschen“ vorgestellt, einen normativen Charakter, der in dem Ausmaß lebendig ist, wie er „seine spezifisch menschlichen Kräfte zum Ausdruck bringt“. Stuart Jeffries fügt hinzu: „Für Herbert Marcuse hingegen verstärkte diese Betonung der Produktion die kapitalistische Arbeitsethik und das Leistungsprinzip. Sein Argument zeigt, wie weit sich die Kritische Theorie von der marxistischen Orthodoxie entfernt hatte.

Die Trennung von Arbeit und Spiel muss überwunden werden

Karl Marx wurde hier tatsächlich als Philosoph dargestellt, der sich der kapitalistischen Ideologie annäherte, indem er sich für Selbstverwirklichung durch Arbeit aussprach. Das eigentliche Angriffsziel Herbert Marcuses war jedoch nicht Karl Marx, sondern Erich Fromm. Marcuse war der Meinung, Fromm hätte in seine Kritik des kapitalistischen Systems kapitalistische Werte hineingeschmuggelt – ein Punkt, den er später im Zuge eines erbitterten Streits zwischen den beiden Männern noch weiter ausformulierte.

Stuart Jeffries stellt fest: „Allerdings war Marcuse nicht lediglich ein Hedonist, der sich dafür aussprach, dass wir lieber spielen als arbeiten sollen. Er forderte vielmehr, dass die Trennung von Arbeit und Spiel überwunden werden müsse.“ In der Nachfolge von Friedrich Schiller stand er für Spiel und Kunst als emanzipatorische Aktivitäten ein, die das Potential haben, Menschen zu verwandeln, und die vor allem ihre Beziehung zur Arbeit verändern können. In einer nichtrepressiven Gesellschaft könnten erotische Energien in sexuelle Befriedigung, Spiel und kreative Arbeit fließen. Quelle: „Grand Hotel Abgrund“ von Stuart Jeffries

Von Hans Klumbies

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