Psychiatrische Diagnosen sind nie wahr

Für Manfred Lütz gibt es in der Psychiatrie in Wirklichkeit keine Diagnosen und Klassifikationen: „Es gibt natürlich keine Schizophrenie, es gibt keine Depression, es gibt keine Sucht. Es gibt nur Menschen, die unter verschiedenen Phänomenen leiden.“ Und Diagnosen sind Worte, die Psychiater erfunden haben, um diesen leidenden Menschen kompetent zu helfen. Diagnosen sind Hinweise auf die richtige Therapie. Man kann die Diagnosen also getrost vergessen, wenn man mit den Menschen zu tun hat, die unter psychischen Störungen leiden. Es gibt nämlich auch nicht den Schizophrenen, den Depressiven, den Süchtigen. Es sind vielmehr ganz unterschiedliche beeindruckende Menschen, die zeitweilig oder länger andauernd unter bestimmten außergewöhnlichen Erscheinungen leiden. Und jeder auf eine ganz andere persönliche Weise. Dr. med. Dipl. theol. Manfred Lütz ist Psychiater, Psychotherapeut, Kabarettist und Theologe.

Diagnosen sind Beschreibungen von Phänomenen

Diagnosen können also nicht beanspruchen, Wahrheiten zu sein. Es sind mehr oder weniger nützliche Beschreibungen von Phänomenen. Schließlich darf man nicht vergessen, dass es in Deutschland eine Zeit gab, in der Diagnosen brutal missbraucht wurden. Manfred Lütz weiß: „Da waren sie nicht mehr Hilfen für leidende Menschen, sondern da tat man so, als seien Diagnosen Wahrheiten, tödliche Wahrheiten. Die Identifikation von Menschen mit Diagnosen ist eine Perversion.“

Nicht nur die Theorie der Psychiatrie hat sich in den vergangenen Jahrzehnten gewandelt. In der Praxis hat man die psychisch kranken Menschen aus den psychiatrischen Anstalten draußen vor der Stadt wieder in die Gesellschaft zurückgeholt. Man hat manches Großkrankenhaus aufgelöst, und chronisch psychisch kranke Menschen können nun in normalen Wohnungen oder Wohngemeinschaften leben. Es gilt der Grundsatz „ambulant vor tagesklinisch (der Patient übernachtet zuhause), tagesklinisch vor vollstationär.“

Einige Psychiatrien verzichten auf geschlossene Stationen

So müssen Patienten nur noch selten in einer akuten Krise ins Krankenhaus und da sind die früheren Krankensäle normalen freundlichen Krankenzimmern gewichen. Es gibt auch moderne Modelle alternativer stationärer Behandlung mit mehr Beziehungskonstanz und weniger Unruhe als bei der klassischen Krankenhausbehandlung. Inzwischen gibt es sogar Psychiatrien, die auf geschlossene Stationen verzichten und bei Zwangsunterbringungen ganz auf spezielle Betreuungskonzepte setzen. Früher brachten viele psychisch Kranke Jahre im Krankenhaus zu.

Heute liegt die durchschnittliche Liegezeit in Deutschland bei drei Wochen! Und „Liegezeit“ ist eigentlich auch ein überholter Begriff. Manfred Lütz erläutert: „Denn die Patienten sind tagsüber in der Regel unterwegs zu Therapien, haben Ausgang, halten Kontakt mit Angehörigen und Freunden.“ Die vergleichsweise Kürze stationärer Behandlung ist vor allem darauf zurückzuführen, dass inzwischen jeder Patient in seiner Nähe wirksame ambulante Hilfe nutzen kann, die es ihm ermöglichen, in seinem normalen sozialen Umfeld zu bleiben. Quelle: „Neue Irre!“ von Manfred Lütz

Von Hans Klumbies

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