Selbst-Lust erzeugt Glücksgefühle

Mit sich im Frieden zu leben, mit dem eigenen Selbst halbwegs versöhnt zu sein und in Momenten der Muße immer wieder Gelegenheiten zu finden, bei sich selbst zu sein: Solche „Selbst-Lust“ ist die Quelle tiefer, oft spontan, wie aus dem Nichts auftauchender Glücksgefühle. Joachim Bauer weiß aber auch: „Andererseits bringen Begegnungen mit dem eigenen Selbst viele Menschen in erhebliche Not, was, um dieser Not zu entgehen, ein Bedürfnis nach ständiger Ablenkung hervorrufen kann.“ Wer sucht, der findet: Die modernen Kommunikationsmittel bieten jedem Bedürftigen grenzenlose Möglichkeiten, sich durch ständig eintreffende Signale oder Nachrichten, auf die selbstverständlich sogleich reagiert werden muss, ablenken zu lassen. Das Ergebnis ist ein gehetzter Lebensstil, bei dem die Bremse fehlt und jeder Zwischenraum zwischen Reiz und Reaktion verloren geht. Joachim Bauer ist Arzt, Neurowissenschaftler, Psychotherapeut und Bestsellerautor von Sachbüchern.

Zeit ohne Ablenkung ist fast unerträglich

In den USA durchgeführte Experimente legen nahe, dass es für manche Menschen fast unerträglich zu sein scheint, eine begrenzte Zeitspanne ohne Ablenkung mit sich alleine verbringen zu müssen. Bittet man gesunde junge Menschen, bei denen auch eine psychische Störung ausgeschlossen wurde, in einem Raum, in dem sie sich bequem niederlassen können, und bietet ihnen an, dort entspannt eine gewisse Zeit zu verbringen, dann stellt sich bei vielen Teilnehmern paradoxerweise keine Entspannung ein. Stattdessen macht sich Nervosität breit.

Über viele Jahre wurde in der neurowissenschaftlichen Forschung vor allem untersucht, was im Gehirn passiert, wenn etwas Bestimmtes geschieht: Wenn man etwas tut oder wahrnimmt, über ein spezifisches Problem nachdenkt, sich an etwas Bestimmtes erinnert oder wenn man Eindrücken ausgesetzt ist, die Angst, Wut, Ablehnung, Ekel, Sehnsucht oder Glück in einem hervorrufen. Was aber tut das Gehirn, wenn der Mensch keine Aufgaben zu erledigen hat, auf nichts achten muss, durch nichts abgelenkt oder in emotionalen Aufruhr versetzt ist.

Bei Nichtstun aktiviert das Gehirn das Selbstsystem

Aber was geschieht im Gehirn, wenn ein Mensch scheinbar nichts tut? Die Antwort der Neurowissenschaften auf diese Frage liegt erst seit wenigen Jahren vor. Joachim Bauer erläutert: „Wenn wir – scheinbar – nichts tun und nur dem freien Spiel unserer Gedanken überlassen sind, aktiviert unser Gehirn das Selbst-System.“ Aufgrund seiner starken neuronalen Verdrahtung mit dem Motivationssystem – das gelegentlich auch als Glücksystem bezeichnet wird – wäre zu erwarten, dass es eine Lust sein sollte, mit seinen Gedanken und Gefühlen bei eigenen Selbst zu verweilen.

Wie Joachim Bauer schon erwähnt hat, erzeugt die Vorstellung, dies zu tun, bei vielen Menschen eher unangenehme Gefühle. Im Einklang damit zeigen neurowissenschaftliche Messungen, dass beim „Nichtstun“ – in einem von Mensch zu Mensch unterschiedlichen Ausmaß – begleitend zur Aktivierung der Selbst-Netzwerke auch das neuronale Angstsystem aktiviert ist. Viele erleben daher Angst, wenn sie ihrem Selbst begegnen, was wiederum erklären kann, warum Menschen es peinlich vermeiden, entspannt sich selbst überlassen zu sein und stattdessen ständig nach Ablenkung suchen. Quelle: „Wie wir werden, wer wir sind“ von Joachim Bauer

Von Hans Klumbies

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