Psychisch Kranke sind leidende Menschen

Gewiss gab es auch in längst vergangenen Zeiten eindeutig psychisch Kranke. Doch die wurden als solche nicht wahrgenommen. Denn die Psychiatrie war noch gar nicht erfunden. Manfred Lütz blickt zurück: „Und so wurden psychisch Kranke als von bösen Geistern besessen oder schlicht als kriminell betrachtet und entsprechend behandelt. Einige stellte man auf Jahrmärkten zur Schau.“ Noch in den Jahren 1807 bis zu seinem Tod 1843 wurde der psychisch erkrankte Friedrich Hölderlin in seinem „Narrenturm“ in Tübingen trotz aller Freundlichkeit der Wirtsleute im Grunde wie ein Tier gefangen gehalten. ES war nicht die Wissenschaft, sondern es waren unstudierte christliche Ordensleute, die zuerst erkannten, dass psychisch Kranke in Wirklichkeit leidende Menschen waren, und nahmen sich ihrer an. Dr. med. Dipl. theol. Manfred Lütz ist Psychiater, Psychotherapeut, Kabarettist und Theologe.

Im 19. Jahrhundert macht die Psychiatrie große Fortschritte

Erst gegen Ende des 18. Jahrhunderts entdeckte dann die Wissenschaft die psychisch Kranken. Dramatisch befreit auf einem Gemälde in der medizinischen Akademie in Paris der französische Psychiater Philippe Pinel die psychisch kranken von ihren Ketten. Man schrieb das Jahr 1793, in Paris war Revolution und der Revolutionsrat hatte Pinel soeben zum Leiter der Anstalt Bicetre ernannt. Dieses Ereignis gestaltete man später mit viel Fantasie zum Gründungsmythos der modernen Psychiatrie aus.

Im 19. Jahrhundert boomte dann die neue Disziplin. Wilhelm Griesinger erkannte das Gehirn als die Ursache allen Übels: Psychische Krankheiten sind Hirnkrankheiten. Man baute Heil- und Pflegeanstalten. Heilanstalten, um akute Zustände zu heilen. Pflegeanstalten, um chronisch Kranke angemessen zu betreuen. Manfred Lütz stellt fest: „Das war damals ein großer Fortschritt. Man verlegte die Kliniken außerhalb der Städte auf die grüne Wiese, weil man glaubte, frische Luft und Schonung seien gut für die Kranken.“

Emil Kraepelin teilt die Geisteskrankheiten in zwei Gruppen ein

Dadurch brachen freilich oft alle ohnehin schon fragilen sozialen Kontakte dieser Menschen ab und es entwickelten sich psychische Störungen, die durch die Behandlung erst entstanden. Hospitalismus nannte man dieses Phänomen später. Die Kranken standen starr herum, machten wiederkehrende wippende Bewegungen und zeigten andere Auffälligkeiten. Zwar hatte man die psychisch kranken Menschen vor der Verwahrlosung bewahrt, aber dadurch neue Probleme produziert.

Die Wissenschaft allerdings machte tatsächlich Fortschritte. Der deutsche Psychiater Emil Kraepelin teilte vor etwas über 100 Jahren die sogenannten Geisteskrankheiten in zwei Gruppen ein: das heilbare „Manisch-Depressive Irresein“, das nur phasenhaft verlief, und die unheilbare „Dementia praecox“, die chronische „vorzeitige Verblödung“ in der drastischen Terminologie der damaligen Psychiatrie, die Eugen Bleuler dann später Schizophrenie nennen sollte. Bei der ganzen bunten Vielfalt der Verrücktheiten eine solche Zweiteilung zu etablieren, war ein großer Fortschritt. Quelle: „Neue Irre!“ von Manfred Lütz

Von Hans Klumbies

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